Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Festspiele Ludwigshafen: Großes Finale mit poppiger „Effie Briest“-Inszenierung

Einfach nur großartig: Die Effie-Briest-Gang Michael Wittenborn, Clemens Sienknecht, Markus John, Ute Hannig und Yorck Dippe.
Einfach nur großartig: Die Effie-Briest-Gang Michael Wittenborn, Clemens Sienknecht, Markus John, Ute Hannig und Yorck Dippe. Foto: MatThias Horn

Mit dem vierten Gastspiel vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg sind die Festspiele Ludwigshafen zu Ende gegangen. Fontanes „Effi Briest“ hatte man dort ziemlich frei für die Bühne adaptiert und aus der betulichen Ehebruchsgeschichte mit tödlichem Ausgang eine nostalgisch-schrille Radioshow gemacht. „Effi Briest – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie“ heißt es warnend im Untertitel. Der unterhaltsame Abend bewegt sich dann virtuos zwischen blödelnder Parodie und cleverer Literaturinterpretation.

Die Bühne erzählt gleich mal ihre eigene Geschichte: Ein beige-braunes Sammelsurium aus Möbelstücken, Musikinstrumenten, abgelatschten Teppichen und allerhand Technikzeugs. Die einzige Tür ist schallgedämmt, und rechts hinten befindet sich eine Regietheke mit Mikros, Reglern und Tonbandgeräten. Wir sind in einem Tonstudio in den 1970er-Jahren gelandet, bei „Radio Briest“, das mit einer schrillen Show aus Hörspiel, Hits und Werbesprüchen um seinen Marktanteil kämpft. Alles ist hier noch analog und hausgemacht, Musik, Jingles, Geräusche und vor allem das Hörspiel, eine rund um die Uhr in effektvollen Episoden gesendete Soap aus der Reihe „Die großen Seitensprünge der Weltgeschichte“.

Nur Knüller, keine Füller

Der Umgang mit Fontanes Romanklassiker erscheint da ziemlich respektlos. Statt die verschlafene Welt des preußischen Landadels bietet uns das Regieduo Barbara Bürk und Clemens Sienknecht das hektische Chaos einer Radioshow. Fontanes Originaltext kommt häppchenweise vom Plattenspieler in der legendären Aufnahme von Gert Westphal aus den 1980er-Jahren, eine sonore Stimme, felsenfest wie das Matterhorn und gemütlich wie ein Biedermeier-Sofa. Dass die Platte Kratzer und Schrammen hat, gehört dazu, die Geschichte ist schließlich nicht mehr taufrisch und, was ihre kunstvoll gedrechselte Handlung angeht, reichlich verschroben.

Westphals Fontane-Lesung bietet den dramaturgischen Unterbau, über dem sich dann eine wirbelige Metaebene aus Hörspielschnipseln, Studioszenen und das Geschehen begleitenden oder kommentierenden Musikstücken ausbreitet. Die sechs Darsteller stellen sich da beherzt jeder Herausforderung, spielen, rezitieren, musizieren und improvisieren sich perfekt durch einen Abend, der hinter all der Trivialität aus Radiosprüchen („Nur die Knüller, keine Füller“), Ratespielen, unauffindbaren Nachrichten und skandalträchtig simplifizierter Weltliteratur dann doch die wichtigen Fragen dieses Romanstoffes aufscheinen lässt.

Nicht nur das Bühnenbild von Anke Grot erinnert da an die Inszenierungen von Christoph Marthaler, für den Anne Viebrock diese nostalgisch-verrätselten Räume baute, in deren irritierendem Realismus sich so wunderbare skurrile Geschehen entfalten konnten. Zu Marthalers Truppe gehörte für viele Jahre auch Clemens Sienknecht als Spieler, Musiker, Sänger. Das ist er auch jetzt in dem von ihm mitentwickelten Fontane-Abend. Er betritt als erster die Bühne, hantiert an Instrumenten, betätigt Aufnahmegeräte bis der Stones-Klassiker „Sympathy for the Devil“ hörbar wird, mit Gitarrensolo und dem unverzichtbaren „Huu-Huu“ der Kollegen. Später übernimmt Sienknecht auch den Part der gestrengen Mutter Briest im hochgeschlossenen Hauskleid. Der wie immer grandiose Michael Wittenborn spielt den mit größerem Zweifel und weicherem Herzen ausgestatteten Vater, ist aber auch ein großartiger Countrysänger, Bluesshouter und James-Brown-Interpret. Ute Hannig macht aus Effi einen schlaksigen Teenager, der zunehmend irritiert durch diese Liebes- und Lebensgeschichte stakst. Markus John ist ein bräsig-selbstgewisser Innstetten im Jürgen-von-der-Lippe-Look, Yorck Dippe als Major Crampas ein gockelnder Provinzgigolo in Badeshorts, der sich auch mal eine Bassklarinette vor den Bauch hält, damit auch jeder versteht, worin dessen Qualitäten liegen.

Pop statt Prosa

Spielen kann er das Instrument tatsächlich, das gilt auch für die anderen. Mit Geige, Klavier, E-Gitarre, Kornett und dem von Friedrich Paravicini gezupften Cello ergibt das eine schlagkräftige Besetzung, mit der sich nicht bloß Popsongs von Elvis Presley, Frank Sinatra oder der Sugarhill Gang ansehnlich bewältigen lassen, sondern auch Klassisches von Händel, Prokofjew und Saint-Saens. Als Personal des Radiosenders moderieren und singen die Sechs ansonsten unermüdlich, zwitschern Jingles und machen aus der Begegnung des vom sechs Jahre zurückliegenden Fehltritt seiner Gattin frisch erschütterten Innstetten mit seinem Vertrauten Wüllersdorf eine virtuos-komische Nummer, indem sie einfach mal Fontanes Schilderung der Szene wörtlich nehmen. Da wird dann unermüdlich hingesetzt und aufgestanden, nahegetreten und umhergegangen und am Ende Gott sei dank nicht komplette 15 Minuten lang geschwiegen.

Ein Happy End gibt es auch diesmal nicht, so werktreu ist man dann doch. Nora darf in Ibsens 1879, also 15 Jahre vor Fontanes Roman erschienenem Theaterstück ihren prinzipientreuen Ehemann in ein vermutlich besseres Leben verlassen, Effi muss an gebrochenem Herzen und entzündeten Nerven sterben.

Das weite Feld der Metaebene

Obwohl die Baronin von Ardenne, deren Schicksal als Romaninspiration diente, nach ihrer Scheidung als Pflegerin beruflich unabhängig wurde und erst mit 98 Jahren hochbetagt verstarb, zieht Fontane ein trauriges Ende vor. Ihm geht es um „poetische Gerechtigkeit“ für sein komplettes Figurenpersonal, und da hat seiner Ansicht nach Effi genauso Schuld auf sich geladen wie Eltern und Ehemann, die gesellschaftliche Konventionen und tumbe Prinzipienreiterei wichtiger nahmen als Menschlichkeit und Mitgefühl. Da hält dann auch dieser vergnügliche Theaterabend ein paar gar nicht lustige Fragen für die Gegenwart bereit. Aber das ist vermutlich ein weites Feld.

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