Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Fotos als Tor zur Welt: Bilder des Leica Oskar Barnack Award im Rem

Arlette Bashiz dokumentiert in „Beyond Numbers“ das Leben im von einem Bürgerkrieg zerrütteten Kongo.
Arlette Bashiz dokumentiert in »Beyond Numbers« das Leben im von einem Bürgerkrieg zerrütteten Kongo.

Zu sehen sind 60 Bilder aus der 2025er-Ausgabe des renommierten Fotowettbewerbs.

Kriege, Katastrophen, Einzelschicksale: der renommierte Leica Oskar Barnack Award (LOBA) zeigt auf sensible, persönliche und sehr berührende Art die Menschen hinter weltweiten Schlagzeilen und Statistiken, ob im Ukraine-Krieg, im Kongo-Konflikt oder in Nicht-Staaten wie Transnistrien. Zum zweiten Mal ist nun eine Auswahl mit 60 Fotografien im Rem-Stiftungsmuseum in Mannheim zu Gast.

Serghei Duve reiste schon nach Tiraspol, als die Hauptstadt des postsowjetischen Pseudostaats Transnistrien noch kaum ein mediales Echo hervorrief. Schon bald nach dem Fall des Kommunismus hat sich das Gebiet von der Republik Moldawien unabhängig erklärt, wird aber international nicht anerkannt und nur von Russland gestützt. Für Duve in Kindheits- und Jugendtagen kein Konflikt. „Wir haben jeden Sommer dort unseren Familienurlaub verbracht, alle kamen zusammen, aus Irland, der Ukraine und Russland“, erklärt der 1999 in Moldawiens Hauptstadt Chisinau geborene, aber in Deutschland aufgewachsene Fotograf.

Doch die Stimmung änderte sich mit der russischen Invasion in der Ukraine im Februar 2022. Auch durch seine Familie ging ein Riss, bildeten sich ein pro-ukrainisches und ein pro-russisches Lager. Duve reiste von 2022 bis 2025 mehrmals nach Transnistrien, auch weil sein Großvater 2023 verstarb. „Helle Erinnerung“, eine russische Beileidsbekundung wurde zur Metapher, zum Titel seiner dokumentarischen Fotografien, die viel Melancholie einfangen. Zwischen Blumentapeten, Karaokeabenden, zwischen der alten Sowjetunion und den Auswandern nach Europa. Zwischen den Identitäten.

Ein Cousin etwa diente der russischen Armee, mit Kriegsausbruch aber entschied er sich, nach Tiraspol zurückzukehren und nicht gegen das Land seiner Verwandten zu kämpfen. „Gerade die jüngere Generation orientiert sich nach Europa“, sagt Duve mit Blick auf ein Badebild. Zwei ältere Herren halten eine Leiter im Wasser, ein Junge steigt auf, die Augen auf ukrainisches Festland gerichtet. Bei der LOBA-Preisverleihung in Wetzlar im Oktober 2025 wurde Serghei Duve mit dem Newcomer-Preis gewürdigt.

Auch der Hauptgewinner Alejandro Cegarra aus Venezuela zeigt badende Menschen, allerdings in einem ganz anderen Kontext. Die Schwarzweiß-Serie „The Two Walls“ verdeutlicht, dass in Mexiko nicht nur eine gefährliche Grenze zu den USA besteht, sondern das größte Land Mittelamerikas selbst schon lange kein sicherer Zufluchtsort für Asylsuchende mehr ist. Inmitten eines Massenexodus, mit Bildern von gefährlichen Zugfahrten oder einer Migrantenkarawane, die zu Fuß über den Rio Suchiate in Guatemala zur mexikanischen Grenze läuft, stößt man auch auf in einer Lagune badende Flüchtlinge, die gefangen in einer großen Ungewissheit ihrer Zukunft den kurzen Moment des Glücks genießen. „Sie tragen alles bei sich, was sie noch haben. Man sieht den Bildern an, was Flucht wirklich bedeutet. Die Motive haben etwas Biblisches“, sagt Kuratorin Stephanie Herrmann.

Die Werke von sechs LOBA-Fotografen durften sich die Reiss-Engelhorn-Museen (Rem) für die bis zum 14. Juni im Stiftungsmuseum (C4,12) präsentierte Ausstellung borgen, ehe sie hinaus in die Galerien der Welt gehen. „Diese Reportage-Fotografen sind ein Tor zur Welt. Wir wollten ganz vielfältige Perspektiven und Positionen, unterschiedliche Kontinente und Krisen zeigen“, so Herrmann

Auch ein nahezu vergessender Krieg gerät so wieder ins Blickfeld. Seit 1994 herrscht im Kongo ein Konflikt zwischen M23-Rebellen und der Armee. Die 27-jährige Fotografin Arlette Bashizi kennt ihr Heimatland gar nicht anders. Mit „Beyond Numbers“ gibt sie den Verletzten und Verwundeten einen Namen – und ein Gesicht. Wie Hope Mabuya, die als 18-Jährige bei einem Bombenanschlag ein Bein verlor. „Hinter dem Leid bringt Bashizi Menschlichkeit zurück, sie hätte den Newcomer-Preis noch mehr verdient gehabt“, findet Duve.

Das gilt wohl für alle Shortlist-Kandidaten des seit 1980 bestehenden Fotowettbewerb für Reportage- und Dokumentarfotografie, der Serien auszeichnet, die das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt untersuchen. Xiangjie Peng dokumentiert die sich immer noch sehr im Untergrund bewegende queere Community Chinas. Gideon Mendel aus Südafrika fängt nach Flutkatastrophen in Brasilien, Pakistan oder Nigeria die Ruhe nach der Überschwemmung ein. Seine ästhetischen Porträts zeigen: Es kann jeden treffen, die Flut ignoriert Alter, Beruf, Klasse, Ethnie.

„Mom, I want to live“ heißt der Beitrag von Lynsey Addario. Die US-Amerikanerin stellt ein Kinder-Schicksal ins Zentrum und offenbart die Kettenreaktionen des Krieges. Ein zweijährige Mädchen aus der Ukraine bekam Augenkrebs diagnostiziert. Heilbar, doch die für Ende Februar 2022 vorgesehene OP findet nach der Invasion Russlands nie statt. Der Krebs streut wieder, die tief erschütternden Aufnahmen begleiten eine Mutter und ihr Mädchen bis zur Beerdigung. „Es zeigt die verstörenden Folgen, wie Krieg in den Alltag hineinwirkt“, sagt Herrmann.

Die Ausstellung

„Zu Gast: Der Leica Oskar Barnack Award in den Reiss-Engelhorn-Museen“, bis 14. Juni, C4,12 Mannheim. Geöffnet dienstags bis sonntags, 10 bis 17 Uhr. Öffentliche Mittagspausen-Führung am Mittwoch, 6. Mai, um 12.30 und 13 Uhr. Weitere Infos über www.rem-mannheim.de.

Gideon Mendel besuchte für die Serie „Deluge“ weltweit Hochwassergebiete – dieses Foto entstand in Nigeria.
Gideon Mendel besuchte für die Serie »Deluge« weltweit Hochwassergebiete – dieses Foto entstand in Nigeria.
Serghei Duve gewann den LOBA-Newcomer-Preis mit der Serie „Bright Memory“, die Alltagsimpressionen aus dem nur von Russland aner
Serghei Duve gewann den LOBA-Newcomer-Preis mit der Serie »Bright Memory«, die Alltagsimpressionen aus dem nur von Russland anerkannten Transnistrien einfängt.
Hauptpreisträger Alejandro Cegarra aus Venezuela dokumentiert in seiner Serie „The Two Walls“ das Leben süd- und mittelamerikani
Hauptpreisträger Alejandro Cegarra aus Venezuela dokumentiert in seiner Serie »The Two Walls« das Leben süd- und mittelamerikanischer Migranten in Mexiko – so wie hier das von Ruben Soto (rechts) aus Venezuela und Rosa Bello aus Honduras, die im Grenzgebiet zu den USA auf den Zug »Die Bestie« warten.
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