Kulturnacht Kaiserslautern
„Ich existiere in einer extremen Nische“ – Interview mit Kulturnacht-Act Ilgen-Nur
Am 22. Juni steigt in Kaiserslautern die 22. „Lange Nacht der Kultur“. Mehr als 30 Stationen umfasst der Musenmarathon für Nachtschwärmer. In der Fruchthalle kulminiert, wie gehabt, das musikalische und szenische Geschehen. Hauptact ist dort Ilgen-Nur (22.45-23.40 Uhr).
2019 veröffentlichte die junge, 1996 in Kirchheim unter Teck geborene Indiepop-Sängerin ihr Debüt „Power Nap“. Letztes Jahr im Oktober folgte das zweite Album „It’s All Happening“. Im Interview spricht Ilgen-Nur über ihre Zeit in Los Angeles und erklärt, warum „It’s All Happening“ trotz allem kein Pandemie-Album wurde.
Nach Ihrem Debütalbum wurden Sie erst einmal von der Pandemie ausgebremst. Bekommen Sie jetzt, nach Album Nummer zwei, das erste Mal einen Geschmack davon, was es heißt, ein Popstar zu sein?
Das würde ich so nicht ganz sagen. Ich bekomme jetzt wieder einen Geschmack davon, wie es ist, vor Menschen meine Songs zu singen, auf Tour und unterwegs zu sein. Es ist ein neues Gefühl, das sehr anders ist als damals, als ich mit 20 Jahren angefangen habe. Ich hatte in den letzten Jahren mehr Zeit zum Reflektieren. Allerdings bin ich weit entfernt von dem Gefühl, ein Popstar zu sein. Ich existiere als Indie-Künstlerin in Deutschland in einer extremen Nische, bin aber trotzdem sehr dankbar dafür.
Einen Teil der Pandemie haben Sie in den USA verbracht. Was war das für eine Erfahrung?
Ich habe nur etwa zwei Monate vor und während der Pandemie in Los Angeles verbracht und bin anschließend Mitte März mit einem der letzten Flieger wieder zurück nach Berlin geflogen. Erst 2022 bin ich wieder in die USA gereist. Trotzdem war es eine sehr surreale Erfahrung, die Anfänge der Pandemie in leeren Supermärkten und vor den Nachrichten in Los Angeles zu erleben. Ich erinnere mich noch an die erste Märzwoche, in der ich mich täglich testen ließ. Dafür erledigte ich alles, typisch LA, per Drive-thru und drehte täglich meine Runden durch den Elysian Park zur Teststation am Dodger-Stadium-Parkplatz. Aus der Zeit geblieben sind vor allem die Songs die ich dort geschrieben habe, Erinnerungen und Freundschaften.
War diese Phase auch eine Inspiration für den Sound Ihres neuen Albums? Der hat ja schon starke Laurel-Canyon-Vibes.
Laurel Canyon (Wohngegend in Los Angeles, Anm. d. Red) hatte tatsächlich einen großen Einfluss auf mich. Es war der Ort, an dem ich für einen Monat wohnte, bevor es zurück nach Deutschland und in die Pandemie-Realität ging. Dort oben, zwischen den Schluchten und Eukalyptusbäumen, wirkte alles noch sehr friedlich und unberührt, weit entfernt von allem, was danach passieren sollte. Dieses Gefühl versuchte ich bei meiner Rückkehr nach Berlin zu bewahren. Davon handelt auch der Opener des Albums, „Lookout Mountain“.
Was macht diesen Ort zu solch einem Sehnsuchtsort?
Die Sonne, die endlosen Straßen, das tolle Essen, die Diner, die 24 Stunden geöffnet haben, und die unendlichen Möglichkeiten, Orte in der Stadt und der Natur zu entdecken. Das alles hat mich sehr beeindruckt. Ich denke aber auch oft an den Sleater-Kinney-Song „No Cities to Love“, in dem die Band singt: „There are no cities to love. It’s not the city, it’s the weather we love. It’s not the weather, it’s the people we love.“ Das passt für mich sowohl auf Berlin als auch auf Los Angeles. Ich habe diese besonderen Erinnerungen an den Ort nur durch Freunde und Bekanntschaften. Eine meiner engsten Freundinnen ist aus LA und hat mich dort vielen tollen Menschen vorgestellt.
Welche Rolle spielt denn Ihre direkte Umgebung beim Songwriting? Gibt es so etwas wie den perfekten Ort, um Songs zu schreiben?
Ich schreibe eigentlich meistens allein für mich in meiner Wohnung oder in meinem Zimmer, wo auch immer ich eine Gitarre oder ein Klavier stehen habe. Viele meiner Texte entnehme ich direkt aus meinem Notizbuch, das ich oft mit mir herumtrage, um meine Tage festzuhalten. In LA habe ich oft im Auto geschrieben oder auch mal am Strand.
Los Angeles ist eine Stadt der Widersprüche: der Glamour einerseits, dann aber auch das krasse Gegenteil davon. Überhaupt wirkt das Land ja gerade sehr zerrissen. Nimmt man das vor Ort denn auch so wahr?
Ja, natürlich. Es gibt viele offensichtliche Probleme in der Stadt, sei es die Wasserknappheit oder die ständige Angst vor einem großen Erdbeben. Aber auch die Art und Weise, wie die Stadt ihre obdachlosen Einwohner behandelt und verdrängt. Es ist schockierend zu sehen, wie unfassbar reich manche Menschen dort sind und in was für Häusern sie leben, während nur 20 Minuten Autofahrt entfernt Menschen in absoluter Armut in Zelten unter Unterführungen und auf der Straße leben. Das ist belastend und schwer zu ertragen, aber es ist ein großer Teil der Stadt.
Man sagt: Fürs erste Album hat man sein ganzes Leben, fürs zweite etwas weniger Zeit. Haben Sie da diesmal einen anderen Druck verspürt?
Ja, schon, aber irgendwie auf eine gute Art und Weise. Ich habe mich darauf gefreut, ein neues Album zu machen, weil es für mich eher wie ein neues Kapitel ist oder immer die aktuellere Version von mir und meinem Handwerk zeigt. Ich habe mir selbst am meisten Druck gemacht, da ich mir Zeit gelassen habe. Aber ich wollte wirklich ungern ein Pandemie-Album veröffentlichen mit Songs, die ich 2021 geschrieben habe. Diese sind in einem Papierkorb auf meinem Computer gelandet, nur ein bis zwei Songs haben es auf „It’s All Happening“ geschafft. Mir sitzt ja auch kein Label im Nacken, das mir sagt, dass ich jeden Monat eine neue Single herausbringen muss – auch wenn das sicher besser für meine Karriere wäre (lacht). Ich arbeite nicht so schnell, leider. Ich muss erst etwas erleben, um darüber zu schreiben. Und ich bin wählerisch. Neben der Musik habe ich auch noch andere Arten, Dinge einzufangen und zu verarbeiten, das ist auch schön und privater.
Interessiert es Sie denn dann, was die Leute zum Album schreiben oder sagen? Lesen Sie Kritiken oder Kommentare im Netz?
Es interessiert mich mal mehr, mal weniger. Wenn ein Album rauskommt, an dem man mehrere Jahre gearbeitet und von dem man bisher nur positives Feedback aus seinem Umfeld bekommen hat, interessiert es mich schon, was fremde Personen dazu empfinden. Es verändert aber meine Beziehung zu den Stücken und der Musik nicht. Ich habe einige Kritiken zum Album gelesen und fand es schön zu sehen, dass die Kritiker verstanden haben, was ich erzählen wollte. Bisher habe ich allerdings noch nie eine Kritik gelesen, die mich zerrissen hat, daher wüsste ich nicht, wie ich darauf reagieren würde. Aber das sind auch nur Menschen mit Meinungen, und es muss nicht jedem gefallen, was ich mache, den Anspruch habe ich gar nicht. Negative Kommentare im Netz habe ich doch schon eher gelesen und versuche diese wirklich zu meiden, soweit es geht.
Sind Sie überhaupt groß in den Sozialen Medien aktiv?
Ich bin leider, seitdem ich Zugang zu einem Computer habe, chronisch online. Ich liebe das Internet, wenn ich gerade nichts zu tun habe, bis es mir alles zu viel wird und ich das Handy in die Ecke schmeiße. Dann liebe ich es, im echten Leben im Moment zu sein und andere Dinge zu machen, und rege mich darüber auf, weshalb ich so viel im Internet hänge. Ich benutze soziale Medien privat mehr, als dass ich aktiv jeden Tag poste. Das mache ich eher nach Lust und Laune. Die verschiedenen Plattformen haben sich ja auch sehr über die letzten Jahre verändert. Instagram nutze ich für mich hauptsächlich für die Arbeit und um Freunden Memes zu schicken. Und zum Scrollen wechsle ich mittlerweile lieber zu Reddit, Tik-Tok und Youtube.
Sie betreiben ja auch Ihr eigenes Label, müssen also auch das Wirtschaftliche mitdenken. Sind Sie trotzdem eine Verfechterin des Album-Formats?
Ich mag Alben, weil sie irgendwie in sich geschlossene Kreise sind und mir mehr Zugang zum ganzen Bild geben. Ich freue mich aber auch sehr, wenn Leute regelmäßig hier und dort Singles herausbringen. Manchmal komme ich allerdings nicht bei jedem, dem ich folge, hinterher. Ich entdecke zwar gerne neue Musik, höre aber auch oft immer wieder die gleichen Songs und Alben anderer Künstler.
Eigentlich hätten Sie Ihr Debüt in Kaiserslautern ja schon 2021 feiern sollen, beim geplanten Festival „Barbarockstar“. Wegen Corona ging das nicht. Jetzt also mit Verspätung: Was können Ihre Fans denn von Ihrem Auftritt bei der Langen Nacht der Kultur erwarten?
Sie können das Album „It’s All Happening“ und ein paar meiner älteren Songs live mit meiner Band erwarten, in ihren aktuellen Versionen. Man wächst irgendwie anders in die Songs hinein, und es macht einen gigantischen Unterschied, diese live gespielt zu hören. Die Songs sind im Studio hauptsächlich über mehrere Tage und Takes mit Overdubs entstanden, und umso mehr Spaß macht es, mit echten Menschen, die ich mag, zusammen Instrumente zu spielen. Man kann einige verträumte, ruhige, intime Momente erwarten und hoffentlich ein paar mit etwas mehr Drive. Alle, die eine Gute-Laune-Party-Show erwarten, muss ich allerdings enttäuschen ...
Lange Nacht der Kultur in Kaiserslautern
Ein Bändchen, viele Möglichkeiten: Wer Zutritt zum Hauptprogramm der „Langen Nacht der Kultur“ am Samstag, 22. Juni, in Kaiserslautern erhalten möchte, benötigt ein Bändchen. Diese Eintrittsbändchen berechtigen zum Besuch der Fruchthalle, des Pfalztheaters Kaiserslautern und des Stadtmuseums (Theodor-Zink-Museum, Wadgasserhof), und man kommt damit ins Museum Pfalzgalerie mit seinem Führungsprogramm, in den Japanischen Garten und ins SWR-Studio. Auch sind Fahrten im „Lange-Nacht-Bus“ möglich, der an mehreren Stationen hält, etwa in der Stadtmitte (Martin-Luther-Straße, erste Fahrt 19.15 Uhr), an der Pfalzgalerie und am Hauptbahnhof (Bussteig A). Auch dieser Bus wird künstlerisch bespielt. Zu den genannten Orten kommen viele Vertreter der freien Kulturszene, etwa der Kulturverein Pälzer Bagage und der Kunstraum Westpfalz. Das Eintrittsbändchen kostet 15 Euro für Erwachsene (11 Euro ermäßigt); 12 Euro für Erwachsene mit RHEINPFALZ-Card. Eine der Vorverkaufsstellen ist die Tourist-Information der Stadt. Online unter eventim.de. Die Abendkasse in der Fruchthalle ist ab 17.30 Uhr geöffnet (Programmbeginn dort 18 Uhr). Der „Late-Night-Tarif“ ab 0 Uhr kostet für alle 6 Euro. Das Familienticket ist nur an den Abendkassen erhältlich (35 Euro für maximal zwei Erwachsene mit ihren Kindern). An vielen Orten ist der Eintritt jedoch auch frei.
