Südpfalz
Kulturinitiative Gleiszellen: „Dreigroschenoper“ als Open Air
Was 2022 als Waldspaziergang mit Szenen auf Palettenbühnen begann, ist zu einem echten Südpfalzfestival gewachsen. Nach dem grenzüberschreitenden Stück „Rückkehr nach Canossa“ 2024 und „Faust – Ein ewiges Prinzip“ im vergangenen Jahr wagt sich das Team um die Schauspielerin Brigitte Urhausen und den Bühnenbildner Jörg Brombacher, die Gleiszellen als Wahlheimat auserkoren haben, im fünften Jahr an ein echtes Schwergewicht. Zehn Profischauspieler, 30 Laien, ein neunköpfiges Orchester und ein Budget von 170.000 Euro – das braucht Mut.
Dass die Inszenierung so aufwändig werden würde, haben die Enthusiasten von der Kulturinitiative Untere Winzergassee Gleiszellen allerdings selbst nicht geahnt, als sie im Herbst konkrete Pläne schmiedeten. Eigentlich hatten sie Szenen aus der „Dreigroschenoper“ als Theaterspaziergang auf die Beine stellen wollen. Bertolt Brecht starb 1956; sie dachten, sein Werk kann bearbeitet werden, denn der Urheberschutz erlischt 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Doch an der „Dreigroschenoper“ schrieb nicht nur der Komponist Kurt Weill mit – er starb noch früher –, auch Elisabeth Hauptmann, die noch bis 1973 in Ostberlin lebte.
Noch immer also wachen die Erben von Bertolt Brecht und die Kurt-Weill-Foundation mit Argusaugen darauf, dass die „Dreigroschenoper“ nur nahezu unverändert auf die Bühne kommt. Jede Umbesetzung, jede Transkription der Musik muss genehmigt werden, erzählt Jörg Brombacher beim Vorgespräch. An eine Portionierung in einzelne Szenen für ein Stationentheater war gar nicht zu denken.
Bogen über 100 Jahre gespannt
Doch das 1928 uraufgeführte Stück passt nicht nur extrem gut in den rheinland-pfälzischen Kultursommer mit dem Motto „Die Goldenen Zwanziger“, es passt auch in unsere Zeitenwende vor einer dämmernden industriellen Revolution 2.0. „Erst kommt das Fressen und dann kommt die Moral.“ Mit Zitaten wie diesem spiegelt das Stück eine Gesellschaft, in der das Recht des Stärkeren herrscht und sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet. „Kein Wunder, dass es derzeit landauf landab auf den Spielplänen großer Häuser steht“, sagt Brombacher. „Den Bogen über diese 100 Jahre zu schlagen und somit die Parallelitäten aufzuzeigen und zu benennen, ist ein großes Anliegen unserer Inszenierung, die die ungebrochene Aktualität des Stoffes in den Vordergrund stellen wird.“
Dass es keine Umarbeitung für eine andere Stimmlage geben darf, hätte zur größten Hürde werden können. Denn wie in Mannheim wollen die Winzergässler eine zentrale Figur als Hosenrolle besetzen: nicht als Beitrag zur Genderdebatte, sondern um Brigitte Urhausen einen großen Part zu ermöglichen: Die vor allem als Saarbrücker „Tatort“-Kommissarin bekannte Darstellerin soll den Gauner Macheath spielen, dem der berühmte Song „Die Moritat von Mackie Messer“ gewidmet ist. Die Rolle ist für einen Tenor gedacht, Urhausen besitzt einen dunklen Alt, „aber sie kriegt es hin“, sagt Adrian Rinck, Pianist und Leiter der Kreismusikschule SÜW, der wieder die Verantwortung für die Musik übernommen und ein Orchester zusammengestellt hat: neun Musiker, die zum Teil schon bei der „Dreigroschenoper“ am Mannheimer Nationaltheater mitwirkten.
An Urhausens Seite als Bettlerkönig Jonathan Jeremiah Peachum agiert der Berliner Schauspieler Daniel Minetti, Enkel des berühmten Bernhard Minetti, der viel Bühnenerfahrung unter anderem am Staatsschauspiel Dresden mitbringt. Und die Rolle des Bänkelsängers scheint wie gemacht für Ralf Eßwein, dem Sänger der Südpfälzer Band Gretchens Pudel.
Ein Vorspiel als Stationentheater
Weil sie dennoch nicht von der geliebten Idee eines Stationentheaters lassen wollten, hat Rafael David Kohn, Hausautor der Winzergässler, ein Vorspiel geschrieben, mit dessen Szenen sich eine Theaterprozession zum zentralen Aufführungsort gestalten lässt, wo dann die komplette „Dreigroschenoper“ am Stück gespielt wird wie sie Brecht vorgesehen hat – jene Geschichte von Ängsten, Liebe und Ausweglosigkeiten über den Existenzkampf zwischen der Londoner Bettlermafia Peachum und der Verbrecherbande von Macheath. Eine Geschichte, die auch zur Unterhaltung an einem lauen Sommerabend passt, sagt Brombacher, denn die harten Themen werden mit viel Humor und der mitreißenden Musik Kurt Weills serviert.
Das Vorspiel erzählt eine Vorgeschichte für die Hauptfiguren Macheath, Peachum, seine Frau Celia und die historische Figur des Bettlerkönigs Jonathan Wild, der als Vorlage für Peachum diente. Besonders die Frage nach der Natur des Mitleids wird erforscht, denn nur, wenn man das Mitleid ordentlich ergründet hat, kann man auch Profit daraus ziehen, heißt es. Die Szenen führen mit Musik in die aktuellen 2020er-Jahre mit Problemen wie Leerständen in den Innenstädten. Deshalb sind die Spielorte diesmal nicht in Wald oder Rebenmeer, sondern im Hof des Otto-Hahn-Gymnasiums in Landau und vor dem Schloss Bad Bergzabern. Außerdem auf der Burg Landeck, wo das Vorspiel etwas verändert im Burggraben gezeigt werden soll. Einstimmen kann man sich auf den vierstündigen Theaterabend bei Essen und Wein.
Jetzt hoffen die Winzergässler, dass die Finanzen nicht noch zur Hürde werden bei den Unwägbarkeiten eines Freiluftspektakels. „Das Projekt ist noch einmal zwei Stufen größer als unser ,Faust’. Wir brauchen bei unseren zehn Vorstellungen mit jeweils 300 Sitzplätzen eine durchschnittliche Auslastung von 80 Prozent, um kostendeckend zu sein“, sagt Brombacher. Denn von den 170.000 Euro, die die Produktion kosten wird, sind nur 30.000 Euro durch Zuschüsse und Sponsorengelder abgedeckt.
Für eine richtige Inszenierung wie diese kommt einiges an Fixkosten zusammen: Tantiemen von zwölf Prozent der Einnahmen, Bühnenbild, Licht- und Tonanlage samt Microports sowie Künstlerhonorare. Für die Laiendarsteller, die in Massenszenen gefragt sind, will die Truppe wieder Theater-Workshops anbieten. Hier bleibt trotz aller finanziellen Herausforderungen die Moral: Es soll Gratisvorstellungen für Kurse des Fachs Darstellendes Spiel und Theater-AGs an Schulen geben. Überhaupt hat jeder unter 18 Jahren freien Eintritt. Und die Winzergässler sind optimistisch angesichts des großen Erfolgs vom vergangenen Jahr und der vielen Nachfragen, die sie bereits erhalten.
Um bisherige Spielstätten einzubeziehen, ist zusätzlich ein Programm mit Jazzadaptionen von Adrian Rinck über die „Dreigroschenoper“ zu erleben: am 13. August am Gasthaus Zum Lam in der Winzergasse von Gleiszellen-Gleishorbach und am 19. August auf dem Slevogthof oberhalb von Leinsweiler.
Termine
Die „Dreigroschenoper“ ist in zehn Vorstellungen an fünf Wochenenden an drei unterschiedlichen Spielstätten zu erleben. Premiere des Theaterprojekts ist am Freitag, 7. August, in Landau mit dem Start am Deutschen Tor und dem Hof des Otto-Hahn-Gymnasiums als zentraler Bühne. Weitere Vorstellungen in Landau sind am 8., 14. und 15. August. Auf der Burg Landeck oberhalb von Klingenmünster ist das Stück am 21. und 22. August zu sehen. Und in Bad Bergzabern gastiert es am 28. und 29. August sowie am 4. und 5. September vor der imposanten Steintreppe des Schlosses mit Start am Schlosshotel Bergzaberner Hof. Karten gibt es ab 10. Juni im Vorverkauf beim RHEINPFALZ Ticket Service und über die Homepage kulturinitiative-gleiszellen-gleishorbach.de. Hier finden sich auch nähere Informationen zum Programm und zum Ablauf.