Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Ganz großes Kino: Pfalztheater startet mit Beckett-Drama „Endspiel“

Spannungsreiches Aufeinandertreffen: Oliver Burkia (links) als Hamm, Stefan Kiefer als sein Diener Clov in Becketts „Endspiel“.
Spannungsreiches Aufeinandertreffen: Oliver Burkia (links) als Hamm, Stefan Kiefer als sein Diener Clov in Becketts »Endspiel«.

Mit einem nicht gerade einfachen Werk der jüngeren Theatergeschichte startet das Pfalztheater Kaiserslautern in seine neue Spielzeit: Samuel Becketts 1957 uraufgeführtes Endzeitdrama „Endspiel“ ist ein erschütterndes Bild einer sterbenden Welt. Verrätselt und abstrahiert, verlangt es von den Akteuren auf der Bühne viel – wie auch vom Publikum. In unseren Tagen gewinnt das Stück obendrein enorme Aktualität.

Vier Überlebende gibt es nach einer nicht näher ausgeführten Apokalypse in den engen Grenzen eines ebenfalls nicht näher definierten Raumes: den herrischen, an den Rollstuhl gefesselten Hamm, seinen devoten Diener Clov und Hamms Eltern, die beinamputiert in Mülleimern dahinvegetieren. Alle steuern sie auf ein Ende zu, das ebenso im Ungewissen bleibt wie die Katastrophe, die allein das eigentümliche Quartett verschont hat. Spielen die Eltern in ihren Blechtonnen eher eine Nebenrolle, so lässt Beckett seine beiden Hauptprotagonisten umso heftiger aufeinander los.

Wechselseitige Abhängigkeitsverhältnisse und Machtdemonstrationen bilden das Zentrum der Beckettschen Dystopie, die der Autor selbst nicht näher erläutern wollte: „,Endspiel’ wird bloßes Spiel sein. Nichts weniger. Von Rätseln und Lösungen also kein Gedanke“, ließ er lapidar wissen. Dem Text gab er jedenfalls neben abstrahierender Tiefe eine gute Portion Skurrilität mit. Auch die (schwarz-)humorigen Züge nehmen ihm nicht viel von seiner Schärfe. Das Eingesperrtsein, das Zurückgeworfensein auf den engsten Familienkreis erinnert in unseren Tagen stark an pandemiebedingte Verhaltensweisen.

Zombies aus der Tonne

Auf Werktreue und Schauspielkunst setzt die Inszenierung von Andreas Rehschuh auf der Werkstattbühne des Pfälzer Dreispartenhauses. Verlassen kann er sich dabei auf bewährte Kräfte des Ensembles: Hannelore Bähr und Henning Kohne geben die Eltern als Zombie-eskes Trashpaar – man glaubt, ihre Verwesung regelrecht riechen zu können (Kostüme: Ursula Beutler).

Eine großartige Leistung liefert jedoch vor allem Oliver Burkia als Choleriker in Vollendung ab. Die legendären Wutausbrüche eines Klaus Kinski erreicht er als Hamm spielend. Die geschundene, devote Dienerseele Clov mimt Stefan Kiefer par excellence. Man leidet mit der sich ständig windenden Kreatur unweigerlich mit. Selbst die Monologe der beiden verlieren – so verrätselt sie stellenweise auch daherkommen mögen – nicht an Spannung, werden von ihnen mit Emotion und Bedeutung aufgeladen. Ganz großes Kino sozusagen, diese Darstellung.

Auf der Stuhlkante

Regisseur Rehschuh lässt diesem Spiel genug Raum, hetzt seine Figuren keineswegs durch den Text, was jedoch nur zu Anfang vom Publikum ein gehöriges Maß Einlassung erfordert. Doch folgt man seiner Erzählweise, gerät man unweigerlich in den Sog der beiden Psychogramme, und das Rätselstück nimmt Kontur an. Auf der reduziert und in düsteren, kalten Farben gestalteten Pfalztheater-Bühne (Thomas Dörfler) dauert Becketts als „Klassiker des Absurden“ gehandeltes Drama ziemlich genau 90 Minuten. Die meisten davon verbringt man gespannt auf der Stuhlkante.

Termine

9., 11. September, 26., 28., 30. November, 1. Dezember, 4., 5., 8. Januar; Karten unter www.pfalztheater.de und 0631/3675-209.

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