Kultur Im Pianisten-Paradies
Nach Colmar fährt man das ganz Jahr über wegen Mathias Grünewald und dem Isenheimer Altar, seit Kurzem auch wegen des neu gestalteten Unterlindenmuseums. Nach Colmar im Juli fährt man vor allem wegen seines Musikfestivals – und trifft bei dessen 30. Ausgabe einen russischen Weltklasse-Pianisten, der Gedichte rezitiert: auf Jiddisch.
Beethoven, Tschaikowsky, Rachmaninow: Diese Namen erwartet man bei einem Festival, das seit 1989 vom russischen Geiger und Dirigenten Vladimir Spivakov geleitet wird, das für seine Jubiläums-Ausgabe, die 30., den russischen Pianisten Evgeny Kissin als Schirmherrn eingeladen hat und ihn damit zugleich als herausragenden Künstler ehrt. Wer aber sind Peretz, Leivick, Sutzkever? In Colmar, wo der damals gerade dem Wunderkind-Alter entwachsene Kissin zum ersten Mal 1992 auftrat und wo er auch in den Folgejahren immer wieder zu hören war, sollte sein Publikum nun auch Bekanntschaft mit diesen unbekannten Namen machen. Komponisten? In gewissem Sinne ja: Jizchok Leib Peretz (1852-1915), Halpern Leivick (1888-1962), Avrom Sutzkever (1913-2010) und noch einige weitere „komponierten“ in einer vom Untergang bedrohten Sprache, dem Jiddischen. Und was im Deutschen „Gedicht“ und im Französischen „poème“ heißt, ist auf Jiddisch ein „Lied“, also Musik. Da steht er nun, mit einem Mikrofon in der Hand, einer der besten Pianisten unserer Tage, im Décapole-Saal, in dem sich vom 14. bis 17. Jahrhundert die Mitglieder des oberrheinischen Zehnstädtebundes trafen. Weit und breit kein Tasteninstrument, nur eine Leinwand mit französischer Übersetzung. Und dann passiert Unerwartetes: Der Mann, der manchmal etwas linkisch wirkt und von dem es heißt, erst am Flügel beginne er zu leben, erhebt seine Stimme – und beginnt zu musizieren. In deutschen Ohren klingt da vieles sehr vertraut. Kissin, seit 2013 auch israelischer Staatsbürger, hat sich das Jiddische, die Sprache der aschkenasischen Juden Europas, selbst beigebracht – auf der Suche nach seinen jüdischen Wurzeln. Und er ist ein sehr guter Rezitator dieser Verse voller Lebensfreude, aber auch voller Melancholie, in denen immer wieder vom Tod die Rede ist – und die doch das Leben feiern. Kissin dichtet mittlerweile auch selbst, in Colmar jedoch beschränkte er sich auf seine Meister – von denen ein noch lebender, der 1950 geborene Boris Sander, auch die Frage nach dem, was ein Genie sei, poetisch behandelt: eine Gabe Gottes oder Satans – oder gar eine heilige Allianz von beiden? Man kann sich vorstellen, dass eine so außergewöhnliche Persönlichkeit wie Kissin sich von solchen Reflexionen angesprochen fühlt. „Memoirs and Reflections“ heißt das 2017 auf Englisch und nun auch auf Französisch (und noch nicht auf Deutsch) erschienene Buch des jetzt 45-Jährigen, keine reine Autobiografie, sondern eher Betrachtungen eines Nachdenklichen. Keine Kissin-Gedichte also, aber doch Kissin-Kompositionen, denn selbstverständlich tritt er in Colmar nicht nur als Rezitator auf. Zunächst aber tut er das, was man von ihm erwartet, er spielt Klavier: zum Beispiel beim Eröffnungskonzert des diesjährigen Festivals bei einem Solo-Recital mit Chopin, Schumann, Debussy und Skrjabin auf dem Programm – und dem Publikumsrenner „Rach2“, dem zweiten Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow also, heute Abend, gefolgt von der zweiten Sinfonie des Komponisten mit Vladimir Spivakov am Pult der Russischen Nationalphilharmonie. Es sind Programme wie dieses, die dem Festival manchmal den Vorwurf der Gefälligkeit eintragen, die jedoch zweifellos für volle Säle sorgen in den drei Aufführungsorten in Colmar sorgen, darunter die Eglise Saint-Matthieu aus dem 14. Jahrhundert. Wer Außergewöhnliches sucht, wird eher beim reichen kammermusikalischen Angebot fündig. Da boten beispielsweise der Cellist Edgar Moreau und der Pianist David Kaddouch die dramatische Sonate „Titus und Bérénice“ der französischen Komponistin Rita Strohl (1845-1941). Oder man hörte eben Kissin-Kompositionen, gespielt von Kissin als Kammermusiker, mit den Partnern Spivakov auf der Geige und dem Kopelman Quartett. Titel wie „Tango dodécaphonique“ verraten, dass es dabei keineswegs nur harmonisch-nostalgisch zugeht. Konzerte wie jenes mit Ausschnitten aus Tschaikowskys „Eugen Onegin“ nach Puschkin – eine weitere Referenz an die Dichtung als Schwester der Musik – passen eher wieder in die Kategorie Publikumswirksamkeit, gehören aber, gewissermaßen im „Originalklang“ von Spivakov, seinem Orchester und einem exzellenten russischen Solistenquartett dargeboten, ohne Wenn und Aber zu den Höhepunkten des Festivals. Das ist, trotz der traditionellen Hommage an einen großen Musiker, keineswegs ein reines Kissin-Festival. Die große Martha Argerich war hier, mit dem Cellisten Mischa Maisky; der Amerikaner George Li, der die junge Komponisten-Generation verkörpert, spielt im Abschlusskonzert morgen. Und gestern Abend trat ein weiterer Solitär unter den großen Pianisten unserer Zeit auf: Grigori Sokolov. Man kann sich in Colmar schon ein wenig im Pianisten-Paradies fühlen.