Pfalzgeschichte(N)
Ludwig Rüth aus Landau und das Abenteuer Dreigroschenoper
Sie wird wohl nie enden, die Serie der Biografien von zu Unrecht vergessenen Künstlern. Zumeist sind es Lebensläufe, die durch Krieg und politische Wirren gebrochen wurden. Zu dieser Schicksalsgruppe gehört auch Ludwig Stefan Rüth. Als er am 30. Januar 1889 in Landau zur Welt kommt, deutet nichts darauf hin, dass sein Leben ein bewegtes sein wird.
Sein Vater war Generaloberarzt a. D., der sich in der bayerischen Garnison Landau niedergelassen hatte. Ob er in seinem Beruf reich wurde oder ob er geerbt hatte? Jedenfalls konnte er sich ein imposantes dreigeschossiges Wohnhaus in der heutigen Rheinstraße bauen lassen. Es war erst der zweite Neubau in dieser Gegend. Standesgemäß besucht der Junge ab 1903 das Humanistische Gymnasium. Eine große Leuchte ist der Schüler nicht. Im Fach Deutsch liefert er 1907 „die geringste Arbeit“ ab. In Mathematik und Physik ist er aber 1908 der zweitbeste in der Klasse, in Latein, Griechisch und Französisch bleibt er Mittelmaß.
Wiggl geht nach München
Der „Rüthe-Wiggl“, wie ihn seine Mitschüler nennen, ist ein recht unbändiger Junge, der zu einer Zeit Fußball spielt, als dies noch mit Schulstrafen belegt wird. Gleichzeitig aber interessiert er sich auch für Musik, nimmt mit 15 Jahren Klavierunterricht und lernt später noch Cello. Nach dem Abitur leistet er im 1. Königlich Bayerischen Feldartillerie-Regiment sein einjährig-freiwilliges Dienstjahr ab und schreibt sich im Wintersemester 1908/09 in der Philosophischen Fakultät der Ludwig-Maximilian-Universität in München ein. Ein Jahr später beginnt er ein Medizinstudium. Sein neuer Wohnort in der Nußbaumstrasse deutet darauf hin, dass er sich für die Psychiatrie interessiert, denn einige Häuser weiter befindet sich die Psychiatrische Klinik.
Für den offensichtlich unruhigen Geist scheint jedoch auch die Medizin nicht die Zukunft gewesen zu sein. Im Februar 1910 tritt er – zunächst heimlich – in die „Königliche Akademie der Tonkunst“ in München ein.
Als Hauptfach hat Rüth Flöte gewählt und nimmt Unterricht bei Professor Rudolf Tilmetz, einem damals bekannten Virtuosen, der immerhin bei der Uraufführung des „Parsifals“ im Jahre 1882 in Bayreuth gespielt hatte. Im Nebenfach belegt er in den Fächern Kompositionslehre und Dirigieren Kurse bei Professor Anton Beer-Walbrunn, bei dem auch Carl Orff und Wilhelm Furtwängler Schüler waren. Das Wahlfach Harmonielehre scheint ihn wohl nicht sehr zu interessieren. „War nie anwesend“, lautete der Vermerk im Zensurbuch für das Wintersemester 1908/09. Trotzdem erreichte er im Abschlusszeugnis vom Juli 1911 in diesem Fach eine Zwei.
Philharmonisches Intermezzo
In diesem Zeugnis erzielt Rüth im Hauptfach Flöte die Note 1, wie auch in der Allgemeinen Musiklehre und der Musikgeschichte. In Klavier kam er dagegen nur auf eine Drei. Bei der Flöte bleibt er auch bei seinen ersten beruflichen Schritten: Soloflötist an der Hofoper in Stuttgart, dann Engagements in Leipzig und schließlich wieder in München, wo er Flötist an der Staatsoper wird und ab 1914 den heute noch existierenden „Akademischen Orchesterverband“ dirigiert.
Das Jahr 1914 ist auch privat ein wichtiges Jahr. Am 26. April 1914 heiratet er in London (!) die Kaufmannstochter Josephine Ehmayer, und kurz vor Beginn des Krieges, am 30. Juli 1914, verliert er seinen Vater. Im „Landauer Anzeiger“ erscheint am 1. August 1914 die Traueranzeige mit einem eigenartig aktuell anmutenden Text : „Durch den Ernst der Zeit ist es uns leider nur auf diesem Wege möglich, für alle in so reichem Maße erwiesene Teilnahme unsern herzlichen Dank auszusprechen.“
Ob er überhaupt als Soldat an der Front war, ist nicht sicher. Denn während der Kriegszeit tritt er als Dirigent in Berlin, Leipzig, Dresden, Hamburg, Baden-Baden, sowie vom Februar 1917 bis Februar 1918 in Stockholm, Kopenhagen und Oslo auf, wie aus seiner Meldekarte hervorgeht. Eine Kritik aus Hamburg vom 17. Oktober 1916 ist durchweg positiv. Sie spricht von einer entschiedenen Dirigentenbegabung. Mit Bruckners c-Moll Symphonie und einem Werk seines Lehrers Beer-Walbrunn bietet er nicht unbedingt leichte Kost, mit der er die höchste Wertschätzung verdient.
Wo und wie Rüth das Kriegsende erlebt, ist nicht bekannt. Jedenfalls meldet er sich am 19. August 1919 von Berlin kommend in Landau an. Ein Glücksfall für ihn, dass wenige Tage später hier der „Philharmonische Orchesterverein für die Pfalz“ gegründet wird. Rüth wird gegen einige Widerstände zum Ersten Kapellmeister gewählt. Am 15. Februar 1920 findet das Eröffnungskonzert des „Landes-Sinfonieorchesters“ unter seiner Leitung statt. Der Dirigent erweist sich als Meister des Taktstocks und erntet rauschende Beifallskundgebungen. Auch im zweiten Konzert am 28. März wird der Liebling der Landauer Musikfreunde in der Presse als prächtiger Kapellmeister gelobt.
Abschied von der Klassik
Die Karriere Rüths in der Pfalz dauert nicht allzu lange. Der Verein kündigt ihm Anfang 1921, weil er nicht der richtige Zuchtmeister für das Orchester sei und ihm „der nötige pädagogische Einfluß und ausreichende Ausstrahlungskraft“ fehle. Die folgenden Konzertreisen können angesichts der vielen arbeitslosen klassischen Dirigenten keine Dauerlösung sein. In den unpräzisen Biographien ist sogar von einer Depressionszeit die Rede. Tatsache ist, dass er sich 1926 von der Klassik verabschiedet und zum jazzenden Symphoniedirigenten wird. Er macht heitere Musik, „mit der Anmut eines Künstlers, der weiß, wie schwer es ist, heute ernste Musik zu machen“.
Zuerst ändert Rüth den Namen. Werbewirksamer erscheint ihm das Englische. Er heißt jetzt Lewis Ruth. Der Beginn ist dennoch holprig. Zwei Jahre dauert die Durststrecke mit Tingeltouren in den Berliner Etablissements, bis ihn Kurt Weill und sein musikalischer Leiter Theo Mackeben für die Uraufführung der „Dreigroschenoper“ engagiert.
Flucht nach Südafrika
Von nun an geht es bergauf. Die Band begleitete auch alle folgenden Aufführungen des Erfolgsstücks und nennt sich selbst „Dreigroschenband“. Schallplattenaufnahmen und Verträge bei den großen Firmen Odeon und Electrola, zahlreiche Rundfunksendungen folgen. Die Lewis-Ruth-Band gehört nun zu den ganz Großen in der Jazz- und Schlagerszene. Auch in Filmen wirken die Musiker mit: „Die Drei von der Tankstelle“ (1930), die Verfilmung der „Dreigroschenoper“ (1931) oder „Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?“ (1933).
1934 geht die Band auf Tournee durch Europa und im folgenden Jahr quer durch Deutschland. Bis 1937 dauert der Erfolg, dann kommt der Bruch. Die Zeit für Jazzmusik ist unter den Nationalsozialisten zu Ende, und ein von seiner Frau getrennt lebender Bandleader, der jetzt mit einer Jüdin zusammen ist und dann noch ein uneheliches Kind hat, ist für das System untragbar. Rüth verlässt im September 1937 Deutschland in Richtung Südafrika, wohin ihm seine Lebensgefährtin mit der gemeinsamen Tochter im Jahr darauf folgt.
Über die Zeit in Afrika ist (noch) wenig bekannt. Als Mitglied im Musikkorps der britischen Armee schlägt sich Rüth mehr schlecht als recht durch. Und sein Ende ist tragisch. Am 2. April 1941 kam er bei einem Badeunfall am Strand von Durban ums Leben. Ob er wirklich von einem Haifisch gebissen wurde, wie ein ehemaliger Mitschüler schreibt, ist nicht verbürgt. Dann wäre ihm die Zähne dieses Fisches wirklich zum Segen und zum Fluch geworden.
Zur Sache: Lewis Ruth und die Dreigroschenband
Tonfilme (Auswahl):
- „Die Drei von der Tankstelle“; parallel dazu gedreht die französische Version „Le chemin du paradis“ (1930)
- „Ein Tango für Dich“ (1930)
- „Der Schlemihl“ (1931)
- „Die lustigen Weiber von Wien“ (1931)
- „L'opéra de quat'sous“ 1931
- „In Wien hab ich einmal ein Mädel geküsst“ (1931)
- „Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?“ (1933)
- „Roman einer Nacht“ (1933, als Ludwig Rüth)
- „Alte Kameraden“ (1934, als Ludwig Rüth)
- „In Sachen Timpe“ (1934, als Ludwig Rüth)
Zwischen 1928 und 1937 nahmen Lewis Ruth und die Dreigroschenband rund 400 Schellackplatten auf (mehr darüber: Deutsches Schellackplatten- und Grammophonforum e.V.: grammophon-platten.de), darunter Titel wie „Ruth, tanze heut' mit mir kubanisch“ oder „Abends wenn die Lichter glüh’n“, die heute zum Repertoire von Max Raabes Palastorchester gehören.
Auf CD 1999 erschienen: „ Die Dreigroschenband bittet zum Tanz, Originalaufnahmen 1928–1938 “ bei Pumpkin Pie Records, Berlin.
Foto: Sammlung Knochel