Society
Erinnerung an den Mannheimer Roger Fritz, Gesellschaftsreporter und Lebenskünstler
Der Titel „Boulevard der Eitelkeiten“ führt ein wenig in die Irre: Trotz seines Nimbus als plauderfreudiger und prominenzversessener „Society-Liebling“ – so die Münchner „Abendzeitung“ – erscheint der 1936 in Mannheim geborene „Gesellschaftsreporter“ Roger Fritz in Wort und Bild hier weder gefallsüchtig noch selbstverliebt, weder egozentrisch noch geschwätzig.
Ohne sich selbst zu überhöhen, stilisiert er sich lässig elegant als Teil jener Jet-Set-Welt der Reichen und Schönen, die er für illustrierte Blätter à la „Bunte“ und „Quick“ in einer Mischung aus unverhohlenem Hedonismus und (selbst-)ironischer Distanz abbildet. Den Objekten seiner Begierde nähert er sich nicht als sensationsheischender Klatschreporter, sondern klug und einfühlsam, auf Augenhöhe, nicht ohne spürbare Sympathie und – um ein mittlerweile abgedroschenes Modewort zu bemühen – mit Empathie.
Pfälzer Freund mit sieben Ferraris
Die 80 porträtierten Persönlichkeiten dieses Buchs hat Roger Fritz offenkundig nicht nur beobachtet und beschrieben, sondern gekannt und gemocht, begleitet und hautnah erlebt. Weil er diese Welt der Stars und Berühmtheiten, Starlets und Kultur-Diven aller Geschlechter kannte, spiegelt sich auf seinem „Boulevard der Eitelkeiten“ ein Stück Zeitgeschichte wider. Illustriert mit Aufnahmen aus dem eigenen Archiv, zeichnet er mit leichter Hand Kurzporträts so illustrer Persönlichkeiten wie Anthony Quinn und Shelley Winters, Jeanne Moreau und Helmut Berger, Gunter Sachs und Karl Lagerfeld, Andy Warhol und Joseph Beuys, Helmut Kohl und Franz Josef Strauß, Herbert von Karajan und Mick Jagger. Im Kapitel über die französische Gelegenheitsschauspielerin Babette Étienne, die ein paar Wochen lang mit Johnny Hallyday verheiratet war, heißt es: Nach dem Rockstar „kam ein Freund von mir, Otto Kern, Hemdenhersteller aus Kaiserslautern. Deutscher Industrieller, habe ich gelesen, das klingt nach altem, gut angezogenem Mann mir Bäuchlein. Dem war aber nicht so. Kein großes Auto zum Gebrauch, aber sieben rote Ferraris in seiner Tiefgarage.“
Kindheit in Mannheim-Käfertal
Natürlich geht es um Menschen, die auf die eine oder andere Weise den Lebensweg des Roger Fritz passierten. Welche Rolle ihnen dabei zukam, wird in der „kleinen Selbstbiografie“ am Ende des Buchs nur angedeutet. Im RHEINPFALZ-Interview berichtete der gebürtige Mannheimer einmal, dass er seine ersten Lebensjahre in Käfertal verbrachte und eine Tante das Café am Wasserturm führte. Weil der Vater Soldat war, zog die Familie bald von der Kur- in die Oberpfalz. Nach einer Kaufmannslehre wandte er sich der Fotografie zu, gewann zweimal Preise bei der Photokina, war Mitbegründer der Zeitschrift „Twen“.
Dann kam der Film. Roger Fritz wurde Schauspieler, später Assistent des Regie-Titanen Luchino Visconti, dem er im Buch auf erfrischend unsentimentale Weise huldigt. Er erinnert sich an seine Foto-Lehrmeister; an frühe Begegnungen mit Romy Schneider, Hardy Krüger und Mario Adorf; an die Arbeit als Darsteller bei Rainer Werner Fassbinder. Ein Extrakapitel ist „schönen Münchnerinnen“ gewidmet, allen voran seinen beiden Lebensgefährtinnen Margit Friedrich und Helga Anders.
Fotoreporter mit eigenem Szene-Lokal
Letztere hätte ihrem Schnütchen-Image zum Trotz eine große Schauspielerin werden können, wäre sie nicht nach einem tragischen Abstieg in die Drogensucht mit nur 38 Jahren gestorben. Zum Star wurde sie 1967 mit dem Film „Mädchen, Mädchen“, Drehbuch und Regie: Roger Fritz. Das sexuell aufgeladene Jugenddrama war seinerzeit ein Skandalerfolg und widerlegte glanzvoll die These, dass die Hervorbringungen des Neuen Deutschen Films grundsätzlich an der Kinokasse floppten.
„Ich will nicht, dass meine Filme nur von 30 Leuten gesehen werden“, sagte er einmal. „Ich mache keine Filme für die Schublade, sondern fürs Publikum.“ Deshalb schreckte er vor Nackedei-Kolportagen wie „Frankfurt Kaiserstraße“ (1981) nicht zurück, derweil er sich zunehmend dem Fotojournalismus verschrieb und nebenbei ein Münchner Szene-Lokal führte. Bei einer Begegnung Ende 2003 sagte er, er habe „fünf fertige Drehbücher zu Hause liegen“.
Verfilmt wurde letztlich keins, aber die Hände in den Schoß gelegt hat er dennoch nicht. Er übernahm weiterhin Filmrollen, veröffentliche mehrere Fotobände und präsentierte seiner Bilder in diversen Ausstellungen, unter anderem 2006 in der Mannheimer Kunsthalle. „Nichts Menschliches, Allzumenschliches sollte ihm fremd bleiben“, schreibt sein Freund Hubert Burda in einem etwas gespreizten „Geleitwort“ zu diesem Buch. Das Blättern und Schmökern macht Laune, auch wenn man die Protagonisten nur durch die Chronistentätigkeit eines Roger Fritz kennt.
Lesezeichen
Roger Fritz: „Boulevard der Eitelkeiten. Fotografien und Erinnerungen“. 320 Seiten, 325 Abbildungen. Schirmer/Mosel-Verlag. 34 Euro.