Gastspiel
„Iwanow“ mit Jens Harzer in Ludwigshafen
Gleich zu Beginn wird die ganze Geschichte auf den Punkt gebracht. Da sitzt Iwanow allein auf einem Stuhl, Haare zerwuselt, die schicke Abendgarderobe in lässiger Unordnung. Ein zerlesenes Buch hat er in der Hand, den Blick irgendwo ins Nichts gerichtet, abgetaucht in eine dunkle, unzugängliche Gedankenwelt. Der Stuhl ist ihm sichtlich unbequem, Iwanow windet sich wie ein Regenwurm, der aus der sicheren Tiefe an die Oberfläche befördert wurde. Er fläzt sich in eine absurde Schräglage, klappt zusammen wie ein Taschenmesser, es ist einfach nicht das passende Sitzmöbel für diesen Mann. Der Stuhl, das Leben, alles ist ihm zu klein, zu eng.
Der wunderbare Schauspieler Jens Harzer spielt diesen Iwanow, einen Mann in mittleren Jahren, der einst in ein vielversprechendes Leben gestartet ist, in Moskau an einer renommierten Universität studiert hat, ein großes Landgut besitzt, eine wohlhabende Erbin aus jüdischer Familie geheiratet hat. Jetzt ist das Gut verschuldet, die Ehefrau, die aus Liebe auf ihren Glauben und ihr Erbe verzichtet hat, todkrank. Bei Harzer ist dieser Iwanow nicht bloß ein Mann in einer vorübergehenden Krise, irgendwo zwischen Midlife Crisis und Burnout. Harzers Iwanow hat in der melancholischen Verzweiflung seinen Lebensinhalt gefunden, die ewige Grübelei ist ihm ein schmerzvoll goutierter Dauerzustand. Hellhörig bewacht er sein dunkles Reich, wehrt jeden Rettungsversuch panisch ab.
Ein Versprechen aus der Vergangenheit
Der Bochumer Intendant und Regisseur Johan Simons hat Harzer und seine Figur zum bedingungslosen Zentrum seiner Inszenierung gemacht, ein von Anfang an Verlorener, der die anderen wie eine tückische Untiefe mit sich in den Abgrund zieht. In seinem Bühnenerstling von 1889 hat Tschechow bereits sein komplettes Figurenarsenal, wie wir es aus späteren Stücken kennen, versammelt: die leidende Ehefrau, die junge Geliebte, der pragmatische Verwalter, die Verwandtschaft, bei der sich alles um Geld, Heirat und unerfüllte Lebenspläne dreht, der Arzt, der seinen Patienten nicht helfen kann. Für sie alle ist Iwanow zu Beginn immer noch der bewunderte Anziehungspunkt, ein Versprechen aus der Vergangenheit, ein witzig-kluger Mensch, von dem man den Aufbruch in neue Zeiten, zumindest einen unterhaltsamen Abend erwarten durfte. Aber inzwischen ist Iwanow ein hilfloses Wrack, der sich bei der Geburtstagsparty bei den reichen Lebedews im zweiten Akt als grotesker Entertainer und anbiedernder Claqueur produziert.
Harzers Iwanow ist auch dann das stets präsente Zentrum dieses Theaterabends, wenn einmal andere an der Rampe stehen und er selbst in dem offenen, leeren Bühnenraum nur weit entfernt umherstreicht, Klamotten in Plastiktüten stopft oder einfach erschöpft dasitzt. Bühnenbildner Johannes Schütz hat Baumstämme und Geäst auf dem Boden verstreut, dazu ein paar einfache Stühle und Tische gestellt. Die unterschiedlichen Räume der vier Akte markiert ein großer, goldgestrichener Holzrahmen, der sich aufstellen, kippen oder auf den Boden legen lässt. Zivilisation und Wildnis sind hier kaum zu unterscheiden. Im Hintergrund steht ein riesiges schwarzes Regal, in dem sich Requisiten wie Wodkaflaschen oder das nie benutzte Cello verstauen lassen, aber auch Jele Brückner ihre Anna zum Sterben hinlegt und ihre Kollegen auf den nächsten Auftritt warten.
Metapher einer Zeitenwende
Jedem einzelnen schenkt der Regisseur seine Aufmerksamkeit. Thomas Dannemann spielt den Gutsverwalter als entnervten Improvisationskünstler, der den drohenden Bankrott mit immer abstruseren Geschäftsideen abzuwehren versucht. Martin Horn als Iwanows Onkel zelebriert seine eigene Lebenskrise zwischen Vergangenheitsfrust und Traum von neuem Eheglück. Bernd Rademacher als Lebedew ist ein jovialer Pragmatiker, der die Probleme zur Not mit viel Wodka und warmen Worten löst und sogar dem Eheglück seiner jungen Tochter mit dem älteren Iwanow nicht im Wege stehen mag. Diese Sascha ist bei der impulsiven Gina Haller ein kaum zu bändigendes Energiebündel, deren Euphorie-Reserven aber auch zur Neige gehen, als sie nicht davon ablassen will, den depressiven Geliebten zu ihrem Lebensprojekt zu machen.
Alle bekommen in dieser genauen, kühl beobachtenden, dennoch Anteil nehmenden Inszenierung ihre Momente der Aufmerksamkeit, werden herangezoomt und wieder in den Hintergrund entlassen, wo sie Teil dieses Bühnengemäldes bleiben, in dessen Zentrum Harzers Iwanow als dunkle, alles lähmende Masse verharrt. Tschechows Stücke werden auch als Metapher einer Zeitenwende gelesen, einer Übergangsepoche von einer autokratischen, heruntergewirtschafteten, zum Stillstand gekommenen Epoche zu einer revolutionären, alles verändernden neuen Zeit. In Johan Simons liebevoll-spröder Menschenstudie ist diese neue Zeit noch nicht einmal ein ferner Traum, hier sind die Menschen nur mit sich selbst beschäftigt und ihrem alle Kraft aufzehrenden Unglück.