Literatur „Fische im Trüben“: Was für ein Debüt von Elli Unruh

Als wäre sie dabei gewesen: Elli Unruh.
Als wäre sie dabei gewesen: Elli Unruh.

Elli Unruh ist 1987 in Kasachstan geboren. Ihr großartiges Debütroman erzählt von einer Familie, die als Mennoniten ihre Heimat in Kasachstan verlassen hat.

Sie heißen Dück und Pflaum, Fellinger und Fast. Den Russen gelten sie als Faschisten, weil sie deutsche Namen tragen. Sie sprechen eine eigene Sprache, das Plautdietsch – ein Dialekt, der so etwas wie Halt ermöglicht in haltlosen Zeiten. Das Plautdietsch ist eine westpreußische Variante des Ostniederdeutschen, und inmitten der Fremde haben sich die Mennoniten-Deutschen die Sprache als Heimat bewahrt. Die Mennoniten, aus der Täuferbewegung der Reformationszeit hervorgegangen, hat es im 18. Jahrhundert in die ganze Welt verschlagen – vor allem weil sie immer wieder Verfolgungen ausgesetzt waren. Jene, die gen Osten gezogen sind, mussten gerade während des Stalinismus vieles ertragen: Misshandlung und Verhaftungen, einige landeten in Straflagern, andere wurden etwa in den Nordkaukasus vertrieben.

Mit „Fische im Trüben“ hat Elli Unruh ein bemerkenswertes Debüt vorgelegt: Da ist diese Welt der Mennoniten-Deutschen, die sie atmosphärisch dicht beschreibt und die nur sehr wenigen Menschen bekannt sein dürfte. Aus drei Perspektiven blicken wir auf eine Gemeinde im „Grenzgebiet zwischen Kirgisien und Kasachstan“ in den 1970er Jahren. Wir bekommen also Einblick in eine von eigenen Riten und Traditionen geleitete Gruppe, die in der Sowjetunion nicht wohlgelitten ist, von allen Volksgruppen schief angesehen wird und sich gegen allerlei Schikanen behaupten muss.

Kein gutes Umfeld für Mennoniten: Kasachstan
Kein gutes Umfeld für Mennoniten: Kasachstan

Das eigentlich Besondere ist Elli Unruhs Ton: Sie erzählt mit souveräner Leichtigkeit und poetischem Gespür, und sie tut das in einer Sprache, die mit plautdietschen Vokabeln durchsetzt und von einer genauen Einfühlungsgabe getragen ist. Man kann nicht recht glauben, dass die Autorin – 1987 noch in Kasachstan geboren, in Süddeutschland aufgewachsen – damals selbst nicht dabei gewesen war, dass sie diesen Text rund um Erzählungen der Familie und aus historischen Aufzeichnungen gewoben hat. Aber gerade mit ihrer prägnanten Sprache erschafft sie eine verschwundene Lebenswirklichkeit neu, ob sie von einem paradiesischen Apfelgärtchen schreibt oder von der abendlich-melancholischen Stimmung am Ende einer Hochzeitsfeier: „Die Kälte kriecht aus der Erde, kommt über lange Schatten und hinter Mauerecken hervor. Sie breitet sich über den Hof, geht zwischen die Bänke und knabbert der Gesellschaft an den Beinen. Es folgt ein Konzert der Hunde. Nach und nach erlischt die Abendsonne, glimmt einmal noch auf und gibt sich artig in den dunkelblauen Horizont. Das Gebell hallt ihr nach wie heiseres Glockenwerk.“

Die kindliche Perspektive des neunjährigen Krocha, jene seiner Tante Hedi, deren erste Liebessehnsucht ausgerechnet einem Russen gilt, und die des älteren Heinrich: Es sind drei ganz unterschiedliche Wahrnehmungsweisen, die Unruh zusammenführt. Unbekümmertheit und Neugier, Sorge und Wissen um die menschliche Grausamkeit, die gerade in den 1940er Jahren allgegenwärtig war und als Menetekel weiter präsent ist.

Nach und nach entsteht so ein Panorama. Das Dunkle, die Anfeindungen, die Vertreibungen – das lässt Unruh auf fast beiläufige Weise einfließen, aber es grundiert das Leben der Menschen, es ist ein Erbe, das zur Wachsamkeit erzieht und zum Erinnern zwingt. Und doch zu verblassen droht im Laufe der Zeit. Gäbe es da nicht die Literatur, die das Vergangene bewahrt. Mit der Ambivalenz eines Aufbruchs nach Deutschland endet dieser Roman im Jahr 1987, im Geburtsjahr der Autorin. Es dürfte nicht ihr letzter gewesen sein.

Lesezeichen

Elli Unruh: „Fische im Trüben“; Transit, Berlin ; 200 Seiten. 24 Euro.

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