Kino
Film der Woche: „Gloria!“ von Margherita Vicario
Die in ihrer Heimat Italien als Schauspielerin (etwa in Woody Allens „To Rome With Love“) und Popsängerin bekannte Regisseurin Margherita Vicario nutzt den ersten von ihr geschriebenen und inszenierten Spielfilm als Kommentar auf gesellschaftliche Missstände. Sie scheut sich dabei keinen Deut um Grenzen zwischen ernst und leicht, Klassik und Pop, setzt Musik vor allem ein, um damit effektvoll eine Geschichte von einem Akt der Selbstbefreiung junger Frauen zu erzählen.
Die Protagonistinnen gehören im Jahr 1800 dem Orchester des Mädchenwaisenhauses von Sant Ignazio nahe Venedig an. Kapellmeister Perlina (Paolo Rossi) hat den Zenit seines Ruhms als Komponist und Dirigent längst überschritten. Tagein, tagaus üben die jungen Frauen dieselben alten Stücke, leiern sie Messe für Messe uninspiriert herunter. Unterbrochen werden soll der Trott anlässlich des anstehenden Besuchs von Papst Pius VII., Perlina muss Neues für den großen Tag dieser frühen Musikakademie schaffen. Er will. Doch er kann nicht. Es fällt ihm partout nichts ein. Woraus sich urkomische und auch tragische Verwicklungen ergeben …
Aus dem Volk, für das Volk
Schon zu Beginn des schwungvollen, in Kostümen und Dekors schwelgenden Bilderbogens und Ohrenschmaus’ illustriert Margherita Vicario ihr Verständnis von Musik deutlich: Das alltägliche Hin und Her der Heiminsassinnen, der Köchinnen, Mägde, Hauswirtschafterinnen, das Kochen, Putzen, Waschen verdichtet sich zu einer hinreißenden Sinfonie des Lebens. Ihr Standpunkt ist damit klar: Musik ist Nahrung für den Geist und die Gefühle, ist Spiegel der menschlichen Existenz. Aller Abgehobenheit schulmeisterlicher, von Dünkel belasteter Kunstzelebrierung wird damit eine Abfuhr erteilt.
Ganz deutlich sagt der Film: Jede Kunst kommt aus dem Volk und gehört auch dem Volk. Und ja, Künstlerinnen und Künstler sollen davon leben können. Doch überzogene Geschäftemacherei, wie sie nicht erst heutzutage waltet, aber in der Gegenwart doch besonders heftig, gehört geächtet. So wird Perlina mit deftigem Witz gehörig der Marsch geblasen. Doch es wird auch überaus ernst. Die Geschichte spart auch Grausames wie eine Vergewaltigung nicht aus. Reflektiert wird eindringlich die Ohnmacht von Frauen, die männlichem Herrschaftswahn ausgeliefert sind.
Der Sound einer frühen Girl-Group
Das Publikum wird rasch in die Mitte einer kleinen Gruppe von jungen Frauen hineingezogen. Sie wollen aus allen Konventionen, insbesondere aber auch aus jeglicher Bevormundung ausbrechen. Erste Schritte dazu werden von einem märchenhaften Ereignis angeregt: Die stumme Magd Teresa (Galatéa Bellugi) entdeckt einen versteckten Flügel. Sie erkundet das Instrument voller Neugier, Übermut und Talent. Rasch hat sie eine Gruppe Gleichgesinnter um sich. Erst zögerlich, dann stürmisch, einander nicht immer einig, schließlich fest zusammengeschweißt, entsteht so etwas wie eine frühe Girl-Group. Der Sound der von ihnen entwickelten Musik ist im schönsten Wortsinn eigen. Da schießt tosende Spielfreude ganz wunderbar ins Kraut. Teresa und Co. entschwinden nicht in akademische Höhen, sondern erzählen von sich, ihren Freuden und Kümmernissen, Sehnsüchten und Wünschen und Gefühlen. Die Musik, die den Film trägt und ihm in seinen besten Momenten eine geradezu himmlische Leichtigkeit verleiht, hat so gut wie nichts mit dem zu tun, was uns heute aus der Zeit um 1800 bekannt ist. Fröhlich werden alle Konventionen gesprengt. Damit singt der Film ein Hohelied auf jene Kraft, die kleinen und größeren Rebellionen innewohnen kann, wenn nicht von Eigennutz angetrieben werden, sondern von dem Gedanken, die Welt ein kleines bisschen besser, farbenfroher, lustvoller zu gestalten.
Termine
Regisseurin Margherita Vicario präsentiert den Film am Dienstag, 27. August, ab 20.30 Uhr im Kino Roxy in Neustadt.
Auf dem Festival des deutschen Films in Ludwigshafen stellt Schauspielerin Veronica Lucchesi „Gloria!“ am 29. August ab 18.30 Uhr vor.


