Kultur Heißer Tanz

Kunst und Funkensprühen: Schlossermeister Volker Priewe auf der Hebebühne. Künstler Robert Schad (im karierten Hemd) davor.
Kunst und Funkensprühen: Schlossermeister Volker Priewe auf der Hebebühne. Künstler Robert Schad (im karierten Hemd) davor.

Showtime in der Werkstatt. Und die Funken sprühen. Bei Metallbau Werle in Obrigheim wird gerade Robert Schads Skulptur für Tiefenthal zusammengeschweißt, Titel „Malog“, ein Fantasiename für zwei tonnenschwere Linien, die gelenkig tanzen. Bald in der „Neuen Mitte“ des 950-Einwohner-Orts im Leiningerland. Bezahlt aus privaten Mitteln. Dahinter steckt Kunst-Hunderttausendsassa Wolfgang Thomeczek, Tiefenthaler Galerist. Ein Werkstattbericht im wahrsten Wortsinn.

Natürlich ist das der Hammer. Die Werkstatt-Atmo, das Kunstpublikum. Die Männer im Blaumann. Dazu die Profi-Stiftezücker. Wie geuzt wird. Einer zu Metallschlossermeister Volker Priewe: „Du hoscht jo dreckische Händ.“ Der: „Dreckische Händ sinn a Zeiche von ehrlicher Arbeit.“ Auf einem Tisch bei Metallbau Werle ist ein Buffet aufgebaut, Catering, die Landfrauen. Hoch fährt die Hebebühne jetzt. Vor ihr scheint der stählerne Blitz eingeschlagen zu haben. Zwei mehrmals die Richtung ändernde Linien, auf einer Bodenplatte arretiert. Das Publikum muss zur Seite treten. Brille auf. Schlossermeister Priewe lässt es Feuer regnen. Alle schauen zu ihm hoch. Auch Robert Schad, Stahlarbeiter unter den internationalen Kunst-Größen. Er steht an einer Werkbank, Schutzbrille in der Hand. Neben ihm ein Modell von dem, was in den Werkstatt-himmel ragt. „Malog“, heißt das wundersam filigrane Teil, das bald in der Mitte von Tiefenthal residieren wird. Künstler und Handwerker sind ganz auf einer Linie Schad ist in seinem Metier so etwas wie ein Star. Schlossermeister Priewe, er fährt mit seinem Schweißgerät gerade eine vorgezeichnete Linie entlang, aber auch nicht so ohne. Von Schad präsidieren Arbeiten die deutschen Botschaften in Kathmandu und Moskau. Ein Kreuz des gebürtigen Ravensburgers mit Hauptwohnsitz bei Besançon ist Signet des Wallfahrtsortes Fatima. Das Kunststück „Der Linie lang“, ein über 40 Meter auskragender Stab, liegt auf der Dach-Ecke des Schwarzwald-Baar-Klinikums in Villingen-Schwenningen auf. Wer’s näher will, fährt nach Mannheim, wo er sich in die Augustaanlage eingeschrieben hat. 80 festinstallierte Schads sind in der Welt verteilt. Das 81. Werk ist der Pfalz versprochen. Schad hat sich verewigt. Metallbauer Priewe wiederum hat in der Region mindestens 200 Hoftore hinterlassen. Unter anderem. Sein Ethos: Alles muss passen, auch stilistisch, auch zu einem Haus aus dem Jahr 1850. Außerdem ist der 54-Jährige als Museumsschmied im Freilichtmuseum Bad Sobernheim Idol. Ein nachdenklicher Mann, der es gerne handfest mag. Schad und Priewe sind ähnliche Typen. Was ihn nerve, sagt der Schlosser: Wenn sich seinesgleichen plötzlich als Künstler begriffen. Dagegen imponiere ihm, wenn ein Künstler auch das Handwerkliche beherrscht – wie Schad. Der könne genauso gut schweißen wie er, sagt Priewe. Er hat als Kunst-Handwerker noch einiges vor sich. Noch ist „Malog“ unfertig, Die Gelenkstellen der Skulptur liegen frei. Der Blick fällt auf kleine Scheiben, die als Stabilisatoren fungieren und überarbeitet werden müssen, damit sie aussehen wie auf dem Modell. Zwei Streben verbinden die beiden dem Himmel eckig entgegenstrebenden Lineaturen. Die kommen auch weg. Viel Schweißerei, keine Tränen. Schad hat viel zu viel zu tun, um tagelang selbst einzugreifen. Er hat sich ganz bewusst für Metallbau Werle für das Finish seiner Kunst entschieden. Er produziert gerne vor Ort. Andere Kunstgrößen wie Tony Cragg betreiben eigene Werkstätten mit 50 Leuten. Schad ist ständig unterwegs. Auf einem Tisch, Kataloge sind ausgebreitet, liegt ein Faltblatt aus. Inhalt: ein Skulpturenprojekt in der Region Bodensee-Oberschwaben, wo Schad im Mai 50 großformatige Arbeiten in mehr als 30 Orten aufstellt. Auch am Ufer des Bodensees. In Obrigheim stürzt aus über sechs Metern lichter Höhe das siedend heiße Stück aus massivem 100-Millimeter Vierkantstahl herab. Schad schaut zufrieden. Schlosser Priewe hat den Stahlüberschuss an der nun abgeschrägten, gerillten Spitze abgetrennt. Es klackt beim Aufprall. Der Mann, der dafür gesorgt hat, dass sich die Lebenslinien des Künstlers Schad und des Handwerkers Priewe hier treffen, kann es viel besser hören als sehen: Wolfgang Thomeczek trägt am Revers einen gelben Anstecker mit drei Punkten. Und gleichzeitig sieht er mehr in der Kunst, als die allermeisten wissen. Er hält jetzt eine kleine Ansprache. In seinem charmanten Verbindlichkeitston. Längeres graues Haar. Fein gezeichnetes Gesicht, ein Dandy fast. Es ist, wenn man so will, sein zweiter Anlauf mit der Kunst von Robert Schad in der Region. Robert Schads Lieblingsfarbe? Rost In der Werkstatt wird langsam die Hebebühne abgelassen. Priewe steigt ab. Thomeczek lädt zum Buffet, „bitte alles aufessen“. Gerne dürfe man den Künstler selbst zu seinem Werk befragen, sagt er jetzt. Thomeczek jedenfalls bewundert es offensiv. Früher war er im kreativen Messebau gut im Geschäft, ein Kunstsammler seit er denken kann, Sorte mit Herzblut. Außerdem ist er so etwas wie ein feinsinnig insistierender Netzwerk-Virtuose. Immer mit seidenem Schal. Ein guter Bekannter einer ganzen Reihe bedeutender Menschen in Sachen Kunst. K.O. Götz war ein Freund, Franz Bernhard dito. Mit Schad, der gerade auf Anfrage von der Linie als existenziellem Zeichen spricht, verbindet ihn viel. Sein Werk? Schad sagt, na ja, „Augenmusik“. Für jeden zu verstehen. Und immer anders. Wichtig, sagt er: dass seine Kunst Perspektiven eröffnet, immer neue, versteht sich. Seine Lieblingsfarbe? Rost. Am liebsten, habe er es, selbst eher wuchtig, wenn man seine Figuren als Tanzende betrachtet. Und ihn als Bewegungs-Choreographen, der Schweres leicht aussehen lässt und umgekehrt. Nach der Bildhauerei, sagt er sinngemäß, sei der Tanz sein sozusagen zweites Standbein. Auf YouTube kann man die Tanz-Ikone Gerhard Bohner sich wie im Duett mit Schad-Skulpturen bewegen sehen. Schad, der Bildhauerveteran, ist Jahrgang 1953. Er sagt, über eine erste Arbeit von ihm in Ravensburg habe es geheißen, im Volksmund: ein ideales Gerüst, um Künstler und Oberbürgermeister nebeneinander aufzuhängen. Heute, hat er das Gefühl, ist das Werk für die Ravensburger nicht mehr wegzudenken von dem Ort. Die Erfahrung ist, wie man aus der RHEINPFALZ weiß, den Sausenheimern entgangen. Schon dort nämlich hat sich Wolfgang Thomeczek, damals Betreiber des Kunstkabinetts im Turm im ortsansässigen Weingut Gaul, für den Künstler eingesetzt, vergeblich. Ein Schad sollte als Kunst am Bau einen Sausenheimer Kreisel zieren. Jetzt sind die Verhältnisse anders. In der Metallwerkstatt lässt sich ein Fan von Schad ein Buch signieren. Die etwa 50 Werkstattbesucher stehen in Grüppchen. Der Künstler ist in Gespräche verwickelt. Schlossermeister Priewe spricht mit seinem Chef. Zehn Jahre lang, von 1997 bis 2007, war Thomeczek Vorsitzender des Kunstvereins Zweibrücken. Seit 2016 arbeitet er in seinem Tiefenthaler Kunstkabinett im Duett mit seiner Frau Veronika am eigentlich Unmöglichen. Die Thomeczeks sind so etwas wie gemeinnützige Galeristen. Der Glücksfall Wolfgang Thomeczek Einen „Kulturmotor oder auch das Schwungrad von Tiefenthal“, nannte ihn die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer, als sie Wolfgang Thomeczek vor Kurzem den Landesverdienstorden verlieh, die höchste Auszeichnung des Landes. Wegen ihm reist plötzlich die halbe Welt ins Leiningerland. Mario Adorf war zu einer Lesung da. Vergangenes Jahr ist in den minimalistisch schönen Kunstkabinett eine Doppelschau von K.O. Götz und dem Pfalzpreisträger Michael Dekker zu erleben gewesen. Plus Konzert von Chris Jarrett und Erwin Ditzner. 2017 baten Schad-Skulpturen zum Tanz. Damals schon laborierte Thomeczek an der Idee, am Treffpunkt der Blickachsen in Tiefenthal an der Bahnhofstraße einen echten Schad zu installierten – mit privaten Geld, maßgeblich auch seinem eigenen. Thomeczek ist Beigeordneter der Gemeinde. Und kann sehr, sehr überzeugend sein. Verbandsgemeindebürgermeister Frank Rüttger, ein Unterstützer des Projekts „Neue Mitte“, steht so beim Werkstattgespräch im Kunstvolk. Den Ortsbürgermeister Edwin Gaub voran und den Gemeinderat gleich mit, hat Thomeczek rechtzeitig ins Boot geholt. Die Volksvertreter haben über drei Vorschläge von Schad abgestimmt. Die Modelle dafür werden jetzt verkauft. Erlös zugunsten des Kunstwerks, versteht sich. Wie die Dinge laufen, erzählt viel von der einnehmenden Art dieses Impresarios im besten Wortsinn, der jetzt bei Marmorkuchen und Kaffee steht und froh ausschaut. Ganz zufrieden, nie. Viel, sagt er aber, fehle nicht mehr, und das Geld für die Skulptur sei zusammen. Wie auf dem Sprung steht „Malog“ in der Werkstatt und reckt sich. Ein Fingerzeig funkensprühenden bürgerschaftlichen Engagements. Spendenkonto Spende Skulptur Robert Schad, Verbandsgemeinde Leiningerland – RV-Bank Rhein-Haardt / DE53 5456 1310 0002 4023 00. Eine Spendenbescheinigung wird zugesandt.

Der Initiator: Wolfgang Thomeczek.
Der Initiator: Wolfgang Thomeczek.
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