Filmgeschichte
Komiker Pierre Richard wird 90 Jahre alt
In den 1990er-Jahren pilgerte die halbe Westpfalz an die südfranzösische Mittelmeerküste, um im Fischerdorf Gruissan entweder das eigene Ferienhäuschen oder ein Hotelzimmer zu beziehen. Beim Abendessen im okzitanischen Ambiente war allseits pfälzisch durchsetztes Deutsch zu hören, außerdem ab und zu der Ruf: „Guck mal, das ist doch der …!“
Die erfreute Rede war stets von Pierre Richard, dem blonden Filmkomiker, Top-Star des französischen Kinos und Sympathieträger auch des deutschen Publikums. Bis heute bewirtschaftet der lockenköpfige Schlaks unweit von Gruissan ein eigenes Winzergut namens „Château Bel Évêque“, auf dessen sanften Hügeln er Corbière- und Languedoc-Weine anbaut – und sich ein stabiles zweites Standbein neben der Filmerei geschaffen hat.
Auf der Kinoleinwand war er lange der zerstreut-verträumte Tollpatsch, die schier schlafwandlerisch durch den Alltag gleitet und dabei, ohne es zu wollen, ununterbrochen Verwirrung stiftet. Die Bösartigkeiten dieser Welt nimmt er gar nicht wahr, die Nöte seiner Zeitgenossen lösen sich letztlich auch ohne sein Zutun in Wohlgefallen auf.
Ausgestattet mit einem solcherart unwiderstehlichen Teddybär-Charme wurde Pierre Richard anno 1972 im Film „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“ schlagartig bekannt. Er hat diese Paraderolle, die einen Hauch von Poesie in den rauen Alltag trägt, seitdem in vielen Filmen immer wieder variiert.
Schüchterner Herzensbrecher
Zuvor hatte der Sohn eines Industriellen eine Ausbildung als Bewegungstherapeut absolviert und Schauspielunterricht genommen, ehe er erste Kabarett-, Varieté- und Fernsehauftritte hinter sich brachte. Das Kinopublikum wurde erstmals auf ihn aufmerksam, als er 1967 neben Philippe Noiret in „Alexander, der Lebenskünstler“ einen zerstreut wirkenden Komödianten spielte.
Mit dieser Type hatte er eine Filmfigur kreiert, die in der Tradition von Stan Laurel oder Danny Kaye steht. Er ist Auslöser großer und kleiner Katastrophen, ein unzulänglicher Trottel und schüchterner Herzensbrecher mit freundlichem Gesicht und zwei linken Händen.
Am schönsten ausgearbeitet sind diese Charakteristika in der Komödie „Ein Trottel kommt selten allein“ (1981). Da spielt er einen von vielerlei Wirrnissen heimgesuchten Pechvogel, von dem ein Firmenboss glaubt, dass er allein aufgrund seiner Ungeschicklichkeit dessen gleichfalls vom Pech verfolgte Tochter ausfindig machen kann.
Dem Klischee entkommt er nicht
Mit seinem Partner in diesem Film, dem bulligen Berserker Gérard Depardieu, hat Richard seitdem noch mehrfach gespielt, zuletzt in der melancholischen Küchen-Komödie „Der Geschmack der kleinen Dinge“ (2022).
Dem Klischee rührender Unbeholfenheit hat der Träger des César-Lebenswerk-Preises mehrfach zu entkommen versucht, wobei er in mehreren seiner Filme auch für Drehbuch und Regie verantwortlich zeichnete. Die selbst inszenierten Komödien – „Ich weiß von nichts und sage alles“ (1973) ist eine rabenschwarze Parodie auf den Militarismus – sollten ein neues Rollenfach eröffnen, hatten aber nicht den erhofften Erfolg.
Nach einer kreativen, dem Weinbau gewidmeten Pause meldete er sich als Titelheld der zauberhaft stillen georgischen Liebesgeschichte „1001 Rezepte eines verliebten Kochs“ (1996) zurück, dann als „Robinson Crusoe“ (2003), mit den „Sch’tis in Paris“ (2018) und als zauberkundiger Druide in „Asterix und Obelix im Reich der Mitte“ (2023).
Schließlich gab er als Ghostwriter von digitalen Liebesbriefen in „Monsieur Pierre geht online“ (2017) einen listigen Cyrano de Bergerac des Internet-Zeitalters. Vor wenigen Monaten sah man ihn als Herzog neben Johnny Depp und Maïwenn LeBesco im plüschigen Historien-Epos „Jeanne Dubarry“.
„Ich kann“, so resümierte er einmal seine Karriere, „einer Schwangeren in den Bauch treten und noch immer würden die Zuschauer darin einen Hauch von Zärtlichkeit entdecken“. Das war sarkastisch gemeint. Aber es trifft das Persönlichkeitsbild seiner Filmfiguren. Belegt wird es durch die zutiefst freundschaftliche Kameraderie, die ihm bei jedem Auftauchen in Gruissan entgegenschlägt.