Saarbrücken
Giacomo Puccinis Oper „Tosca“ am Saarländischen Staatstheater
Die erste Opernpremiere des neuen Generalintendanten Michael Schulz ist ein voller Erfolg. Bereits das erste Bild erschüttert die Zuschauer: Eine Frau hängt an einem großen Lichtkreuz. In ihre Schmerzensschreie fallen die ersten, harschen Akkorde der Oper ein. Sogleich werden Assoziationen an die Mater Dolorosa wach, aber auch an einen Auftritt von Popstar Madonna. Und das Bild verdeutlicht unmittelbar die zentralen Themen von Puccinis Oper: Liebe in Zeiten von Gewalt, Willkür und Folter.
Dann beherrscht eine breite weiße Leinwand die Bühne von Lydia Merkel. Frauenköpfe hängen an beiden Seiten, in der Pupille eines Auges spiegelt sich ein Frauenporträt. Hier kalauert der Mesner (Joachim Maaß) über respektlos-frivole Künstler und Freigeister, hier reflektiert der junge Maler Mario Cavaradossi über seine Kunst in der berühmten Arie „Recondita armonia“. Oreste Cosimo bezaubert mit seiner Frische und seinem markanten, schlank geführten Tenor, der mit baritonalem Timbre mühelos auch in vollen Spitzentönen strahlt. Vor diesem Bild trifft Cavaradossi auch den flüchtigen Politiker Angelotti (Hiroshi Matsui), den er verköstigt und vor dem berüchtigten Polizeichef Scarpia (Benedict Nelson) in seinem Landhaus versteckt.
Salopp und sportlich haben die Kostümbildner Georg & Paul die umjubelte Sängerin Floria Tosca mit einem eleganten violetten Hosenanzug mit weißen Turnschuhen ausgestattet. Leah Gordon gestaltet sie mit ausgeprägter Spielfreude kapriziös und natürlich zugleich. Klar und kühl passt ihr Sopran hervorragend zu dieser Interpretation, er berührt aber auch mit innig-zarten Tönen voll tiefer Emotionalität. Überwacht wird sie vom skrupellosen Polizeichef Scarpia, der sie begehrt. Benedict Nelson zeichnet mit seinem wandlungsfähigen Bariton das Porträt eines skrupellosen Machtmenschen, der seine beruflichen und privaten Ziele mit äußerster Brutalität verfolgt.
Der aus zahlreichen Nachrichtenbildern bekannte überlange Schreibtisch Wladimir Putins stand wohl Pate für den langen Tisch, an dem Scarpia im zweiten Akt residiert und Tosca ins Verhör nimmt, während er sich Spaghetti und Rotwein schmecken lässt ungeachtet der zerlumpten Gefangenen und der tanzenden jungen Frau mit blutigen Wunden im Gesicht. Die Schmerzensschreie des gefolterten Cavaradossi dringen durch das Gespräch von Scarpia und Tosca. Was passiert, lassen die schemenhaften Gestalten und die verzweifelt um Hilfe gereckten Hände hinter einer transparenten Wand erahnen. Immer verletzlicher zeigt sich die herbeigeeilte Tosca, sie bricht schließlich unter dem psychischen Druck zusammen und verrät Angelottis Versteck. Cavaradossi verhöhnt den Polizeichef auch jetzt noch und jubelt über den Sieg der Freiheit, im Wissen, dass er damit sein Todesurteil spricht.
Tosca dagegen singt sich ihre Verzweiflung in der berühmten Arie „Vissi d’arte“ von der Seele. Leah Gordon gestaltet sie ganz selbstvergessen, fast kindlich anrührend. Um Cavaradossi zu retten, ist sie bereit, sich Scarpia hinzugeben, fordert aber einen Passierschein. Übergroß wie der Tisch ist auch das Bett, in dem Scarpia sie vergewaltigen will, doch von ihr erstochen wird.
Das Auf und Ab der Gefühle und die unterschiedlichen Seelenräume werden nicht nur durch die psychologisch äußerst differenzierte Personenführung deutlich, sondern auch durch auf- und abfahrende Podien; Sicherheit gibt es hier nirgends.
Im letzten Akt öffnet sich eine dunkle Bühne mit fahlen Neonleuchten immer weiter nach hinten wie ein tiefer Schlund, die Frau am fahlen Lichtkreuz erscheint wieder. Folteropfer werden sichtbar, unter ihnen auch Cavaradossi, dessen berühmte Arie „Und es blitzten die Sterne“ hier wie der letzte Hoffnungsschein eines Verzweifelten wirkt und durch die Zartheit von Oreste Cosimos Interpretation umso tiefer berührt. Im expressiven Schlussduett mit Tosca flackert neue Hoffnung auf, die sich jedoch als trügerisch erweist: Scarpia hat Tosca betrogen – Cavaradossi wird hingerichtet. Tosca entzieht sich der Gefangennahme durch einen Todessprung.
Das Publikum bejubelte die rundum stimmige Inszenierung begeistert. Auch der Opernchor und das Saarländische Staatsorchester unter Justus Thorau überzeugen durch ihre nuancenreiche Interpretation.