Kultur Geliebte Kälte: Warum wir Frost bestaunen

Eiskalt: Caspar David Friedrichs „Eismeer“
Eiskalt: Caspar David Friedrichs »Eismeer«

Kann alles Mythos werden? „Ich glaube ja, denn das Universum ist unendlich suggestiv“, schreib Roland Barthes in seinem Werk „Mythen des Alltags“, in dem ein Citroen DS als „Kathedrale der Neuzeit gewürdigt wird. Das war 1957. Durchaus denkbar, dass die Jetztzeit ähnlich geheimnisvoll ist. In loser Folge begeben wir uns auf Spurensuche. Heute: Die Winterkälte.

Und jetzt? Es ist kalt. Minus 16,8 Grad am Dienstagmorgen auf dem Flugplatz Ramstein. Es könnte mit der Jahreszeit zu tun haben. So ist nun mal – noch? - der Winter. Schnee verweht. Die Zeitungsausträger frieren. Züge fallen aus. Aber wir bestaunen, die Zentralheizung aufgedreht, das Normalste der Welt, die Außentemperaturen. Und immer wieder wie ein Novum. Kann es sein, dass uns – gefühlsmäßig – jetzt schon das Klima-verwandelte Wetter für 2200 vorschwebt? Oder haben uns die bisher so milden Temperaturen (4,3 Grad über dem langjährigen Mittelwert) vorzeitig auf Frühling programmiert, der – meteorologisch – heute erst beginnt? Denn auch wenn wir aktuell verwundert bibbern. In der Rückschau ist Winter fast für jeden in unseren Breiten verbunden mit blaugefrorenen Lippen und Schlittenfahren. Und immer. Mit schrumpeligen Äpfeln, die auf dem Ofen vor sich hin brutzeln. Für ältere, mit einem heißen Stein, der unter der Bettdecke die Füße wärmt. Festgefroren sitzt ein kalter Winter im Kollektiv-Hirn einer jeden Generation, auch wenn die richtigen Eiszeiten schon länger zurückliegen. Es könnte sein, weil wir mentalitätsgeschichtlich aus kälteren Gefilden kommen. Evolutionär überliefert ist die nahegehende, ferne Erinnerung an den großen Frost zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert. Die Periode wird von den Klimahistorikern als „kleine Eiszeit“ rekonstruiert. Die absolut tiefste Temperatur in einem Februar in der Pfalz wurde am 12. Februar 1929 gemessen. Minus 25,6 Grad auf der Kalmit, Minus 27,2 Grad in Limburgerhof. Damals war der Rhein letztmals richtig zugefroren. Im Rekordwinter 1962/63 herrschten an 61 Tagen in ganz Deutschland Minustemperaturen. 2009 schneite es in Bayern meterhoch. Aber in der Literatur und der Kunst herrscht immerzu dieses Wintergefühl zwischen Himmel hoch jauchzend und zu Tode betrübt. Vielleicht weht uns deshalb mit jedem kleineren Schneetreiben ein sehr lange vertrautes Gefühl an. Denn auf den Urbildern unseres kulturellen Gedächtnisses liegt Schnee. In der Literatur lauter Winterreisen. Und überall im Windschatten der Polarluft auftretende Ambivalenzen. Tolstois Held Pierre, der sich (in „Krieg und Frieden“) nach seinem gewonnenen Duell im Schnee verliert. Hölderlins „Weh mir, wo nehm ich, wenn / Es Winter ist, die Blumen, und wo / Den Sonnenschein / Und Schatten der Erde? Die Mauern stehn / Sprachlos und kalt, im Winde.“ Und dann wieder Goethe, der in seiner Novelle „Der Mann von fünfzig Jahren“ das Eislaufen feiert. „Sämtliche Glieder scheinen gelenker zu werden und jedes Verwenden der Kraft neue Kräfte zu erzeugen, so dass zuletzt eine selig bewegte Ruhe über uns kommt, in der wir uns zu wiegen immerfort gelockt sind.“ Bei Caspar David Friedrich (1774 bis 1840) bewegen viele Schneebilder sich nah am Exitus, gerne sind bei dem großen Früh-Romantiker Friedhöfe weiß gepudert. Sein „Eismeer“ wirkt wie eine Totenlandschaft. Der große Spät-Romantiker Joseph Beuys (1921 bis 1986) indes erklärt seine Vorliebe für die Materialien Filz und Fett mit einer Errettung aus Eiseskälte. Die Legende geht so, dass er nach dem Absturz einer Stuka, in der er als Funker und Bordschütze wirkte, am 16. März 1944 auf der Krim, von Tataren „acht Tage lang aufopfernd“ mit Tierfett gesalbt und in Filz gewickelt, vorm Erfrieren bewahrt worden ist. Mit seiner Geschichte bespielt Beuys eine kulturgeschichtliche Erfahrung. Denn immer wieder brachten Minustemperaturen Ungemach und das Beste des Menschen zum Vorschein. Im Winter rücken alle enger zusammen, trotz Grippegefahr. Es herrscht eine weniger leise Ahnung davon, mitten im Leben vom Tod umfangen zu sein. Auch auf dem Urbild der Jahreszeit, das Pieter Brueghel der Ältere 1565 gemalt hat. „Rückkehr der Jäger“ zeigt Heimkehrer, die nicht sehr erfolgreich gewesen sind. Sie bringen kaum etwas mit von der Jagd. Einer trägt einen Hasen geschultert. Es wird wohl Hunger herrschen. Aber die Jäger blicken vom Hügel herab auf eine fröhliche Gesellschaft beim Eisstockschießen. Schlittschuhläufer ziehen ihre Bahnen. Die Bauern haben im Winter wenig zu essen, aber viel Zeit für Geselligkeit. Schon möglich, dass die Minusgrade draußen im Büromenschen alte Muster reaktivieren. Es drängt ihn in einfache Behausungen – Skihütten. Im Autobahn-Rückstau einer Karambolage auf eisglatter Fahrbahn wird der Inhalt der Thermoskannen geteilt, zuhause im Ohrensessel, in Filz-Pantoffeln Tolstoi gelesen. Man ist fettig, sogar Schmalz, um gegen Erfrierungen gewappnet zu sein. Schaut sich im Internet die Winterlandschaften des Schotten Peter Doig an. Dann – mit Schneeketten im Kofferraum - rasch zum Eislaufen, bis Goethes selig bewegte Ruhe über einen kommt. Vielleicht braucht der klimatisierte Mensch von heute das wirklich für seinen Psychohaushalt. Und dringend. Diese Übertreibung, die aus dem Wetter selbst für den gut behüteten Normalmenschen eine Bedrohung macht, der man mit Mütze, Schal und Canada-Goose-Jacke die Selbstbehauptung der Bauern im 16. Jahrhundert entgegentrotzen kann. Umso schöner ist schließlich die Sehnsucht nach dem Frühling, wenn draußen Verhältnisse unterstellt werden wie in Sibirien, wo es derzeit Minus 22 Grad kalt ist. Und wer will sich nicht als Tatar und Überlebender fühlen. Deutschland ein Wintermärchen. Wir sind coole Helden mit Frostbeulen und haben keine Angst.

Winter, wie schön: Weiher in Bechhofen bei Zweibrücken.
Winter, wie schön: Weiher in Bechhofen bei Zweibrücken.
Stimmt!
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Geht doch!
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