Interview „Ich liebe Bach!“: Jazzpianistin Marialy Pacheco im Gespräch

Marialy Pacheco
Marialy Pacheco

Marialy Pacheco gerät ins Schwärmen, wenn sie über Johann Sebastian Bach spricht. Nun hat die Jazz-Pianistin ihr erstes Klassik-Album eingespielt – mit Musik von Bach.

Für Ihr erstes Klassik-Album haben Sie gemeinsam mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn Johann Sebastian Bachs g-Moll-Konzert eingespielt. Ein Stück, mit dem Sie schon im August 2014 Ihr Debüt als klassische Pianistin mit dem Queensland Symphony Orchestra im australischen Brisbane gegeben haben. Was reizt Sie an dem g-Moll-Konzert und warum haben Sie es erst jetzt aufgenommen?
Mit dem Album habe ich mir selbst einen Traum erfüllt. Ich komme zwar aus der Klassik, aber es war jetzt das erste Mal, dass ich mich getraut habe, es aufzunehmen – auch weil ich so großen Respekt vor klassischer Musik habe. Und dann ausgerechnet Bach. Man muss wirklich sehr hart arbeiten, um das gut spielen zu können. Deshalb bin ich auch sehr glücklich, wie das Album jetzt klingt. Bachs Melodien und Harmonien sind sehr einfach und doch gleichzeitig von einer unglaublichen Tiefe: Das ist so perfekt komponiert, dass mir beim Spielen seines g-Moll-Klavierkonzertes jedes Mal die Tränen kommen.

Das g-Moll-Konzert ist so viele Male aufgenommen worden. Was haben Sie anders gemacht?
Ich habe mich tatsächlich gefragt, was ich anders machen kann. Doch am Ende habe ich mir gedacht, ich versuche es nicht anders, sondern so zu spielen, wie ich denke, wie sich das Bach gewünscht hätte. Es braucht nicht mehr als das, was er geschrieben hat. Die Pandemie hat mir dann die Möglichkeit gegeben, jeden Tag ohne Zeitdruck zuhause am Klavier zu sitzen und die Aufnahme gut vorzubereiten.

Sie kommen aus der Klassik; wäre es da nicht eher umgekehrt zu erwarten gewesen, dass es eine Frage des Mutes ist, Jazz zu spielen?
Ich habe zuerst klassisches Klavier gelernt, aber doch schon ziemlich früh, so mit 18, die Kurve in Richtung Jazz genommen. Und dann habe ich Komposition studiert, statt weitere vier Jahre klassisches Klavier. Klassische Musik ist ein Teil meiner Seele, ich liebe sie, und sie hat große Einflüsse auf mein Jazz-Spiel. Trotzdem ist der Jazz meine Welt, für ihn fühle ich mich geboren. In der klassischen Musik gibt es so viele Regeln, wie sie zu spielen ist oder wie man glaubt, sie spielen zu müssen. Beim Jazz hingegen, und das ist wohl auch ein Grund, warum ich in ihn verliebt bin, spielt man sich selbst. Er ist persönlich , und das ist, was ich am Jazz liebe und warum ich damit angefangen habe. Irgendwann konnte ich dann nicht mehr zurückkehren zur klassischen Musik, die ich trotzdem immer weiter gespielt habe – vor allem Bach, meinen Lieblingskomponisten.

Es gibt Musiker, die allein klassische Musik spielen, weil sie so darin gefangen sind, dass sie nichts anderes spielen wollen oder können. Wie schaffen Sie es, zwischen diesen Welten zu wandern?
Das hängt mit einem Phänomen zusammen, dass es nur in meiner Heimat Kuba gibt. Dort haben wir unsere ganz eigene Kultur mit unserer Volksmusik, mit Salsa, Son und diesen Musikrichtungen, die nichts mit der Klassik zu tun haben. Wir haben sie im Blut, sie ist lebendig. Mein Vater hat immer gesagt, dass es mehr als nur Musik ist, es ist für uns eine Philosophie des Lebens und wir können in Kuba nicht ohne Musik sein.

Und wie passt da die klassische Musik hinein?
Weil Kuba ein kommunistisches Land ist, gab es sehr viele Einflüsse aus der Sowjetunion. So haben wir deren System der musikalischen Ausbildung übernommen. Mein Vater zum Beispiel hat in Moskau studiert. Er war Opernsänger und wurde zum Studium dahin geschickt, so wie viele talentierte junge Männer und Frauen, die dort zu klassischen Musikern ausgebildet wurden. Meine Klavierlehrerin in Kuba hatte auch in Moskau studiert. Private Musiklehrer wie hier gibt es in Kuba nicht. Wir haben kostenlose Konservatorien, in denen man klassisch ausgebildet wird. Das ist eine sehr, sehr anspruchsvolle Ausbildung nicht nur am Instrument, sondern auch in Musiktheorie oder Musikgeschichte. All die bekannten kubanischen Musiker haben dieses System durchlaufen und sind klassisch ausgebildet. Wenn man am Nachmittag das Konservatorium verlässt, hört man auf der Straße Salsa und Son, man geht auf eine Salsa-Party. Das sind völlig unterschiedliche Welten, die bei uns zu einer Welt verschmelzen. In vielen Ländern – wie auch in Deutschland – sind dagegen klassische Musik und andere Musikrichtungen ganz klar voneinander getrennt. Was mich daran stört, ist, dass man sich als Musiker auch selbst definiert. Ich bin eine Jazz-Pianistin – Punkt. Ruckzuck ist man in einer Schublade und begrenzt sich selbst. Und genau das haben wir nicht in Kuba. Wir spielen einfach. Wir sind klassisch ausgebildet, können aber problemlos abends in einen Jazzclub gehen und dort spielen. Das ist für uns ganz normal. Beim Nationalballett tanzen sie „Schwanensee“ und gehen anschließend Salsa tanzen. Bei uns in Kuba verschmilzt alles. Das ist unsere Kultur. Was nicht unsere Kultur ist, ist klassische Musik.

Diese Trennung zwischen E- und U-Musik ist bei uns also immer noch in vielen Köpfen?
Ja, und das ist sehr schade. Das ist doch alles Musik. Warum muss man das so trennen? Man begrenzt sich doch selbst damit. Das System auf Kuba ist aber wohl einzigartig. Wenn man so klassisch ausgebildet ist, hat man die perfekte Basis, um alles zu spielen. Die Welt gehört dir. Und das ist es, was mir hier manchmal fehlt. Hier wird in Jazzschulen oder Musikhochschulen, in denen Jazz unterrichtet wird, sehr wenig an der Technik gearbeitet, sehr wenig am Beherrschen des Instruments und am Sound. Und genau das vermisse ich bei vielen Jazzpianisten. Sie können alles, aber diese Feinheiten, die man in der klassischen Musik hat, wo man sehr viel mit Farben, mit Klang und Raffinesse arbeitet, fehlen. Mein Freund Omar Sosa sagt immer, „wenn Du vom Jazz leben möchtest, dann musst Du anders sein, dann musst Du besonders sein, dann musst Du etwas haben, was niemand anderes hat“. Es kommt also darauf an, dass Du Deinen eigenen Sound hast, dass man die Augen schließen und sagen kann, das ist Keith Jarrett oder Herbie Hancock oder das ist Chick Corea oder Brad Mehldau. Man erkennt sie bei geschlossenen Augen allein schon am Klang. Und all die haben früher Klassik gespielt. Deshalb rate ich allen jungen Musikern, erst einmal Klassik zu spielen und dann erst Jazz – aber das System in Deutschland sieht das nicht vor, weil es diese Musiktrennung gibt.

Reizt es Sie nicht, in der Klassik zu improvisieren, so wie Sie es im Jazz tun?
Nein. Ich bin kein Fan von Improvisationen bei klassischer Musik. Ich mache das umgekehrt. Ich nehme die Klassik in den Jazz hinein. Ich mag es auch nicht, wenn man das Thema einer Sinfonie oder irgendeinen kleinen Ausschnitt aus einem klassischen Werk nimmt und es mit ein paar Bonbons addiert. Ein paar Musiker im Orchester glaubten, bevor wir das Album aufgenommen haben, ich würde so etwas machen. Aber ich wollte das Konzert, das ich für perfekt halte, clean und sauber spielen, so wie Bach es geschrieben hat. Da fehlt nichts, da muss man nichts hinzufügen oder ändern. Bach ist mein großer Held der klassischen Musik.

Viele Kollegen haben Bachs g-Moll-Konzert gespielt. Wer hat Sie dabei am meisten beeindruckt?
Ich habe sehr viel Glenn Gould gehört und habe mich auch von ihm inspirieren lassen. So wie er wollte auch ich spielen – Bach pur, allein die Töne und die sich daraus ergebende Musik. Für mich als Kubanerin tanzt diese Musik. Sie hat so eine Coolness, Groovyness, so eine Bewegung, die ich vielleicht etwas anders fühle als ein rein klassischer Musiker.

Sie erwähnten Ihren Vater, der Sänger und viele Jahre künstlerischer Direktor der Oper in Havanna war und dem Sie Ihr Album gewidmet haben. Welchen Einfluss hatte er auf Ihre Musik?
Als Kind habe ich jeden Tag drei Stunden geübt und er hat neben dem Klavier im Sessel zugehört und mir Anregungen gegeben. Und als es dann in den 90er Jahren kein Benzin mehr auf Kuba gab, hat er mich allmorgendlich anderthalb Stunden mit dem Fahrrad ins Konservatorium gefahren. Über alles Üben hinaus hat er mir vermittelt, dass Musik dort anfängt, wo die Technik aufhört.

Die CD

Marialy Pacheco: „J.S. Bach Concerto No 7 In G Minor“. Animato - In-akustik.

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