Kino
Film der Woche: „Ein Kuchen für den Präsidenten“
Schon viele Filme haben das Leben in einer Diktatur beleuchtet. Oft erzählen sie Heldengeschichten. Im Drama „Ein Kuchen für den Präsidenten“ steht ein Kind im Zentrum, das Mädchen Lamia. Die Geschichte der kleinen Irakerin spiegelt eindringlich das Dasein von Menschen, denen die Folgen politischer Grausamkeit fast die Luft zum Atmen nehmen.
Anfangs stellt sich kurz der Eindruck einer kleinen Idylle ein. Die neunjährige Lamia (Baneen Ahmad Nayyef) paddelt wie der Nachbarsjunge Saeed (Sajad Mohamad Qasem) durch Wasserläufe von ihrem Wohnort im Sumpfgebiet weit vor der Stadt Richtung Schule. Die Kinder sind darin geübt. Doch es ist keine Gelassenheit zu spüren. Lamias Blicke sind nicht freudig, sondern furchtsam. Denn es ist ein besonderer Tag: Heute lost der Lehrer aus, wem aus der Schulklasse die vom Regime verordnete Pflicht zufällt, anlässlich des anstehenden Geburtstags von Diktator Saddam Hussein (1937-2006) einen Kuchen zu backen. Wer sich widersetzt, muss mit harten Strafen rechnen.
Von bitterer Armut geprägten Alltag
Als es Lamia trifft, empfindet sie keinen Stolz oder gar Freude. Sie hat Angst. Denn zusammen mit ihrer Großmutter Bibi (Waheed Thabet Khreibat) schlägt sie sich in einer kargen Hütte nur mühsam durch den von bitterer Armut geprägten Alltag. Es ist 1991. In Folge internationaler Sanktionen gegen den Irak unmittelbar nach dem kriegerischen Überfall auf Kuwait herrscht ein großer Mangel an Nahrungsmitteln. Dem Mädchen und ihrer Oma fehlt sowieso das Geld für so etwas wie Backzutaten. Was tun? Die Zeit ist knapp. Es bleiben lediglich zwei Tage.
Obendrein erfährt Lamia, dass die schwerkranke Großmutter in der Stadt nach einem Zuhause für sie bei anderen Leuten sucht. Das Mädchen rennt mit ihrem treuen Begleiter und Glücksbringer unterm Arm, dem Hahn Hindi, davon. Verzweifelt versucht Lamia, alle Zutaten wie Eier, Mehl und Butter aufzutreiben. Saeed unterstützt sie. Während Bibi verzweifelt ihre Enkelin sucht, irren die zwei Kinder vom Land durch den Dschungel der für sie unübersichtlichen Stadt …
Wände haben Ohren
Regisseur Hasan Hadi erzählt in seinem als US-amerikanisch-irakische Ko-Produktion entstandenen Spielfilmerstling unaufgeregt von der Härte des Daseins in einem von brutalen Herrschern geknechteten Staat. Unaufdringlich wird auch darauf verwiesen, dass Sanktionen wie die gegen Hussein und seine Schergen immer zuerst und nahezu ausschließlich die sogenannten kleinen Leute treffen. Dabei wird deutlich, wie die von den Regierenden ausgeübte Gewalt das Verhalten ganz durchschnittlicher Menschen beeinflusst. Empathie und Solidarität sind selten, wenn es für jede und jeden tagtäglich darum geht, die eigene Existenz materiell abzusichern und dabei nicht ins Blickfeld der brutalen Wächter der Staatsmacht zu geraten. Es ist, als hörten und sähen all die Porträts von Saddam Hussein, die an nahezu jeder Mauer und in jedem Schaufenster hängen, alles.
Besondere Atmosphäre
Der aus Rumänien stammende Kameramann Tudor Vladmimir Panduru zeigt das nicht in grellen, vordergründigen Bildern. Gedreht wurde nahezu ausschließlich mit natürlichem Licht. Das sorgt für eine besondere Atmosphäre. Man spürt, dass die Wände Augen und Ohren haben. Viele Momente strahlen eine erdrückende Schwere aus. Die wird vielfach durch den liebevollen Blick auf die Protagonisten aufgehoben. Nehmen sich Lamia und Saeed zum Beispiel Zeit für ein kleines, neckisches Spiel, leuchtet eine ganz wunderbare Herzlichkeit auf. Nebenbei wird deutlich, dass die persönliche Würde selbst unter den unmenschlichsten Bedingungen bestehen kann.
Überwiegend agieren Laiendarsteller, allen voran Baneen Ahmad Nayyef in der Hauptrolle. Sie strahlt gleichzeitig Lebenslust und Furcht aus. Dabei mutet sie durchweg völlig authentisch an. Alles wirkt natürlich – und erreicht darum die Zuschauerinnen und Zuschauer mit enormer Kraft. Man bangt unwillkürlich mit, hat gelegentlich sogar das Bedürfnis, in die Leinwand zu springen und helfend einzugreifen.
In Cannes ausgezeichnet
Uraufgeführt wurde der Film im Mai vorigen Jahres in Cannes bei der „Quinzaine des Cinéastes“ und gewann dort die Goldene Kamera als bester Erstlingsfilm und den Publikumspreis. Das Drehbuch hat der aus dem Irak stammende Regisseur Hasan Hadi in Erinnerung an seine eigene Kindheit mit dem 1995 für „Forrest Gump“ mit einem Oscar ausgezeichneten und seitdem weitere sechs Mal für die Ehrung nominierten US-amerikanischen Autor Eric Roth („München“, „Dune“) geschrieben. Möglicherweise ist insbesondere ihm das in seiner Intensität an bestes Hollywood-Kino erinnernde Finale zu danken. Da reißt es einem im Kinositz beinahe das Herz aus dem Leib.