Fernsehen RHEINPFALZ Plus Artikel Friederike Becht im Interview über ihre Rolle im TV-Film „Im Rausch“

Körper und Seele bauchen keinen Alkohol oder Tabak, sagt Friederike Becht.
Körper und Seele bauchen keinen Alkohol oder Tabak, sagt Friederike Becht.

Im TV-Film „Im Rausch“ spielt die Südpfälzerin Friederike Becht eine Alkoholikerin. Wie sie sich auf die schwierige Rolle vorbereitet hat, die sie so beeindruckend ausfüllt.

„Der Vollidiot hätte mich beinahe totgefahren“, schimpft Katja Weiss (Friederike Becht) auf den Inhaber einer Schreinerei, der tatsächlich fast einen Unfall gebaut hätte. Die beiden begegnen sich am Tresen einer Berliner Raucherkneipe, in der sie ihre jeweiligen Probleme in Alkohol zu ertränken versuchen. Sie hat gerade gekündigt, nachdem sie sich nach mehreren Gläsern Sekt in Schwierigkeiten gebracht hat, und er hat einen großen Auftrag verloren. Am Ende des Abends geht sie mit ihm nach Hause.

„Im Rausch“ geht auf persönliche Alkoholismus-Erfahrungen des Autors und Regisseurs Mark Schlichter zurück. Als ZDF-Themenfilm, der aufklären möchte, erzählt er etwas zu plakativ von der einschlägigen Problematik. Unterhaltsam ist „Im Rausch“ dennoch wegen zweier sehr unterschiedlichen Liebesgeschichten um Friederike Becht und der Darstellung des gesellschaftliches und der Arbeitswelt.

Ist es Ihnen ein persönliches Anliegen, über Alkoholismus aufzuklären?
Ja, darüber, dass Alkohol krank machen kann und darüber, dass das ein Leichtes ist in einer Welt, die Alkohol so befürwortet. Gefühlt, fließt Alkohol bei uns ja wie Wasser, das ist alles so gang und gäbe. Es ist so normal, zusammen etwas trinken zu gehen wie zusammen spazieren zu gehen.

Ab wann ist man Alkoholiker?
Ich glaube, dazu gibt es ganz unterschiedliche Auffassungen, und ich glaube, dass viel mehr Menschen damit ein Thema haben als wir denken. Mir ist wichtig, deutlich zu machen, dass Alkoholismus eine Krankheit ist und dass es absolut in Ordnung ist, sich gegen einen Wein oder ein Bier oder was auch immer zu entscheiden, wenn man ausgeht. Es braucht ein anderes Bewusstsein dafür, dass Alkohol eine Droge ist, mit der wir vorsichtiger umgehen sollten, weil sie abhängig machen kann.

Weshalb ist es Ihnen wichtig? Haben Sie eigene Erfahrungen gemacht?
Nein, ich bin nicht alkoholabhängig und habe auch nicht die Tendenz dazu, denn Alkohol zieht mich gar nicht so sehr. Aber ich kenne genug Menschen, die daran erkrankt sind. Zu wissen, was schon ein Glas Alkohol im Körper alles ausmachen kann, ist sehr hilfreich für einen bewussteren Umgang damit. Möchte ich meinem Körper dieses Glas Wein jetzt wirklich zumuten – oder entscheide ich mich heute für etwas Alkoholfreies und gönne meinem Körper Ruhe? Ich habe eine andere Sucht, mit der ich eher zu kämpfen habe.

Welche?
Ich rauche, und das ist auch nicht unerheblich. Ich weiß, wie leicht man verführbar ist. Ich glaube, Süchte funktionieren im Prinzip alle gleich. Auch das Selbstbelügen wie: Ach, ich habe doch gar kein Problem damit, das ist doch nicht so schlimm, die anderen trinken noch viel mehr. Oder: Guck mal, der raucht eine Schachtel am Tag und ich rauche nur fünf oder sechs Zigaretten. Man findet immer eine Ausrede: Heute geht es mir so schlecht, ich brauche das jetzt einfach. Oder: Jetzt ist es gerade so schön, wir sitzen hier zusammen und die Sonne geht unter, natürlich trinken wir jetzt ein Glas Wein und rauchen eine Zigarette.

So kann man sich immer wieder vor sich selbst rechtfertigen, anstatt der Wahrheit ins Auge zu blicken und sich zu fragen: Warum machst du das? Was ist eigentlich dein Bedürfnis? Geht es dir wirklich darum, eine Zigarette zu rauchen? Oder bist du einfach müde? Bräuchtest du eine Umarmung? Oder müsstest du aus der Situation einfach mal rausgehen und eine Runde alleine spazieren? Was ist das Gefühl, das dich dazu bringt, dich an einem Glas Wein oder einer Zigarette festhalten zu wollen? Kannst du den Moment im Sonnenuntergang nicht auch anders genießen, indem du einfach da bist, atmest und wahrnimmst? Dieses Hinterfragen finde ich für mich selbst total spannend. Und es hilft mir, mir selber auf die Schliche zu kommen und zu erkennen, was eigentlich los ist und was ich eigentlich brauche. Denn der Körper braucht keinen Alkohol oder Tabak. Und die Seele auch nicht.

Dann hat Ihre Sucht Ihnen geholfen, Katias Sucht darzustellen?
Ich habe zumindest Verständnis dadurch, weil ich auch Süchte kenne. Ich glaube, wie schon erwähnt, dass Süchte – ob Alkohol, Tabaksucht, Glücksspiel oder etwas anderes – ganz ähnlich funktionieren und einen ähnlichen Mechanismus haben. Aber man muss eine Sucht als Schauspielerin nicht selbst erlebt haben, um sich da reinzudenken. Mir hat am meisten geholfen, mit Menschen zu sprechen, die ihre Sucht überwunden haben. Sie haben sich zunächst ihrer Scham und ihrer Angst gestellt und sich selbst eingestanden, süchtig oder alkoholkrank zu sein und das nicht im Griff zu haben. Das ist ja schon der erste und größte Schritt, um daran arbeiten zu können. Diese Menschen haben mich tief beeindruckt und haben mir ganz viel Input gegeben.

Waren das Freunde oder sind Sie dafür auf Alkoholiker zugegangen?
Das waren ehemalige alkoholkranke Menschen, die mittlerweile als Coachs arbeiten und anderen helfen, aus der Sucht rauszukommen. Aber ja, es gab auch Menschen in meinem näheren Umfeld, die ich aber eher beobachtet habe. Denn man wird natürlich wacher, wenn man sich mit einem Thema beschäftigt und nimmt dadurch stärker wahr, welche Menschen betroffen sind.

Haben Sie sich auch körperlich auf die Rolle vorbereitet?
Tatsächlich gibt es Schauspielübungen, um das Gefühl zu erzeugen, man wäre auf dem Wasser oder würde leicht aus dem Gleichgewicht kommen. Der Körper schwankt ständig, und man muss innerlich dagegen anarbeiten und sich sagen: Gerade stehen, gerade gehen. Katia ist ja so oft ganz weit unten unterwegs, so oft im Vollrausch, dass es unvermeidbar ist, dass sie mal schwankt. Dabei geht es auch darum, gerade nicht zu zeigen, dass man getrunken hat. Wenn man als Alkoholiker durchs Leben geht, ist die Angst, dass jemand das merkt, bei vielen extrem groß und die Scham riesig. Sie trinken ja nicht aus Genuss, sondern weil sie es brauchen. Das ist sicher ein sehr unangenehmes Gefühl. Man will bestimmt nicht auffallen, und trotzdem zittert vielleicht der Finger oder die Augen gehen ein bisschen unruhiger und versuchen die Schärfe zu ziehen und den Fokus wieder zu finden. Der Körper ist insgesamt nicht ganz im Takt. Nach solchen Kleinigkeiten habe ich gesucht, denn die sind eigentlich das Interessante.

Zur Person

Friederike Becht ist im südpfälzischen Bad Bergzabern geboren, im 1.000-Einwohner-Dorf Winden aufgewachsen und im nahen Kandel zur Schule gegangen. Die heute 38-Jährige studierte bis 2008 Schauspiel an der Berliner Universität der Künste. Seit 2010 ist sie im Ensemble des Schauspielhauses Bochum. Bereits seit 2006 ist sie regelmäßig auch im Kino und Fernsehen zu sehen. Darunter in „Plötzlich so still“, „Vena“ oder der Serie „Schneller als die Angst“. „Im Rausch“ wurde 2024 beim Ludwigshafener Festival des deutschen Films uraufgeführt.

Termin

„Im Rausch“ ist in der ZDF-Mediathek zu sehen.

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