Kunst
Geschenk aus der Garage: Die Wiederentdeckung des Maximilian Hutlett
Dass Maximilian Hutlett eigentlich gar nicht Hutlett hieß – mit drei „t“, sondern Hudlett mit einem „d“; der Kunst-Aktivist und Galerist Wolfgang Thomeczek erzählt das so nebenbei. Hudlett alias Hutlett habe, erzählt er, sich der Klingelschild-Schreibweise eines Berliner Hausmeisters ergeben. Der ewigen Fehlschreibungen seines Namens leid. Thomeczek blättert im Katalog über den Pfälzer Künstler, den er vor sich auf dem Tisch liegen hat. Das heißt, noch handelt es sich um ein Konvolut. Die Fotos und Texte sind eingeklebt, akribisch, alles ein loses Bündel. Aber genau so soll das Endprodukt, aussehen, das am 14. Mai erscheint. Dann, wenn in Thomeczeks Tiefenthaler Galerie eine Ausstellung mit über 30 plastischen Werken des 2018 in Wachenheim gestorbenen, stillen Bildhauers und Manns eröffnet, der am Samstag 90 Jahre geworden wäre. Die erste nach zehn Jahren, die Hutletts Werk wieder würdigt – nach dem Auftritt im Museum seiner Heimatstadt 2013.
Die Liga Michael Croissant
Sein „glücklichster Tag“ sei das gewesen, sagte Hutlett damals in Zweibrücken. Ein Foto zeigt ihn neben seiner vor dem Schloss platzierten, floral wallenden Plastik „Pleiospilos“. Thomeczek, früher Kunstvereinsvorsitzender der Stadt, ist so etwas wie ein Fan des Künstlers – schon lange. Und sein Besucher immer wieder in einem Seniorenheim in Wachenheim gewesen, wo Hutlett in seinen letzten Jahren lebte – im Rollstuhl, behindert von einem Schlaganfall. Zum 80. Geburtstag wurden Bratkartoffeln mit Spinat und Ei serviert. Der bescheidene Künstler Maximilian Hutlett war damals schon in der Versenkung verschwunden. Die Schau in Tiefenthal jetzt ist so etwas wie der vorläufige Höhepunkt einer beinahe nicht mehr erhofften Renaissance.
Dazu muss man wissen, dass der gelernte Schreiner und an der Meisterschule in Kaiserslautern und später in angewandter und freier Plastik an der Werkkunstschule Saarbrücken ausgebildete Hutlett zur honorigen Riege der Pfälzer Bildhauer gehört. Die Liga des Landauers Michael Croissant (1928 bis 2002) recht eigentlich.
Hutlett hat Auszeichnungen erhalten, das schon, den Albert-Haueisen-Preis und den Kunstpreis der Vereinigung Pfälzer Künstler. Neben dem Kaiserslauterer Museum Pfalzgalerie und dem Mainzer Landesmuseum hat auch der Neue Kunstverein in Berlin, wo er von 1965 bis 1977 lebte und arbeitete, bevor er nach Neustadt zog, Werke von ihm in Besitz. Und der ehemalige Bundespräsident Gustav Heinemann schenkte auf Staatsbesuch in Rom der Ewigen Stadt einen echten Hutlett. Wie diametral zur Erfolgsspur es aber dennoch laufen kann, zeigt das Beispiel des Mannes, der mit ihm zusammen 1975 mit dem Pfalzpreis für Plastik ausgezeichnet worden ist.
Vergleichsfall Franz Bernhard
Um das Werk des 2013 verstorbenen Wahl-Jockgrimers Franz Bernhard kümmert sich die Andreas C. H. Schell Stiftung, Schwerpunkt: „die Förderung und Bewahrung“ des Lebenswerks des Bildhauers. Sogar ein Franz Bernhard Haus samt Dauerausstellung betreibt die Stiftung in Karlsruhe. Was Hutlett hinterlassen hat derweil, dämmerte – noch nicht so lange her – ungesehen in einer Art Garage in Bad Dürkheim vor sich hin. Plastiken, Gipse, grafische Arbeiten. Werke voller Poesie und stiller Größe. Die abstrakt-organischen, geflämmten und inständig wieder abgeschliffenen Holzskulpturen und -reliefs, die Hutlett ab den 1950er-Jahren mit Handsäge, Schnitzmesser und Beitel schuf. Die ab den 1970er-Jahren entstandenen Landschaften aus Bronze auf teils terrassierten flachen Sockeln (Plinthen), bespielt mit Architekturelementen, Fundstücken, Zylindern, Pyramiden, Kegeln, Quadraten, Hügel- und Feldformen. Hutlett hat sie poliert und mit Hitze und Säure bearbeitet und patiniert. Sie glänzen seidig und fassen sich dank ihrer Herstellung im Sandgussverfahren ganz eigenwillig an.
Unwirklich, wie Farbton und Anmutung seiner Arbeit „Tschifflick“ dem Original-Lustschloss bei Zweibrücken gleichen. Wie plastisch gewordene Malerei von Giorgio de Chirico wirken die Arbeiten, wie Bühnenbilder der Imagination, wie Stillleben magisch realistischer Landschaften in 3D.
Innere Landschaften
Maximilian Hutlett selbst sprach von ihnen als Spiegel seiner „inneren Landschaft“. Von „ortlosen Räumen“. Eberhard Roters, der Gründungsdirektor der Berlinischen Galerie, sah „das auf sich selbst Beruhen alles Irdischen“ verkörpert. Aber was sollte Hutletts Sohn Simon Burgdörfer-Hutlett, der als Heilerziehungspfleger arbeitet, schon machen, seitdem sein Vater sich nicht mehr selbst um sein Werk kümmern konnte. Und vor allem, als der Senior gestorben war. Der Sohn, ohne Draht zu den einschlägigen Kreisen.
Auf dem Kunstmarkt war Hutlett nicht gegenwärtig. Wie das so geht im Leben und in der Kunst. Der große Durchbruch ist dem akribischen Arbeiter auch schon zu Lebzeiten versagt geblieben. Jetzt, in einem RHEINPFALZ-Artikel über das Problem der Künstlernachlässe in der Pfalz vom Dezember 2021, firmierte das Mitglied der Pfälzischen Sezession noch als einer der traurigsten Fälle. Seither allerdings hat sich vorerst still und leise auch einiges bewegt. Und nicht nur, dass er bei der Jubiläumsausstellung der Arbeitsgemeinschaft Pfälzer Künstler im Museum Pfalzgalerie prominent vertreten war.
Zweibrücker Säulenheiliger
Im Zweibrücker Rosengarten steht mittlerweile an prominenter Stelle Hutletts „Säule“, drei kleine Köpfe, die auf vier Giacometti-haft dürren Beinen stehen. Die 1968 in Berlin entstandene Arbeit ist eine Schenkung von Simon Burgdörfer-Hutlett aus Anlass des 90. Geburtstags seines Vaters.
Außerdem hängen im Umwelt- und Servicebetrieb (UBZ) der Stadt zwei Gemälde Öl auf Holz des „Alten Meisters“, dazu zwei Gouachen, die UBZ-Vorstand Werner Boßlet angekauft hat. Und jetzt die Ausstellung in Tiefenthal. Alles läuft bei dem Ur-Zweibrücker Edgar Steiger zusammen, dem „Sepp vom Hallplatz“, wie er sich als Kolumnist der RHEINPFALZ nennt.
Der 82-jährige Steiger ist ein sehr guter Freund des Künstlers gewesen. Ein Sammler, zusammen mit seiner verstorbenen Frau Waldtraud. Die völlig neue Dynamik ist wesentlich ihm zu verdanken. Den Galeristen Wolfgang Thomeczek, ohnehin schon lange mit Steiger befreundet, derweil musste er nicht groß weiter anfixen. Der ist, so über dem noch unfertigen Katalog für die erst anstehende Ausstellung gebeugt, gedanklich schon wieder weiter. Das nächste Ziel des alerten Machers, erzählt er, sei es, dass Zweibrücken eine Straße nach ihrem berühmten Sohn Maximilian Hutlett benennt. So viele Zelebritäten hat die Stadt ja auch wieder nicht. Was Thomeczek zudem Hoffnung macht: Die Stadt hat schon einmal einen Fehler revidiert.
Er zieht einen Zeitungsausschnitt hervor, auf dem zu sehen ist, wie ein Brunnen in der Fußgängerzone genau die Skulptur umspült, die jetzt vorm Schloss steht: „Pleiospilos“, ausgerechnet. So heißt eine Kakteenart, die nur schlückchenweise gewässert werden muss. Wie Thomeczek erzählt, muss Hutlett damals über die gedankenlose Einhegung für seine Verhältnisse außer sich gewesen sein. Zeit ihn weiter einzugemeinden.