Kunst RHEINPFALZ Plus Artikel Glitschige Pilze, wie schön: Die junge Speyerer Künstlerin Maria Trezinski

Morbide Sujets, sonniges Lachen: Maria Trezinski im Atelier.
Morbide Sujets, sonniges Lachen: Maria Trezinski im Atelier.

Bei der jungen Künstlerin Maria Trezinski ist das Eklige schön, Pilze haben Charakter und Gedärme glänzen formvollendet. Gerade hebt die Karriere der Pfalzförderpreisträgerin richtig ab. Jetzt zeigt sie ihre Arbeiten im Keiper-Haus in Obermoschel.

Ein bürgerliches Haus in Speyer, Drucke an den Wänden im Hausgang, die den Speyerer Dom zeigen. Die weitläufige Holztreppe hoch, im ersten Stock im Flur dann hängen andere Bilder: Gemälde von Gedärmen, Totenköpfe, Stinkmorcheln, die glühen. Im Wohnzimmer lehnt die zwischen freischwingend und naturgetreu schwebende Malerei einer Feuerwanze, die sich auf Spinnenbeinen fahrig dahin zu schleppen scheint.

Der – für Gartenfreunde - „Lästling“ aus der Ordnung der Neuflügler ist mannsgroß gemalt, ein bisschen gruselig und faszinierend nahegehend. Willkommen in der Anderswelt der gerade sehr erfolgreichen Künstlerin Maria Trezinski, die einem freudig lächelnd die Tür ihrer Atelierwohnung aufhält. Gutgelaunt, mitten in den Vorbereitungen auf ihre jüngste Ausstellung, die am Freitagabend im Keiper-Haus in Obermoschel startet.

Es ist der Abschluss eines dreimonatigen Stipendiums des Kunstvereins Donnersbergkreis unter dem Motto „Ländliche Begegnung“, das sie dort innehatte. Die fünfte Schau schon der Pfalzförderpreisträgerin des Jahres 2018, die in diesem Jahr öffnet. Dabei wirkt es nicht so, als ob sie nur deshalb freudestrahlt, weil ihre erdnahe Porträt-Kunst gerade ziemlich Furore macht.

Amanita im Weltraum

Die Käfer, die über verwischte Farbflächen krabbeln, der Feuersalamander mit seiner Zeichnung aus gelb-schwarzen Schlieren, der in einer schießenden Vorwärtsbewegung eingefroren ist. Amanita halloides, der Grüne Knollenblätterpilz, der sich in einen nach Fantasy aussehenden, lilaürkisblassviolett Weltraum sprengt, während blaue Blasen formschön und glänzend davonstieben.

2020, bei der Landeskunstausstellung Flux4art in der Pirmasenser Dependance Forum Alte Post, präsidierte die vorhin schon erwähnte Feuerwanze einen ganzen Saal. In Obermoschel wird Maria Trezinski wegen des eingeschränkten Platzes hauptsächlich Kleinformate zeigen, die auf ihren Expeditionen vor Ort basieren. Einen Teil davon in einer Vitrine, die sie in der kleinsten Stadt der Pfalz im Sperrmüll gefunden hat. Eigene Keramiken wird sie ausstellen, Fundstücke, einen kleinen Rehschädel, Wunderkammerdinge, als wolle sie damit wie in der Renaissance und im Barock den Stand von der Wissenschaft und Forschung dokumentieren. Der sprechende Titel der Schau, „Beloved“, beschreibt ziemlich gut das Nahverhältnis, das sie zu den Motiven ihrer Malerei pflegt.

Käfer, später

Sie hat sich offensichtlich einen eigenen Malkosmos erschaffen aus eklig anziehendem und befremdlich schönem. Einen, der ganz gegenwärtig ist, erhellend die Größenverhältnisse und Perspektiven verändert, nach botanischer Science-Fiction aussieht und gleichzeitig über sich hinausweist. Auf was alles? Eine post-humane Zeit? „End of the World“, das Ende der Welt, jedenfalls war eine Ausstellung von ihr überschrieben, die vergangenes Jahr in Schwalenberg in Westfalen-Lippe zu sehen war, wo Maria Trezinski ebenfalls ein Stipendium hatte. Die gebürtige Braunschweigerin, der Liebe wegen Speyererin, steht am Anfang einer vielversprechenden Karriere.

Immer wieder ist sie bei Stipendien in der Weltgeschichte unterwegs und muss sich dann, wie sie sagt, erst wieder einfinden in die pfälzische Umgebung. Ein Dorf- und Waldkind, Trezinski, Jahrgang 1994, am äußersten Rand von Braunschweig aufgewachsen, wie sie erzählt, klischeehaft immer zeichnend, in der Grundschule hat sie eine Klasse übersprungen, in der gymnasialen Oberstufe dann war sie Hochbegabtenstipendiatin des Landes Niedersachsen im Fach Kunst. Abi mit 16, mit 22 Diplom Freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, anschließend ein Jahr Meisterschülerin bei Wolfgang Ellenrieder, der als Maler als eigenwilliger Kopf gilt.

Malerin, male mir

Er lehrt – so seine akademische Selbstangabe - „die reflektierte Auseinandersetzung mit Malerei im Zeitalter einer allgegenwärtigen ungefilterten Bildproduktion“. Ihm verdankt Maria Trezinski auch ihre andauernde Werkphase mit gegenständlichen Arbeiten, die untergründig und ganz leise an Sprühlackbilder und gleichzeitig an das Werk der Naturforscherin und Künstlerin Sibylla Merian (1647-1717) denken lassen. Sie hat mit einem künstlichen Totenschädel begonnen.

Damit, wie sie sagt, dass ihr Professor Ellenrieder einen (künstlichen) Totenschädel mit Loch überreicht hat. „Mal das mal!“, sein Auftrag. Zu der Zeit, sagt sie, sei sie dem Abstrakten zugeneigt gewesen. Inzwischen ist sie unter anderem Expertin für die Darstellung der sogenannten Trepanation.

Loch im Kopf

Das Schädelöffnungsverfahren, das schon bei den Mesolithikern 10.000 vor Christus belegt ist, wird normalerweise dazu verwendet, Schusswaffen-Projektile zu entfernen. Oder zur Senkung des Schädelinnendrucks. Allerdings, erzählt die Künstlerin, würden einige auch darauf schwören, dass ein Loch im Kopf den Kontaktintensität mit dem Übersinnlichen erhöht. Ein Faktum, das sie bei ihren zahlreichen am Kitschrand sinnlichen Schädelbildern einfach so mittransportiert – augenzwinkernd, für esoterische Connaisseure. Auch das Morbide ihrer Motive steht, gleichwohl es auf den ersten Blick so scheint, nicht im Vordergrund.

Sie sagt, im Urgrund sei sie an den Folgen der Begegnung von Mensch und Natur interessiert. Zum Beispiel daran, dass in Tschernobyl nach dem Reaktorunfall erst die Anzahl der Fehlgeburten, Tumore und Deformationen bei Tieren stark gestiegen sei, sich die Populationen aber durch die andauernde Abwesenheit des homo sapiens prächtig erholt hätten. „Tolle Textur, tolle Farben“, beschreibt sie den, na ja, ungewöhnlichen Gegenstand eines Frühwerks, das auf dem Weg in ihren Atelierraum an der Flurwand hängt: Tiergedärme. Es könnte sich dabei aber genauso gut auch um eine delikate gemalte Abstraktion handeln.

Sehen mit drei Dioptrien

Maria Trezinski trägt ihr Haar streng mittig gescheitelt und hat einen untergründigen Hang zur Konzeptkunst, den sie mit der Erprobung von Farbverläufen auslebt, dem ernsten Spiel mit selbstgestellten Aufgaben und Fragen wie: Male ein schwarzes Bild. Oder: Wie bekommt man Tautropfen hin? Kann ich Pilzlamellen wie ein Relief aussehen lassen? Einen Kaiserskorpion menschlich? Oder: Ist Nässe darstellbar? Vielleicht auch: Wie sieht man mit drei Dioptrien und ohne Brille? Gibt das ein besseres Bild? Sie hat dazu eine eigenwillige Technik entwickelt, die ihr dabei hilft. Jetzt kramt sie eine Dose aus einem überquellenden Container. Sie benutzt das schnelltrocknende Material von Graffitti-Sprayern und mixt das mit der langsam hart werdenden Ölfarbe. Dann bearbeitet sie das Ganze mit einer Rakel. Oder sie malt mit der Öl- auf die Sprühfarbe, und weil sie sich nicht verbinden, scheint Transparenz auf. Sie spielt gern mit Unschärfen, Ambivalenzen. Offenbar auch im Leben. So greift sie sich plötzlich ein an der Wand hängendes Teil, aufgefädelte Knochen. Dann legt sie es sich um den Hals. „Schöne Kette, oder?“, ihre Frage. Dazu ihr Lächeln. Dann ein Lachen. Die Sonne scheint auch draußen.

Die Ausstellung

Im Keiper-Haus, Kanalstraße 2, in Obermoschel. Vernissage am Freitag, 8. Juli, 17 Uhr. Geöffnet ist die Schau dann Samstag und Sonntag, 9. und 10. Juli sowie 23. und 24. Juli, jeweils 14 bis 17 Uhr. Außer am 23. Juli wird Maria Trezinski vor Ort sein und gern über ihre Kunst sprechen, kündigt der Kunstverein an. Weitere Informationen gibt es unter http://trezinski.de und http://kunst-donnersberg.de.

Atelierszenerie
Atelierszenerie
Mag die Künstlerin auch: Wunderkammern.
Mag die Künstlerin auch: Wunderkammern.
Wesen mit Charakter: Maria Trezinskis Gemälde „Pilz quer (1)“ ist 2020 entstanden.
Wesen mit Charakter: Maria Trezinskis Gemälde »Pilz quer (1)« ist 2020 entstanden.
Übergroßer „Lästling“: Maria Trezinskis Feuerwanze ist mannshoch und hat schon die Landeskunstausstellung Flux4art präsidiert.
Übergroßer »Lästling«: Maria Trezinskis Feuerwanze ist mannshoch und hat schon die Landeskunstausstellung Flux4art präsidiert.
Mehr zum Thema
x