Kultur
Festspiele Ludwigshafen: Shakespeares Weitsicht reicht bis ins Jetzt
Schwierig sind die Zeiten. Alte Männer kleben an der Macht, die herrschenden Verhältnisse stehen in Frage, die junge Generation ist nicht bereit, weiterzumachen wie bisher. Nein, die Rede ist nicht von der aktuellen Weltpolitik, sondern von einem 400 Jahre alten Shakespeare-Stück. Karin Beier, Intendantin am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, hat „König Lear“ ins 21. Jahrhundert katapultiert. Die farbenprächtige Inszenierung gastierte bei den Festspielen Ludwigshafen im Theater im Pfalzbau.
Niemand, wirklich niemand, der es gesehen hat, wird vermutlich jemals diese Bilder vergessen. Wie Edgar Selge, einer von mehreren Stars des Abends, in schwarzen Socken und sonst komplett nackt auf einem Holztisch steht. Wie der gleiche Mensch, diesmal mit weißem Psychiatriepatienten-Leibchen bekleidet, eine riesige Topfpflanze durchs Publikum schleppt. Wie Lina Beckmann, die fantastische Lina Beckmann, ihm als seine Tochter Cordelia am Anfang und am Ende des Abends die Haare kämmt. Dazwischen ist sie auch noch der Narr, oder muss man sagen: die Närrin?
Goneril und Regan im Transenfummel
Wir befinden uns in einer Welt, in der nichts mehr gewiss ist. König Lear wollte eigentlich nur, das Ende seiner Zeit kommen sehend, sein Reich unter seinen drei Töchtern aufteilen und fragt der Form halber zu Beginn kurz ab, ob er respektiert und geliebt wird. Die beiden älteren Töchter liefern, Cordelia nicht. Ihre Lästerschwestern Goneril und Regan spielen Carlo Ljubek und Samuel Weiss in Transenfummeln mit Stöckelschuhen, „Somewhere over the Rainbow“ und „If you don’t know me by now“ werden ins Mikro gehaucht, und es bleibt nun jedem Zuschauer selbst überlassen, ob er das klamaukig findet wie „Charleys Tante“ oder einen gelungenen Beitrag zur Genderdebatte: Ist es okay, zwei so negative Figuren als queere Typen zu zeigen?
Explosives Bilderfest
Während sie beim „Kaufmann von Venedig“ mit einem großartigen Joachim Meyerhoff, der vor einem Jahr in Ludwigshafen gefeiert wurde, mit sensibler Psychologie ihre Figuren zeichnete, scheint Karin Beier diesmal vor allem daran interessiert gewesen zu sein, ein Bilderfest zu feiern. Die Bühne von Johannes Schütz ist ein grauer Kasten. In diesem neutralen Rahmen explodiert ein Feuerwerk nach dem anderen, und immer wieder droht es ins Slapstickhafte abzudriften. Wenn Graf von Kent (Matti Krause) ein aggressives Sächsisch spricht, wenn alle plötzlich bellen, wenn die Pianistin Akiko Kasai, die den Abend mit wohligen Sounds begleitet, plötzlich immer wieder den Deckel des Klaviers herunterknallt.
Am Ende sind viele tot
Weil ohnehin schon drei Stunden lang das Chaos auf der Bühne regiert, lässt sich der aufs Wesentliche reduzierten Geschichte wenigstens leicht folgen. Neben den Schwierigkeiten in der Familie des Königs gibt es noch eine zweite Konfliktlinie: Graf Gloucester mit seinen Söhnen Edgar und dem unehelichen Edmund (diesmal wiederum mit Sandra Gerling von einer Frau herrlich gefühlskalt gespielt). Alle tragen kurze Hosen. Am Ende sind viele Figuren tot, gestorben aus Gründen, die mit Machtgier zu tun haben und, wie man heute sagen würde, Beratungsresistenz, Kritikunfähigkeit und Kommunikationsdefiziten.
Erschöpfendes Spiel am Abgrund
Ja, „König Lear“ ist eine heutige Geschichte, aber Karin Beier weist uns nicht mit dem Holzhammer darauf hin. Sie gibt nur kleine Hinweise darauf. Die schiefe Ebene, auf der alle Schauspieler permanent agieren (was sicher zur sichtlichen Erschöpfung beim Schlussapplaus beiträgt), ist ein Symbol für eine Welt am Abgrund. Der Stoff, der zuvor Lears Reich zeigte, wird zur Simulation von Wellengeräuschen für den geblendeten Grafen von Gloucester (Ernst Stötzner) genutzt. Und es geht irgendwie auch darum, wie intimste Dinge in der Öffentlichkeit verhandelt werden.
„Es ist der Fluch der Zeit, dass Irre Blinde führen“
Gut, die Beschimpfung des Edgar als „linksgrün versiffter Achtundsechziger“ steht nicht genau so bei Shakespeare. Aber diesen Satz hat er wirklich geschrieben: „Es ist der Fluch der Zeit, dass Irre Blinde führen.“ Stötzner versieht ihn mit einer Kunstpause, damit es auch wirklich jeder auf sich wirken lassen kann. Ja, tatsächlich: Shakespeare hat ungefähr 1605 einen Kommentar zur Weltpolitik des Jahres 2019 geschrieben.