Kultur Hart am Leben: Vergesst 2020! Jetzt ist nächstes Jahr

In „42“, dem großartigen Roman des in Speyer geborenen Schriftstellers Thomas Lehr, bewegen sich die Figuren somnambul in Zeitblasen. Ohne, dass sie es realisieren. Sein Buch ist Science Fiction, beschreibt aber nahegehend realistisch die Unwirklichkeits-Erfahrung unserer Gegenwart. Alles wirkt ja wie immer, die Sonne scheint (manchmal). Nichts ist mehr, wie es noch vor zwei Monaten war. Jetzt ist eine komplett andere Epoche. Zeit scheint aufgehoben, eine Relativitätstheorie.
„What a year this week has been“, heißt es neuerdings seufzend in den sozialen Medien, was für ein Jahr diese Woche doch war. Und so verrinnen die Stunden wie in Aspik. In der bangen Hoffnung, dass der Corona-Spuk bald vorbei ist. Irgendwann. Derweil wähnt man sich auf andauernden Zeitreise. Gegenwart, später. Alle Konzerte, Kunstschauen, Theaterpremieren, Lesungen sind aufgeschoben. Der Auftakt des rheinland-pfälzischen Kultursommers soll im August sein, wenn er eigentlich schon bald vorbei ist. Die Berlinische Galerie hat ihre Frühlingsschau 2020 auf nächstes Jahr verschoben. Genauso verhält es sich mit der Fußball-Europameisterschaft dieses Jahr, die dann ein Jahr vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar stattfindet (so Gott will). Aus zwei Jahren Abstand wird ein Jahr.
Drehbuch der Gegenwart: Stephen King
Auch die Olympischen Spiele gehen dann mutmaßlich mit einjähriger Verspätung über die Bühne, wobei das Motto „Tokyo 2020“ aus Gründen des abgeschlossenen Merchandisings dasselbe bleibt. Als würde wie in Stephen Kings „Die Langoliers“ die Gegenwart vernichtet, wenn sie Vergangenheit wird. Die Zukunft mutiert zum nachholenden Ereignis. Auch grammatikalisch stößt man an seine Grenzen. Denn im August, September, Oktober soll alles so sein, wie es im März, April, Mai gewesen sein hätte sollen. Und 2021 wird das bessere 2020 werden. Himmel hilf, hoffentlich.