Deidesheim Katja Lange-Müller ist jetzt Turmschreiberin
Die Neue ist eine Grande Dame, eine Kleist-Preisträgerin – unter anderem. Ihre sanft schnoddrigen, zärtlich-heiteren und von leiser Melancholie unterströmten Romane und Liebeselegien – „Böse Schafe“! – gehören zum Kanon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Katja Lange-Müller, 71, hat gestern Abend die Turmschreiberei in Deidesheim übernommen. Zwei Mal drehen, und die Tür war auf. Alles schön zeremoniell und trotzdem heiter. Am Revers von Bürgermeister Manfred Dörr blinkte rotes Einstecktuch. Eintrag ins Goldene Buch. Lange-Müllers Vorgänger, der Wetterauer Andreas Maier, hielt herzensschwer im historischen Ratssaal eine Laudatio auf die Berliner Ur-Einwohnerin –, die gleichzeitig zur seligen Abschiedsrede geriet. Er lobte die Lakonie ihrer selbst erlebten Texte und sagte sinngemäß, bei ihr schienen die wünschenswerten Idyllen nur durch. Und: Dass ihre gelebte Literatur mit dürren literaturkritischen Kategorien wie „genau“ nur unzureichend beschrieben werden könne. Katja Lange-Müller strahlte übers ganze Gesicht und hielt eine Stegreifrede, in der sie ihre lebensprägende Renitenz als Folge einer extremen Linkshändigkeit beschrieb. Die Kürze ihrer Romane und Erzählungen – „nie mehr als 200 Seiten“ – sagte sie, sei ihrem erlernten Beruf als Setzer „ohne -in“ geschuldet, der sie gelehrt habe, dass jede Textlänge „mit den Plattfüßen ausgehalten“ werden müsse. So handfest und tiefgründig ging es dahin. Dann zog die Gemeinde zum Turm. Am Dienstag zwischen 15 und 17 Uhr hält sie zum ersten Mal Hof. Deputatwein gibt es auch.