Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Kratzen am Denkmal: Eklat um eine Ausstellung im Herrenhof in Mußbach

Phantastisch: Gemälde „Weisses Pferd“ von Dietmar Gross.
Phantastisch: Gemälde »Weisses Pferd« von Dietmar Gross.

Im Herrenhof in Mußbach sind seit heute die Bilder der Künstlergruppe „NEUE Meister“ zu sehen. Statt der von Otfried Culmann organisierten „art imaginär“, die pandemiebedingt um ein Jahr verschoben worden ist. Jetzt hat Culmann die Großausstellung endgültig abgesagt – für immer. Und wutentbrannt. Was das alles mit dem Tod des Herrenhof-Übervaters Gustav-Adolf Bähr zu tun hat.

Kann sein, dass er sich das anders vorgestellt hat. Seit September arbeitet Markus Lichti für die Fördergemeinschaft Herrenhof. Als Kulturmanager. Bezahlt aus Mitteln des Landes-Kulturministeriums. 30 Stunden im Monat. Eine Art 1/5-Stelle. Dabei hat er jetzt für drei zu tun.

Er wolle sich um die Reputation des Herrenhofs bemühen, hatte Lichti bei seiner Inthronisation angekündigt. Aber so, wie es aussieht, wird die überregional ausstrahlende Kulturinstitution gerade beschädigt. Es geht dabei auch um Eitelkeiten, ein Vermächtnis, Machtmotive womöglich. Die Stimmung in der 837 Mitglieder zählenden Fördergemeinschaft ist, zumindest von außen betrachtet, na ja, angespannt. Kein Wunder, dass die Verkaufsausstellung der Künstlergruppe NEUE Meister mit dem Gast Dietmar Gross, die gestern eröffnet hat, unter keinem guten Stern steht. Und so endete schon ein Pressetermin vorab unverblümt im Bizarren.

Im Herrenhof gehen seit 1991 Workshops, Konzerte, Kunstschauen, Lesungen über die denkmalgeschützte Bühne. Veranstaltet von der Fördergemeinschaft. Die Biennale „art-imaginär“ in der historischen Hofgutanlage aber artete in der Vergangenheit regelmäßig zum gesellschaftlichen Ereignis aus. Von weit her reisten die Künstler und Gäste zu der Großausstellung mit vielen Dutzenden Arbeiten an. Gezeigt wurden unter anderem auch Werke der Kategorie Arik Brauer, Edgar Ende oder Leonor Fini. Phantastische Kunst, wie sich die Richtung nennt.

Seit Jahrzehnten beharren ihre Vertreter/innen auf ihren Status als selbstbewusste Außenseiter des Betriebs. Gleichwohl werden Traditionslinien bis hin zur Renaissancemalerei gezogen. Der Dalí-Surrealismus ist wesensverwandt. Es gibt Anklänge an den metaphysischen Realismus, den Manierismus, den Symbolismus, Leonardo da Vinci. Den Kitsch auch. Der Stil ist mit Vorliebe auftrumpfend altmeisterlich Aber auch die Filmmonster des Schweizer Hollywoodausstatters und Alien-Erfinders HR Giger (1940-2014) sind hoch willkommen.

In den besten Zeiten der seit 2007 abgehaltenen „art imaginär“ jedenfalls sah man etwa den Wiener Exzentriker Ernst Fuchs als selbsternannten Leonardo-Nachfolger stilecht mit buntbesticktem Käppi in Mußbach zwischen der Pfälzer Kunst-Hautevolee Hof halten. Jetzt sind das tempi passati. Und nicht nur, weil Fuchs 2015 gestorben ist. Vielmehr hat der Urheber und Organisator des Ganzen, Otfried Culmann, den Bettel hingeworfen – wutentbrannt.

Für immer sei es das für den Herrenhof als Veranstaltungsort der „art imaginär“ gewesen, sagt der Künstler, der in der Pfälzer Szene für seine markante Streitbarkeit, wie soll man sagen, weltberühmt ist. Zahlreiche andere Institutionen hätten ihm schon eine neue Heimstatt dafür angeboten.

Culmann ist ein so selbstbewusster wie zugewandter Mann, der schwer regionalpatriotisch unterwegs ist. Und stets kontrovers und mit Hut. Pfarrerssohn, Meister-Schüler von Mac Zimmermann in München. Früh Stipendiat der Villa Massimo in Rom. Sein mythisch-mystisches Werk gemahnt mit seinen traumverspielten Bühnen leise an De Chirico – unter anderem. Im Ex-Pfarrhaus in Billigheim betreibt der 71-Jährige dazu einen publikumsträchtigen Traumgarten.

Neue Meister? Dem Sultan von Oman gefällt das

„Memoiren eines Phantasten“, hat Culmann seine vor einiger Zeit erschienene Autobiografie genannt. Fast 400 Seiten, auf denen er etwa beschreibt, wie Dalí und er sich einmal gegenseitig ihre Bilder zeigten. Als Ko-Vorstand des Vereins Gesellschaft für phantastische und visionäre Kunst, „Labyrinthe“, ist er mit Gleichgesinnten vernetzt wie wohl kein anderer. Ein Umstand, den er sich als „art imaginär“-Impresario zunutze gemacht hat.

Warum er so sauer ist? Wegen der angesprochenen NEUE-Meister-Schau. Auch wenn die als Lückenfüller dient für die „art imaginär 2020“, die Culmann selbst – pandemiebedingt – auf nächstes Jahr verschoben hat. Und obwohl fünf der sechs ausstellenden Künstler/innen auch schon bei diversen „art imaginär“-Schauen vertreten waren. Das heißt: gerade deswegen.

Alle sind Phantastische Realisten wie der Bremer Siegfried Zademack, auf dessen postertauglichen Bildern in Mönchskutten gehüllte Gestalten luziferisches Kerzenlicht in die Höhe halten. Joachim Lehrer, der seine beinahe Spitzweg-haften Idyllen herzallerliebst mit Autoschrott und ausrangierten Telefonzellen vergiftet. Gerd Bannuscher, der seine haarfein foto- bis hyperrealistischen Tierporträts geradezu beseelt. Bis zu 28.000 Euro verlangt der vielausgestellte Maler, zu dessen Sammlern der Sultan von Oman gehört, für ein Bild. Das figürliche zeichnerische Werk von Ines Scheppach ist ab 700 Euro zu haben wie die Farbstiftzeichnung „Tanzende Skulptur“. Es steckt voller bildungsbürgerlicher Referenzen und besteht bei näherem Hinsehen aus einem vielschichtigen Gestrichel. Michael Lehrer malt derweil mit Harz-Öl auf MDF-Platte. Traumgleiche Landschaften und Strände. Ihre Künstlichkeit stellt er plastisch-verführerisch aus. Überirdisch Rot glüht die Lava auf dem „Vulkan V“ aus dem Jahr 2009.

Sogar der Gast, der Dienheimer Dietmar Gross, passt mit der altmeisterlichen Virtuosität, die er hoch aktuell in einer „Corona Days“ betitelten Serie vorführt, in die Phalanx. Die künstlerische Qualität der NEUEN Meister zweifelt Otfried Culmann denn auch gar nicht an. Was ihn derweil aufregt, ist, dass er vorher nicht gefragt wurde, er meint: der Zuständigkeit halber, ob die Schau überhaupt stattfinden darf und soll.

„Es geht mir darum“, schreibt er in einer Mail, „dass meine Sachkompetenz und Ausstellungsorganisation nicht durch die Privatinteressen von Mitgliedern des Ausstellungspersonals, die auch Phantastische Kunst im Herrenhof zeigen wollen, unterlaufen wird“. Privatinteressen von Ausstellungspersonal, starker Tobak. Dabei ist schon Culmanns Prä für die Ausstellungstätigkeit der Fördergemeinschaft hoch umstritten.

„Unverschämt“, nennt zum Beispiel der zweite Vorsitzende der Fördergemeinschaft, Wolfgang Hey, Culmanns Ansinnen, über die Programmtätigkeit mitzubestimmen. Hey führt, weil der erste Vorsitzende Uwe Kreitmann erkrankt ist, die Geschäfte. Andere, wie etwa das Noch-Vorstandsmitglied Hermann Bleiholder halten es angesichts Culmanns Verdienste und früherer Absprachen für legitim.

Culmann selbst sagt nämlich, Gustav-Adolf Bähr habe ihn als „Kurator“ für Ausstellungen mit dem Schwerpunkt Phantastische Kunst eingesetzt. Unbefristet. Darauf pocht er. Bähr allerdings ist im April dieses Jahr gestorben.

Jahrzehntelang war Bähr eine große Nummer beim SWR, lange Synodalpräsident der evangelischen Kirche der Pfalz. Bähr ist der Gründer der Fördergemeinschaft Herrenhof, ihr Dauer-Vorsitzender und so etwas wie die Verkörperung der Kulturinstitution gewesen. Jetzt hat man schon den Eindruck, dass an seinem Denkmal gekratzt werden soll. Und dass die „art imaginär“ dabei gerade recht kommt.

In der RHEINPFALZ stand so, dass der Kassenwart Hermann Bleiholder bei der Mitgliederversammlung der Fördergemeinschaft vor Kurzem vom zweiten Vorsitzenden Wolfgang Hey der Mund verboten worden sei, als er an Bähr habe erinnern wollen. Daraufhin ist Bleiholder zurückgetreten – wegen der Unmöglichkeit einer „vertrauensvollen Zusammenarbeit im Vorstand“. Zum 1. November. Zum Pressetermin für die NEUE-Meister-Schau diese Woche aber erschien der Pensionär schon noch – uneingeladen, worauf man ihn dann auch deutlich hinwies. So stand man also uneinträchtig beisammen.

Späte Auflehnung des „Ausstellungspersonals“

Der Ex-Bankkaufmann Kurt Kaiser, im Kunstkreis der Fördergemeinschaft aktiv, sagte dann, er sei der Kurator der Ausstellung, wozu ihm Bleiholder stracks die Befähigung absprach. Und so ging es weiter. Kaiser ist auch derjenige, den Culmann mit dem privatinteressierten „Ausstellungspersonal“ meint. Dabei räumt dieser lediglich ein, ein Fan der NEUEN Meister zu sein. Und, dass er gut bekannt sei mit Siegfried Zademack, der wie er aus Bremen stammt.

Kaiser sagte beim Pressetermin, es sei doch besser eine hochkarätige Schau wie diese zu zeigen, statt keine. Ein Argument, für das einiges spricht. Und er wies auf seine Meriten bei einer Thomas Duttenhoefer-Schau vor Jahren im Herrenhof hin. Immer widersprochen von Bleiholder, der unter anderem auf seinen eigenen Verdiensten bestand. Vor allem sagte Kaiser, dies sei die erste Ausstellung im Herrenhof, die nicht „diktatorisch“ (!) von Gustav-Adolf Bähr bestimmt, sondern im Kunstkreis der Fördergemeinschaft abgesprochen worden sei. Bleiholder konnte es kaum fassen. Habe doch der Kunstkreis seit Bährs Tod genau einmal getagt. Hoch her ging es. Und hin. Im Hintergrund wurden derweil noch letzte Bilder aufgehängt. Immerhin mit der Aussicht, mit der Arbeit bald fertig zu sein. Für Herrenhof-Kulturmanager Markus Lichti indes fängt sie – so wie es aussieht – gerade erst so richtig an. Sein Vertrag läuft erst einmal bis Ende des Jahres.

Die Ausstellung

„Realistische Malerei. NEUE Meister und Dietmar Gross“ läuft bis zum 8. November, immer freitags von 17 bis 20, samstags 14 bis 18 und sonntags von 11 bis 18 Uhr. Info: herrenhof-mußbach.de. Weitere Bilder: rheinpfalz.de/kultur.html
Anklänge an Surrealismus und den Kitsch: Siegfried Zademacks „Gut im Wind", 2013
Anklänge an Surrealismus und den Kitsch: Siegfried Zademacks »Gut im Wind«, 2013
Wie beseelt: Gerd Bannusches „Im Moment sein", 2017 (Acryl auf Leinwand)
Wie beseelt: Gerd Bannusches »Im Moment sein«, 2017 (Acryl auf Leinwand)
Ein luziferisches Licht in der Hand: Siegfried Zademacks „La Lyra", 2017.
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Vielschichtig: Ines Scheppachs Zeichnung „Die umsichtige Närrin“, 2019.
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Porentief: Detail einer Arbeit von Gerd Bannuscher.
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Überirdisches Rot: „Vulkan V“ von Michael Krähmer.
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Otfried Culmann bei seiner Geburtstagsausstellung im Herrenhof – 2017. Mit Mütze und weißem Hemd Künstlerkollege Arik Brauer.
Otfried Culmann bei seiner Geburtstagsausstellung im Herrenhof – 2017. Mit Mütze und weißem Hemd Künstlerkollege Arik Brauer.
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