Kunst
Kunst und Geheimniskrämerei: der Speyerer Purrmann-Preis
Sanft bewegte Blätter, Regentropfen, Bäume beim Tai-Chi im Wind, Trümmerteile, die über den Asphalt wehen, Wasserschlieren. Der Golf von Mexiko schäumt, wild verwirbeltes Getöse wie auf einem Bild von Caspar David Friedrich. Die US-Flagge am Mast ist zerfleddert und wellt sich mehr, als dass sie flattert. Sekunden dehnen sich zu Minuten: Julius von Bismarck hat den Wirbelsturm Irma, der im August 2017 durch Florida fegte, in Zeitlupe gefilmt – in schwarz-weiß, bedrohlich-schön. Die dringliche Tonspur dazu: der bis zur Unkenntlichkeit verlangsamte Nachrichtenstrom der Katastrophenberichte über den Hurrikan der höchsten Kategorie.
Von Bismarck, der 1983 in Breisach am Rhein geborene und in Riad, Saudi-Arabien, aufgewachsene Urururgroßneffe des Ex-Reichskanzlers, hat die elegische Studie unter den Bedingungen der Evakuierung aufgenommen. Im einzigen noch offenen Hotel untergebracht. Unter die Reporter im Berichterstattungsgebiet gemischt, aber seine Bilder und Wahrnehmung sind ganz anders als ihre.
Die Ästhetik des Sturms
Im ersten Teil verharrt die Kamera still bei der Verheerung. „Plötzlich schaut man in die Ästhetik dieses Sturms“, beschreibt der Künstler selbst das Gefühl dabei. Im zweiten Teil hat sich der Sturm verzogen. Jetzt tauchen auch wieder Menschen auf, Journalisten vor allem, die die Überlieferung der Naturgewalt prägen werden. Julius von Bismarck setzt dem einen romantisch gebrochenen Blick entgegen.
Jetzt ist der Shooting Star der jüngeren Zeit, bekannt für teils extreme Kunstinterventionen, für den Purrmann-Preis nominiert. Er ist einer von sieben Konkurrierenden um die mit 10.000 Euro dotierte Hochkarat-Auszeichnung der Stadt Speyer, denen die Städtische Galerie eine Wettbewerbsausstellung widmet – zusammen mit acht Positionen, die für den Förderpreis aspirieren.
Darunter der Püttlinger Tobias Becker mit einem Installationskommentar zu einem digitalen Gesichtserkennungsprogramm, mit dem er schon den Ludwigshafener Emy-Roeder-Preis gewonnen hat. Und mit Valentina Jaffé und Manuel Wagner zwei, die beide aus Bad Dürkheim stammen. Sie 1990 geboren. Er kam 1989 zur Welt. Sie, jetzt Mannheimerin, zeigt unter anderem eines ihrer „Zip Paintings“, eine farbig ornamentierte Gouache auf einer Bahn aus Seidenpapier, die brautschleierig von einer Art Garderobenhalterung hängt. Wagner, der gerade in Halle seinen Meisterschülerabschluss bei Tilo Baumgärtel vollendet hat, ist mit Mischtechniken auf Baumwolle am Start: Dickichten aus Bildererfindungen mit Realbezug und malerischen Bewusstseinsströmen aus Blasen, Gittern, Wolkenformationen und blickdichten Fetzen.
„Wetterkarten der Seele“, nennt sein Lehrer Baumgärtel die Bilder des talentierten Pfälzers Wagner, der innerhalb der Förderpreisgruppe eine Einzelposition vertritt wie im Hauptwettbewerb die 38-jährige Berlinerin Anna Virnich, die mit textilen Stoffen dreidimensional „malt“.
24/7-Job Farbe
„Textilien sind so persönlich, aber auf der anderen Seite auch so alltäglich“, zitiert sie ein US-Kunstmagazin, „wir leben mit Textilien, und sie sind uns so nahe, dass sie mit Erinnerungen aufgeladen sein können – auf eine sexuelle, raue oder angenehme Art und Weise“.
Die Schau in Speyer ist eine Momentaufnahme der Gegenwartskunst, wenngleich einige gezeigte Arbeiten wie etwa auch das nach einer Schlagzeile betitelte Werk „Irma to Come in Earnest“ von Julius von Bismarck aus dem Jahr 2017, schon älter sind.
Jonas Weichsel, Frankfurter Mal-Enthusiast, Jahrgang 1982, der 24/7 an der Wirkung des Farbauftrags an sich und auf die Wahrnehmung der Betrachtenden laboriert, war am Mittwoch noch damit beschäftigt, letzte Korrekturen anzubringen und die Lambris zu weißeln, deren Anmutung die Betrachtung seiner Arbeiten stört. Auch am Licht wurde noch herumgedoktert, dass es, wenn es funktioniert, aussehen werden lässt, als sei ein Teil eines blauvioletten Keilbilds unvorhanden. Die Werke, an denen der gebürtige Darmstädter zwei Monate sitzt – als Gegenbewegung zum rasenden Stillstand in der Welt – sind diffizil und aus unzähligen schillernden Schichten. Wie Reliefs sehen sie aus, scheinbar ist Gaze über sie gespannt. Auf einem anderen Werk sind 90.000 kleine schwarze Quadrate gereiht, die beim Näherkommen halluzinatorische Effekte auslösen. Eine richtige kleine Retrospektive seines Werks hat Weichsel aufgebaut. Dazu gehört auch eine Wandmalerei aus gelben Streifen, die nur für die Dauer der Ausstellung existiert.
Derweil datiert Yalda Afsahs bedrückender Kurzfilm „Tourneur“ auf 2018, ohne etwas von seiner Aktualität zu verlieren. Er zeigt, wie Jugendliche einen aufgewühlten Stier durch eine schaumgeflutete Arena in der südfranzösischen Kleinstadt Quissac treiben und, von kugeligen Plastikhüllen umhüllt, mit ihm karambolieren. Ein surrealer Stierkampf im Spaßbad, der viel davon erzählt, wie Menschen Tieren begegnen – nicht respektabel. Die 1983 in Berlin geborene Deutsch-Iranerin Asfah schert sich sehr um das ungleiche Verhältnis, bei dem nie unklar ist, wer wen dominiert.
In ihrem neuen Film „SSRC“, 2022 entstanden, übt sich ein Taubenschwarm in der Luft in unerkennbaren Formationen. Dann trudeln einzelne Vögel rückwärts und stürzen ab in die Tiefe, bevor sie wieder ihre Flugbahn aufnehmen. Menschen stehen und schauen der antrainierten Choreografie am Himmel über Los Angeles zu. Die Tiertrainer vom ortsansässigen „Secret Society Roller Club“ fachsimpeln am lebenden Objekt, füttern sie und erzählen, wie sie sich stundenlang mit ihren Vögeln beschäftigen.
Männer, Turteltauben
Für ihn sei das „Hobby“ Rettung, sagt einer der Männer. So hält die Künstlerin das Abhängigkeitsverhältnis von Mensch und Taube doch noch in der Schwebe. Dagegen lässt Leon Kahane, Berliner, der auch in Tel Aviv lebt und arbeitet, kaum Zweifel aufkommen, auf wen sein Werk zielt: Julia Stoschek, die Nachfahrin von NS-Profiteuren, die heute zu den international wichtigen Sammlerinnen von Videokunst zählt.
Zu sehen sind 20 der heute noch in der Prepperbewegung populären Kanister (Jerrycans). Auf einem darauf installierten Bildschirm erzählt ein Comic-Opi, britischer Kriegsveteran, der ein bisschen aussieht wie Bernd das Brot mit Kanisterleib, die Geschichte. Stoscheks Großvater Max Brose, NSDAP-Mitglied von 1933 bis 1945 und später Wehrwirtschaftsführer, hat den Benzinbehälter im NS-Auftrag für die Verwendung im Krieg entwickelt. An der Produktion waren unter anderem wohl sowjetische Kriegsgefangene beteiligt, wie viele genau: unbekannt. Die US-Amerikaner klauten die Erfindung. Die Briten bauten das Teil nach, eine geniale Erfindung, die den Alliierten half, den Krieg zu gewinnen.
Der Titel „Jerrycans to can Jerry“ von Leo Kahanes Video spielt auf einen gleichnamigen zeitgenössischen britischen Propagandafilm an, der den Jerrys (Deutschen) droht, sie mit den eigenen „Waffen“ (den Jerrycans) zu schlagen (to can) – was dann auch passierte. Ob der Künstler damit auch den Purrmann-Preis gewinnt, ist noch ungewiss.
Eine Konkurrentin weniger
Zumindest ist durch die Absage von Nora Turato eine Konkurrentin weniger im Rennen. Anderseits sind zwei Arbeiten in Speyer noch gar nicht zu sehen. Der Schwede John Skoog, Professor für Film an der Kunsthochschule in Mainz, zeigt sein Hauptwerk neben einer sechsteiligen Fotoserie, den abendfüllenden Spielfilm „Säsong (Ridge)“ aus dem Jahr 2019 erst eine Woche nach der Preisverleihung im Theatersaal in Speyer. Immerhin ist bekannt, um was es geht, die Landschaft, die Menschen, Bauernhöfe, Traktoren, Maschinen.
Die Performance-Künstlerin Florence Jung dagegen hat bisher nur ein Paket geschickt. Nur von der Jury zu öffnen. Anke Illg vom Speyerer Kulturbüro erzählt, dass die öffentlichkeitsscheue Künstlerin öfter anruft, um sich zu vergewissern, dass ihre Anweisung befolgt wird. Die Kunst der Französin, die in Biel in der Schweiz lebt, siedelt irgendwo zwischen szenischer Kunst, Installation und Performance.
In ihrer jüngsten Arbeit in Siegen inszeniert sich ein Chatbot als toxischer Liebhaber. In Zürich schickte sie die Besucherinnen und Besucher durch einen kafkaesken Zimmer-Parcours und testete ihre Neigung zu gehorchen. So wurde dazu aufgerufen eine Nummer, 077 505 03 62 anzurufen: „Falls dein Haupttalent darin besteht, dass dir alles scheissegal ist“, oder: „Falls du dich sehen willst, wie du gesehen wirst“. Wer nachgab, bekam noch Tage später rätselhafte Kurznachrichten mit der Frage, ob die Tür geschlossen sei. In Speyer: alles offen.
Der Preis und die Schau
Der Purrmann-Preis wird am 11. Februar, 16 Uhr im Historischen Ratsaal in Speyer bekanntgegeben und verliehen. Dann ist auch die Nominierten-Ausstellung in der Städtischen Galerie zu sehen. Bis 12. März.