Kultur Kein Abend ohne „Offenbarungen“
„Offenbarungen“ verspricht das Alvin Ailey Dance Theater. Das legendäre Tanzstück „Revelations“ will die New Yorker Kompanie auf ihrer Europatournee, die jetzt am Mannheimer Nationaltheater begonnen hat, an jedem Abend zeigen. Wie kann eine Truppe den riesigen Erwartungen gerecht werden? Indem sie mit einem Programm überrascht, das kulturelle Einflüsse verschmilzt: von afrikanischen und karibischen Tanztraditionen über Tango bis zu Modern Dance.
Aufjaulend bricht der Tänzer zusammen. Die wirren letzten Silben hat niemand verstanden, als sich der Vorhang senkt und das Publikum mit einem Aufschrei und Applaus antwortet. Zuvor hat Renaldo Maurice in seinem drei Minuten und 20 Sekunden kurzen Solo „Takademe“ (1999) versucht, mit dem gesprochenen Silbengewitter mitzuhalten. Darin werden indische Kathak-Rhythmen so zerlegt, dass sie ans Scatten im Jazz erinnern. Mit dem „Ta-ka-ta-ka-de-dunk“ kurbelt, kratzt, grimassiert, springt und stampft Maurice um die Wette, um beim Hauch eines „Ta-taaaaaaa“ zu erschlaffen. Der künstlerische Leiter des Alvin Ailey Dance Theater, Robert Battle, der vor seiner Tanzkarriere für Karate und Gesang entflammt war, hatte an der Juillard-School in die Kathak-Klassen gespäht und diese Perle in seinem Wohnzimmer geschaffen. Seit 2011 steuert Battle die Kompanie, die 1958 von Alvin Ailey im Zuge der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung gegründet worden war. Kein leichtes Erbe trat Battle da an, nicht nur weil Aileys „Revelations“ alles überschattet, sondern auch, weil dessen andere Stücke nach Meinung der Kritiker von unterschiedlicher Qualität sind. Ohne die Marke preiszugeben, richtet Battle die Kompanie nun behutsam – und wie man in Mannheim sieht: erfolgreich – neu aus. Dabei liebt er es, mit Unerwartetem zu überraschen: mit Hip-Hop, Neoklassik oder einer Tango-Studie. Nur zurückhaltend streut Battle eigene Kreationen ein, aber der Cartoon „Takademe“ gehört bereits länger zum Repertoire. Es ist das einzige Stück im Mannheimer Programm, das nicht in eine Party mündet und das nicht davon dominiert wird, dass Arme zu Schwingen ausgebreitet sind. In Ronald K. Browns Deutschlandpremiere „Open Door“ (2015) fliegt ein barfüßiges Paar broadwayleicht übers Parkett. Ihre zum V erhobenen Arme zeichnen im Jazz-Modern-Mix klare Linien, während das Plisséekleid die Beine umspielt. Doch die Dame in Blau wird von einer Frau in Rot herausgefordert, die ihre Brüste schüttelt. Vorgebeugt und tief in den Knien in afrikanischer Tanztradition schwingen immer mehr Tänzer die Fäuste, aber nicht kämpferisch, sondern energiegeladen – so wie Neugeborene mit geschlossenen Händen auf die Welt kommen und am Leben festhalten. Später wird die Gruppe ausgelassen den Mambo-Rhythmus feiern. Nahtlos gehen bei Brown die Stilrichtungen ineinander über und formen einen einzigartigen, entspannten Mix. Für „Open Door“, das auf die Annäherungen zwischen Kuba und den USA anspielt, ließ sich Brown von seinen Reisen inspirieren. Obwohl er mit 19 Jahren sein Ensemble „Evidence“ gegründet hat, ist er vor allem durch Aufträge für die Ailey-Kompanie bekannt geworden und bereichert deren Repertoire. „Hier bin ich“ signalisieren dann die über den Kopf gereckten Arme einer Frau und eines Mannes in Paul Taylors Erfolgsstück „Piazzolla Caldera“ mit seiner Hommage an den Tango Nuevo, angesiedelt in einer Bar. Alle Klischees dekliniert Taylor durch, von Homoerotik bis zum Taumel der Betrunkenen, besticht aber durch Humor und treffende Bilder. Stirn an Stirn messen sich etwa ein Mann und eine Frau und beschwören das Machtgleichgewicht der Geschlechter. Selbst der Musik gibt sich die Choreographie nur widerstrebend hin: Zu einer melancholischen Weise dreht sich eine einsame Frau rasend. Das energische Tutti ignoriert das Ensemble, lässt sich erst beim nächsten Einsatz von den Geigenstrichen aufpeitschen, bevor die Milongueros zu Boden sinken. Umgekehrt erheben sich die Tänzer im Verlauf von „Revelations“ (1960), in dem Alvin Ailey anhand von Spirituals den Weg von der Sklaverei in die Befreiung oder vom tiefsten Schmerz zur göttlichsten Freude erzählt. Mit klaren Gesten skizziert Ailey die Szenen, so passend, dass seine Choreographie universell funktioniert, angefangen mit der genialen Eröffnung: Eine Gruppe drängt sich mit gesenkten Köpfen und herabhängenden Armflügeln zusammen, bis der größte Mann die Handflächen zum Himmel hin öffnet und die Gruppe zerfällt. Nach der Taufe am Fluss wird die Kirchengemeinde im Sonntagsstaat die Lebensfreude feiern. Und mit ihnen das Publikum, das mit Ovationen dem glänzenden Ensemble Respekt zollte. Termine —Alvin Ailey American Dance Theater bis Sonntag im Mannheimer Nationaltheater. Vom 29. August bis 2. September gastiert die Kompanie dann in Frankfurt. —Karten über Rhein-Neckar-Ticket unter Telefon 0621-101011, im Internet über www.bb-promotion.com.