Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Farbrausch in Mannheim: Große Matisse-Ausstellung in der Kunsthalle

Henri Matisse: „Akt im Wald“, 1906
Henri Matisse: »Akt im Wald«, 1906 Foto: Succession H. Matisse/ VG Bild- Kunst, Bonn 2018

Meisterwerke der Malerei und ein großer Name: Henri Matisse. Allein das verspricht Erfolg. Was aber heute Abend als erste Großausstellung in der neuen Mannheimer Kunsthalle eröffnet wird, geht weit über das Herzeigen von schönen Bildern hinaus. Da werden ungeahnte Verbindungen hergestellt, scheinbar unmögliche Bande geknüpft und Brücken geschlagen – zwischen Frankreich und Deutschland, zwischen den Kunstströmungen der Moderne, zwischen den Künsten selbst – und in der Mitte der, um den sich alles dreht: Henri Matisse.

Henri Matisse, geboren am 31. Dezember vor 150 Jahren im Städtchen Le Cateau-Cambrésis in der Picardie, gestorben 1954 in Nizza an der Côte d’Azur, gehört gewiss nicht zu den Unbekannten der Kunstgeschichte. Sein „Le Bonheur de vivre“ – Lebensfreude – betiteltes Großformat zählt mit Picassos „Demoiselles d’Avignon“ zu den Ikonen der Malerei. Die Farbenpracht seiner Gemälde fasziniert auch 100 Jahre nach ihrem Entstehen. Aber auch wenn sich im Paris des ersten Jahrzehnts im 20. Jahrhundert alles um die zu Antipoden ausgerufenen Malergrößen Matisse und Picasso zu drehen schien: Unangefochten war beider Stellung nicht.

Der „Wilde“ aus Paris und sein Freund aus Speyer

Matisse etwa war – zusammen mit im Herbstsalon von 1905 ausstellenden Malerkollegen wie Maurice de Vlaminck, André Derain oder Auguste Herbin – vom einflussreichen Kunstkritiker Louis Vauxcelles als „Fauve“, als Wilder, beschimpft worden: die Geburtsstunde des dann doch den Weg in die Zukunft weisenden Fauvismus. Eine Frage des Geschmacks und der Ästhetik, die die künstlerische Debatte anheizte. Aber da war auch der Vorwurf des mangelnden Patriotismus: Matisse verkaufte erfolgreich an ausländische, vor allem deutsche Sammler. Und in seiner 1907 auch auf Betreiben des Speyerers Hans Purrmann und dessen späterer Gattin Mathilde Vollmoeller gegründeten Mal-Akademie waren neben Deutschen, Amerikanern und Skandinaviern Franzosen in der Minderheit. Hochpolitische Fragen in Zeiten eines in der Katastrophe des Ersten Weltkriegs endenden wachsenden Nationalismus.

Über 135 Gemälde, Graphik und Skulpturen

Die Grenzen von Politik und Kunst beginnen sich zu verwischen, wenn ein prominenter Vertreter der deutschen Malerei wie Max Beckmann Matisse als „traurigen Vertreter der Völkerkundemuseumskunst, Abteilung Asien“ bezeichnet und Matisse-Schüler wie Purrmann als „Französlinge“ geschmäht werden. Anregungen für die eigene künstlerische Entwicklung durch Matisse? Aber wir doch nicht! Matisse? Wer ist das? Nie gehört! Einer, der bei dieser Debatte mit besonderer Vehemenz die Eigenständigkeit hervorhob (und dabei mit allerlei faulen Tricks arbeitete), war Ernst Ludwig Kirchner. Mit einigem Erfolg, denn im Bewusstsein der Nachwelt lagen fortan Welten zwischen der auf den Impressionismus folgenden Entwicklung der französischen Malerei und dem, was in Deutschland geschah. Dabei hätte man doch nur genau hinsehen müssen! So wie das jetzt die von Kurator Peter Kropmanns für Mannheim getroffene Auswahl von 135 Gemälden, graphischen Arbeiten, Plastiken und Keramiken von Matisse und den anderen möglich macht. Eine kluge, eine hellsichtige Auswahl, weil es ihr gelingt, Antworten zu geben, zugleich neue Debatten anzuregen und bei alldem die Vielfalt des Werks und die Vielseitigkeit desjenigen zu präsentieren, der im Mittelpunkt steht: Matisse, der Maler, Grafiker, Bildhauer, Keramiker, bei dem der eine nicht ohne den anderen denkbar ist.

Und immer wieder Rückenakte

Frühe Gemälde zeigen, wo der junge Matisse selbst seine Inspiration sucht: im Louvre, bei den Alten Meistern und den antiken Skulpturen, deren Proportionen er studiert. Der Geist von Cézanne schwebt dann über so manchem Bild von Matisse selbst und anderen jungen „Wilden“, die einen Weg für kurze Zeit gemeinsam gehen. Georges Braque etwa findet man sehr bald bei den Kubisten um Picasso. Matisse ist in diesem Kreis der französischen Avantgarde so etwas wie der Primus inter pares, aber er sucht nicht nur die Farbe, sondern auch die Form – was vor allem die Auswahl an kleinen Skulpturen und vor allem der graphischen Blätter zeigt: Akte in Bronze, gezeichnet, gedruckt – von vorne, aber vor allem als Rückenansicht. Gedrehte Körper im Raum, erst plastisch und später im Bild.

Der Überraschungs-Coup am Ende

Während man so die Entwicklung von Matisse selbst weiter verfolgt, fällt ein Blick auch auf die Werke seiner deutschen Schüler und (gleichbereichtigten!) Schülerinnen. Er fällt auf zwischen all den weiblichen Aktbildern: ein männlicher Akt, gemalt von Vollmoeller. Seit der damals viel beachteten Ausstellung „Matisse und seine deutschen Schüler“, 1988 in der Kaiserslauterer Pfalzgalerie, weiß man zumindest im Purrmann-Land links des Rheins um die Bedeutung von Matisse für die deutschen Künstlerkreise in Paris vor 1914. Neu ist der andere Blick – über eine ganz und gar nicht fremd in ihrer Umgebung wirkende hölzerne Liegende von Kirchner hinweg auf die deutschen Expressionisten. Kurator Kropmanns führt die „Inspiration Matisse“ vor Augen und kann das im ausgezeichneten Katalog mit Briefzitaten von Kirchner, Heckel & Co. beweisen: Es könnte sich um einen Fall von enttäuschter Liebe handeln. Man hätte in Berlin den Kunststar aus Paris nur allzu gerne als „Brücke“-Mitglied geworben.

Am Ende dann wieder Matisse pur: die Explosion der Farben, Muster, Ornamente auf der einen Seite. „All meine Farben singen zusammen, sie haben Kräfte, die ein Chor haben muss, wie bei einem musikalischen Akkord“, hat der Maler selbst es beschrieben. Und der Überraschungs-Coup: vier zwischen 1909 und 1930 (letztere seit 1963 im Besitz der Kunsthalle Mannheim) entstandene, monumentale Rückenakte aus Bronze, die eine Entwicklung von der naturalistischen Darstellung bis hin zur Abstraktion zeigen: Der Meister der Farben inspiriert die Zukunft der Skulptur.

Die Ausstellung

„Inspiration Matisse“, Kunsthalle Mannheim, bis 19. Januar 2020; Eröffnung Donnerstag, 26. September, 19 Uhr; Katalog (Prestel-Verlag) 29 Euro. www.kuma.art

Noch ein Rückenakt aus 1906: von Georges Braque
Noch ein Rückenakt aus 1906: von Georges Braque Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2018 / John R. Glembin Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2018 / John R. Glembin
Inspiration Matisse? Kirchners Mädchenakt auf blühender Wiese, 1909.
Inspiration Matisse? Kirchners Mädchenakt auf blühender Wiese, 1909. Foto: Nikolaus Streglich, Starnberg
Wege zur Abstraktion: Weiblicher Rückenakt, Matisse-Bronze von 1930 aus der Mannheimer Kunsthalle.
Wege zur Abstraktion: Weiblicher Rückenakt, Matisse-Bronze von 1930 aus der Mannheimer Kunsthalle. Foto: Succession H. Matisse/ VG Bild- Kunst, Bonn 2018
Künstlerfreunde: (v.r.n.l.): Henri Matisse, Albert Weisgerber, Hans Purrmann 1910 im Münchner Löwenbräu.
Künstlerfreunde: (v.r.n.l.): Henri Matisse, Albert Weisgerber, Hans Purrmann 1910 im Münchner Löwenbräu. Foto: Purrmann-Archiv
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