Literatur RHEINPFALZ Plus Artikel Jenseits von windfaulem Kabeljau: Christian Krachts neuer Roman „Air“

Bald Booker-Preisträger? Christian Krach
Bald Booker-Preisträger? Christian Krach

Christian Krachts wundersamer, paradiesischer Roman „Air“ . Wer die Netflix-Serie „Dark “ gemocht hat, wird dieses Buch vermutlich lieben.

Christian Kracht? Die Hyperventilation, die die Szene durchtost, immer dann, wenn ein neuer Roman von Christian Kracht erscheint, muss man vielleicht jüngeren Leuten erklären. Seit vor 30 Jahren „Faserland“ erschienen ist, das Debüt des 58-jährigen Schweizer Literaturdandys mit Crazy-rich-Hintergrund, teilt sich der ältere Rest am Boomer-Rand in Trolle und erdrückend dominante Fans. Auch jetzt ist das wieder so, bei „Air“, dem soghaft verrätselten und verspiegelten Roman von Kracht, der am Donnerstag herausgekommen ist und auf der Shortlist für den Leipziger Buchpreis steht. Er dürfte auch für die interessant sein, die sonst lieber „Dark“ auf „Netflix“ schauen.

„Faserland“ jedenfalls erzählt die Reise eines Superschnösels von Sylt nach Zürich. Leiser Selbsthass schwelt im Verachtungston, mit dem der „Held“ die sozialdemokratisierte Welt überzieht, die ihm begegnet. Ein Affront der Tristesse Royale gegen alles Egalitäre, der Epoche machte. Vielleicht das einzige Buch, das von der von Kracht selbst begründeten Popliteratur geblieben ist, die in der Unschärfe ihrer Definition verschwand. Seither hat noch jedes neue Werk des wortkarg scheuen Autors, von dem nie so ganz klar ist, wo er jetzt schon wieder lebt (Thailand, Schottland, Los Angeles, Indien, am Stadtrand von Zürich, doch in Kalkutta) auf seine Art Furore gemacht.

Alle eint auf die eine oder andere Weise ein Weltekel auf Pilgerschaft zu neuen Sinnhorizonten, wie er sich jetzt auch wieder durchpaust. Und alle sind voller erlesener Referenzen und präzis preziöser Zeichen – auch „Air“, wo Lifestylemagazine und die Artussage, Faktisches und Fiktion, Gegenwart und „Game of Thrones“-Fantasy, Popliteratur und Astrid Lindgren („Die Brüder Löwenherz“), Krachtsound und Märchenton, miteinander verwirbelt sind, dass es einem wohlig schwindelt.

Kracht ist Oberflächen-Virtuose und Stilist, heißt: Die Interpreten und Exegeten, darunter manche, die ihn in die rechte Ecke zu drängen versuchen, sind auch dieses Mal gut beschäftigt mit seinem nach Ausgängen suchenden, prekär ironischen Wohlstandsüberdruss.

Weltekel auf der Flucht

Doktorarbeiten werden verfasst, die „Das Komische und Groteske bei Christian Kracht“ untersuchen. Stoff dafür gibt es genug, wie zuletzt in „Eurotrash“, dem Roman, der für den internationalen Booker-Preis 2025 nominiert ist. Darin begibt sich ein Alter ego des Autors mit Plastiktüten voller Geld auf einen irrwitzigen, abgründigen Schweiz-Trip mit seiner schwer suchtgeschädigten Mutter. Derweil entflieht in „1979“ – dem 2001 erschienenen und sofort mit dem 11. September in Verbindung gebrachten Roman – der Protagonist der westlichen Dekadenz, um in einem chinesischen Straflager ihn seligmachende Läuterung zu erfahren.

Der Mann ist Innenarchitekt – wie jetzt auch der „Held“ von „Air“. Darin geht es um Paul, einen Spezialisten des schönen Scheins und Vertreter eines „dubiosen Ästhetizismus“ aus Sauerteigbrot, Schafwoll-Pullovern und extra scharfen Riffelmessern aus Kyoto.

Er lebt in der schottischen Hafenstadt Stromness auf Orkney-Inseln, „weit im Norden an einem grauen Meer, kalt und steinern und sauber“. Von dort aus versorgt er seine Kundschaft mit den vorzeigbaren Insignien einer edel kargen Lebensart, die noch nicht so lange her sehr en vogue war. Mit fast Vergessenem, das – wie es an einer Stelle heißt – „die Moderne selbst vorher zerstört hatte“ und das jetzt erneut als Ware angeboten wird, allerdings zum zehnfachen Preis.

Es ist der Kosmos des „Noma“ in Kopenhagen, das einmal als das beste Restaurant überhaupt galt, beschränkt auf rigoros regionale Küche aus selbstgesammelten Muscheln, einem Tropfen Garum und schwarzem fermentierten Knoblauch. Inzwischen ist es geschlossen. Und wie sich denken lässt, ist Kracht in der Abtastung der Dekadenzphänomene voll in seinem Element. Zum Beispiel, wenn er Paul ein aus Brettern gezimmertes „Foragingrestaurant“ auf den Faröer Inseln minimalinvasiv verschönern lässt, in dem zusammengesammelte Moose und „windgefaulter, übelriechender Kabeljau“ serviert werden. Und wenn Paul für den Duke of Cumberland das perfekte Rot für den Wandanstrich findet, nicht zu blaustichig, kein Hauch zu viel Umbra. Zum Dank schenkt der Herzog ihm ein mittelmäßiges Gemälde des schottischen Künstlers James Archer (1822 bis 1904), „Merlin und Lancelot“, das googlebar existiert und im Roman – so wie auch der Duke und fast alles und jeder – im Weiteren eine große Rolle spielen wird. Folgenreicher noch ist aber der Auftrag eines auf Recyclingpapier gedruckten Lebensart-Magazins, zu dessen Fans Paul seit langem gehört.

Die Wolken im Bunker

„Kuki“ heißt es, der japanische Ausdruck für Luft, englisch „Air“, nur ein Beispiel unzähliger Interferenzen. Für dessen zynischen lebensüberdrüssigen Chef, Cohen, nur der Nachname ist genannt, soll Paul, wie er etwa zur Hälfte des Romans erfährt, das Green Mountain Data Centre in Rennesoy überstreichen – mit symbolischem Weiß, also alles. Das ganze Interieur, der ganze Bunker nahe den Kühlwasser-reichen Fjorden, der nachprüfbar (www.greenmountain.no) auch in realiter existiert. Softwarefirmen betreiben dort riesige Server, in denen die Clouds mit all unseren Fotos, Bildern und Videos gespeichert sind, ein unvorstellbar gigantisches Gedächtnis, das offensichtlich ausgelöscht werden soll.

Covermotiv: Odd Nerdrums Gemäöde „Die schwarze Wolke“.
Covermotiv: Odd Nerdrums Gemäöde »Die schwarze Wolke«.

Luftschloss am Eismeer

Bis zum Punkt der anstehenden Auftragserfüllung ist der Erzählung über Paul und die heiße Luft, die er produziert, die Geschichte aus einer polaren archaischen Anderswelt gegengeschnitten. Einem Luftschloss am Eismeer. Hier leben einäugige Eulen in schöner Eintracht mit den Menschen, ein böswilliger Herzog herrscht. Die neunjährige Ildr liegt mit Pfeil und Bogen auf der Lauer, als ihr Pfeil schließlich statt eines Rehs einen älteren Mann durchbohrt. Paul natürlich, wie man schnell erahnt und später erfährt, durch eine Sonneneruption, die ihn auf Besichtigungstour im Data-Center ereilt hat, in Ildrs neuheidnische Welt geworfen.

So hebt nach und nach die im Märchenton erzählte Abenteuergeschichte einer zarten Annäherung im Jenseits eines spiegelgleichen, verschiedendimensionalen Paralleluniversums an. Einem Metaverse, in dem Wirklichkeit und Traum, Mythen und möglicherweise auch die Daten der Bilder-Cloud verschwimmen. In dem die Sonne im Westen aufgeht und vieles der alten Welt gleicht, und doch nicht. In der Sashimi als roher Fisch ein existenzielles Nahrungsmittel darstellt. In der man wie der Rodismus des slawischen Neuheidentums der Gegenwart dem Mythos vom Wasser des Lebens anhängt, dass Wunden heilt, die Alten verjüngt, verstümmelte Körperteile nachwachsen und die Toten wieder auferstehen lässt.

Der neue Georg Orwell?

Von Brillen und Thermodynamik weiß man in dieser Welt nichts, aber dafür können Mädchen mit Fischgräten Wunden nähen. Und zur Not sich mit 3D-Pistolen den gemeinsamen Fluchtweg Richtung Süden freischießen, der bei uns der Norden wäre.

Später dann sieht man Paul und seinen früheren Auftraggeber, den „Kuki“-Herausgeber Cohen, wie Merlin und Lancelot untot durchs steinwüste Land ziehen, das verdächtig den Orkney-Inseln ähnelt. Die beiden, ein Abbild des Gemäldes, das der Duke Paul einst als Bezahlung überlassen hat. Es hängt jetzt an einem anderen Platz. An einem lange erträumten Sehnsuchtsort von Paul, an dem er schließlich landet.

Immer hat es ihn in das im zivilisatorischen Nirgendwo gelegene Barnhill-Haus gezogen, obwohl er es nur aus Bildern kannte. In unserer Welt hat George Orwell dort seinen Klassiker „1984“ geschrieben, einer von Krachts (selbst-)ironischen Querverweisen. Es ist der Wahnsinn, wenn man sich einlässt auf das Spiegelkabinett dieses Romans. Ein unwahrscheinlicher Spaß, wenn man das Buch einfach so liest, als gute Geschichte. Nichts, will uns Kracht sagen, ist unmöglich. Auch diese literarische Jenseitsvorstellung nicht. Paul Cohen (1934 bis 2007), der so heißt wie die beiden Protagonisten zusammen, war im Übrigen ein Mathematiker, der die Unbeweisbarkeit mancher mathematischer Aussagen bewies.

Lesezeichen

Christian Kracht: „Air“, Roman; Kiepenheuer & Witsch, 215 Seiten, 25 Euro.

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