Kultur
Geschichtsforscher entdecken Josef Bürckel
Ein Sammelband vereint die Beiträge zweier Tagungen in Neustadt, die sich dem ehemaligen NS-Gauleiter und seiner Politik widmeten.
Er brachte es zu einem der mächtigsten Protagnisten des NS-Regimes, der Volksschullehrer Josef Bürckel (1895-1944), geboren im pfälzischen Lingenfeld. Bürckel war Gauleiter der „Saarpfalz“ (ab 1936), der „Westmark“ (ab 1940 mit dem besetzten Teil Lothringens), 1939 bis 1940 Gauleiter von Wien und 1938 bis 1940 Reichskommissar für Österreich. Sein früher Tod trug zur Legendenbildung bei. Erst viele Jahrzehnte danach scheint ein objektiver Blick auf die schillernde Persönlichkeit möglich.
Es waren Studierende des Historischen Seminars der Mainzer Johannes Gutenberg Universität, die mehr wissen wollten über Bürckel und seine Stellung im NS-Herrschaftssystem, als die Forschungslageimmerhin sechs Jahrzehnte nach dessen Tod hergab. Eine ganztägige Vortragsveranstaltung im Frühjahr 2014 in Neustadt, dem einstigen Sitz der NSDAP-Gauleitung, und eine im Oktober folgende Abendveranstaltung zeigten, dass auch das öffentliche Interesse am Thema groß war. Beteiligt am Zustandekommen dieser ersten großangelegten Gesamtschau waren neben der Universität Mainz auch das Landesarchiv in Speyer, die Landeszentrale für politische Bildung und der Historische Verein der Pfalz. Das Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern, dessen Gründung durchaus auch auf nationalsozialistischer Ideologie beruht, hat nun die Beiträge der beiden Tagungen in einer Publikation zusammengefasst.
Keineswegs „nur“ ein Regionalthema
Beleuchtet werden unter anderem das Verhältnis von Bürckel zur pfälzischen Presse (von RHEINPFALZ-Redakteur Stephan Pieroth) und zu den Kirchen (Bistumsarchiv-Leiter Thomas Fandel). Michael Martin, ehemaliger Leiter des Stadtarchivs Landau, widmet sich Bürckels Vorgehen bei der Judenverfolgung, der Wiener Historiker Oliver Rathkolb lenkt die Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass es sich bei der Person Bürckel keineswegs nur um ein „pfälzisches“ Regionalthema handelt. Er schildert dessen Vorgehen bei der Zusammenführung Österreichs mit dem Hitler-Staat. Besonders hervorzuheben ist das Engagement des Landesarchivs in Speyer. Dessen Leiter, Walter Rummel, charakterisiert einleitend den „Machmenschen, Überzeugungstäter und Demagogen“ Josef Bürckel. In weiteren Beiträgen beschäftigt er sich mit der Aufgabe der Gestapo-Stelle in Neustadt, mit Bürckels Plitik der „Germanisierung“ Lothringens und mit dem Widerstand der Bürckel-Familie gegen die Entnazifzierung 1948 bis 1958. Untersuchungen zum Forschungsstand und zu den Netzwerken Bürckels stellt Franz Maier, Rummels Mitarbeiter am Landesarchiv, in zwei Beiträgen an. Der junge Münchner Historiker Daniel Rittenauer erläutert den Versuch Bürckels, die Pfalz aus dem bayerischen Staatsverband herauszulösen, was bis 1945 nicht vollständig gelang, da es im Krieg nicht mehr zu einer Gebietsreform des Reiches kam. Weitere Texte befassen sich mit den Schwierigkeiten, die ihre Gründungsgeschichte bisweilen der Deutschen Weinstraße bereitet, mit den nicht immer konfliktfreien Beziehungen Bürckels zu anderen Führungspersönlichkeiten des Hitler-Staates und der theoretischen Konstruktion der „Volksgemeinschaft“ und die sich darauf beziehende Politik .
Es geht um eine Person, an die der eine oder andere Zeitzeuge durchaus positive Erinnerungen bewahrt hat. Aber im Grunde geht es um mehr. Walter Rummel formuliert das so: „Nichts, was man der Herrschaft des Nationalsozialismus vermeintlich positiv anrechnen könne, lässt sich vom mennschen verachtenden und verbrecherischen Grundcharakter und von den insgesamt zerstörerischen Absichten dieses Regimes trennen. Denn letztlich diente alles dem Afbau einer rassistischen Diktatur und eines kriegerischen Imperiums, das das Selbstbestimmungsrecht und die Würde anderer Menschen und Kulturen unterdrückte und letztlich auch aus der ,Volksgemeinschaft’ eine uniforme, durchorganisierte und verfügbare Masse machen wollte.“
Lesezeichen
Pia Nordblom, Walter Rummel und Barbara Schuttpelz (Hrsg.): „Josef Bürckel. Nationalsozialistische Herrschaft und Gefolgschaft in der Pfalz “; Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde, Beiträge zur pfälzischen Geschichte Band 30; 367 Seiten; 24,90 Euro.