Speyer
Speyerer Krankenhäuser protestieren gegen Reformen
Grüne, rote und weiße Stoffe lagen am Montag auf dem Domplatz verteilt. Die sogenannten Kasacks, Teil der Arbeitskleidung von Pflegekräften und Ärzten, ergaben das riesige Wort „SOS“. Vor dem Dom versammelten sich am Montag rund 400 Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte sowie andere Mitarbeiter der beiden Krankenhäuser Diakonissen und Vincentius. Die Aktion war ein Protest gegen die geplante Gesundheitsreform. Den Krankenhäusern stehen massive Kürzungen bevor.
Allein im kommenden Jahr sollen im Gesundheitssystem bundesweit 16,3 Milliarden Euro eingespart werden. Davon sollen 42 Prozent die Versicherten tragen und den Rest das Gesundheitswesen – etwa Ärzte, Krankenhäuser, Apotheken und die Pharmabranche. Die Reform soll die Finanzen der gesetzlichen Krankenkassen stabilisieren. Wie genau sich das auf den Arbeitsalltag der Speyerer Krankenhäuser auswirken wird, können sich die Mitarbeiter noch nicht vorstellen. Gutes erwarten sie nicht.
Mehr Arbeit, weniger Geld?
„Das ist schlecht für die Pflege, viele werden gehen“ mutmaßte eine Mitarbeiterin des Diakonissen-Krankenhauses. Die 42-Jährige schloss erst vor Kurzem ihre Ausbildung zur Pflegeassistentin ab. Der Beruf mache ihr viel Spaß. Sie erwarte aber, dass die Reformen Unzufriedenheit unter den Mitarbeitern auslösen werden. „Die Pflege ist sowieso schon am Limit“, sagte sie. Es müsse mehr Geld in die Pflege fließen, sonst würde den Beruf niemand mehr machen wollen.
Eine der Maßnahmen betrifft das Pflegebudget, das eine Obergrenze erhalten soll. Krankenhäuser können es also nicht einfach erhöhen um höhere Gehälter zu zahlen oder mehr Personal einzustellen. Eine Ausnahme wäre, wenn aufgrund von gesetzlichen Beschlüssen mehr Personal benötigt würde. Außerdem soll die Pauschale zur Entlastung der Pflege gestrichen werden. Sie beträgt 2,5 Prozent des Pflegebudgets.
„Wir müssen trotzdem unsere Arbeit machen“, sagte eine junge Frau, die mit ihren drei Kolleginnen zur Aktion kam. „Wir brauchen mehr Pflegekräfte, nicht weniger Ressourcen.“ Die Gesundheits- und Krankenpflegerin ist seit acht Jahren im Beruf und bangt um ihr Gehalt. „Wir brauchen in jedem Sinne Hilfe“, sagte sie. Ihre Erfahrung: Viele Patienten kämen direkt ins Krankenhaus, weil die Hausärzte überlastet seien. Das Krankenhaus, die Pflegekräfte, die Ärzte seien für viele Menschen zu selbstverständlich.
Speyerer Chefarzt besorgt
Christian Stock wünscht sich mehr Struktur im Umgang mit Krankenhäusern. Er ist Chefarzt der Urologie am Vincentius-Krankenhaus. „Es gibt zu viele Krankenhäuser in Deutschland“ sagte er. Schließungen und Förderung müssten strukturierter ablaufen. „Aktuell dreht man allen Krankenhäusern den Hahn ab und schaut, wer überlebt“, so Stock. Eine einfache Lösung für das Gesundheitssystem gebe es allerdings nicht: „Das ist so verwoben, es gibt viele Seiten, die daran ziehen, und niemand möchte etwas abgeben.“
Ohne die anstehenden Reformen kämen das Vincentius und das Diakonissen-Krankenhaus nach Stocks Einschätzung durch. „Wir möchten die wohnortnahe Versorgung gewährleisten“, sagte er. Die Krankenhäuser arbeiteten eng zusammen. Die Schwerpunkte seien aufgeteilt worden, die Leistungsgruppen gemeinsam abgestimmt, erklärte Stock. Mit den Reformen wisse er nicht, wie angemessene Gehälter und Arbeitsplätze gesichert werden sollen: „Wenn es so weitergeht, werden beide Krankenhäuser nicht überleben.“
„Je mehr Leute hier sind, desto mehr Aufmerksamkeit bekommen wir“, sagte eine der vier Pflegerinnen zur Aktion. „Das betrifft uns alle“, ergänzte ihre Kollegin. „Viele denken nicht daran, dass sie sehr wahrscheinlich auch einmal Patient sein werden.“ Hoffnung, dass sich durch Proteste etwas an den Plänen der Regierung ändere, haben die Frauen allerdings keine. Eine Mitarbeiterin aus dem Labor hält die Aktion trotzdem für wichtig: „Wir müssen für den Beruf und die Patienten kämpfen“, sagte die medizinisch-technische Assistentin.