Kunst RHEINPFALZ Plus Artikel Elmgreen & Dragset stellen im Frankfurter Städel aus

„Wir stellen nur dumme Fragen“: Elmgreen und Dragselt.
»Wir stellen nur dumme Fragen«: Elmgreen und Dragselt.

Ein Terrier fährt Karussell, seltsame Dinge passieren bei Elmgreen & Dragset. Ihre Ausstellung ist eine erhellende Schnitzeljagd durchs Museum. Sehr gut!

Baumeln im Ungewissen: „Künstler“ am Trapez.
Baumeln im Ungewissen: »Künstler« am Trapez.

Ach du Schreck, im Städel hängt ein Typ in kurzen Turnhosen von der Decke. Durch die Glastür sieht man nur die Beine baumeln. Sieht echt aus. In Wahrheit hängt die Silikonfigur „Der Künstler“ nur ungewiss an einem Trapez, wie es Artisten nutzen. Anderorts dreht sich eine Tasche anlass- und endlos auf einem Flughafengepäckband. Ein Terrier fährt auf einem Spielplatz-Kinderkarussell auf einer psychedelisch bemalten Scheibe. Ein Junge, so lebensecht wie die Figuren von Duane Hanson, kauert zeichnend vor Tischbeins Signature-Gemälde „Goethe in der römischen Campagna“, eine Absperrung um sich herum. Derweil sitzt eine leibhaftige Frau auf einer Bank und führt vor einem Gemälde von Louis Eysen laut Selbstgespräche. Sehr seltsame Dinge geschehen im Edelmuseum am Schaumainkai, seit die Ausstellung des schon lange in Berlin lebenden dänischen Künstlerduos Elmgreen & Dragset eröffnet worden ist.

Ist das echt? Werk „Vergessenes Baby“ .
Ist das echt? Werk »Vergessenes Baby« .

Ein Coup, mitten im Ansturm auf die Monet-Ausstellung. Die beiden sind Stars auf ihre Art, Künstler ohne einfach so auszustellendes Werk. Wie Ingar Dragset freimütig erzählt, haben sie sich in einer Schwulenbar kennengelernt – und beim Heimgehen festgestellt, dass sie in Kopenhagen in ein und demselben Gebäude wohnen.

Michael Elmgreen war damals Dichter. Dragset war im Theater angedockt. Seit 1995 beglücken die beiden die internationale Kunstwelt mit ihren poetisch-theatralen Interventionen in die Daseinsroutinen. Seit über 30 Jahren leben sie in Berlin. Berühmt ist ihre Prada-Scheinboutique in der texanischen Wüste von Marfa. Dazu die musealen Inszenierungen augenöffnender Stolperfallen in internationalen Museen.

Andacht und Alarm

Im Städel, wo man ihnen carte blanche für eine Schnitzeljagd durch die Sammlung gegeben hat, steht eine Tragetasche auf dem Boden vor Franz von Stucks „Pietà“ an der Wand. Der vorläufig tote Jesus, hingestreckt. Sein grünlich oxidierter Leichnam. Maria, ganz schwarze Trauergestalt, die bei ihm sitzt, hat die Hände vor den Kopf geschlagen. Ein Bild der Verzweiflung. Aber egal jetzt. Ist das ein schlafendes Kleinstkind in der Tasche? Bei zwei älteren Besucherinnen ist angesichts des Anblicks die Andacht in hilfesuchende Alarmbereitschaft gekippt.

Das titelgebende Werk: „Visitor“ vor Cornelis de Heems „Stilleben vor Gemüse und Früchten vor einer Gartenbalustrade“.
Das titelgebende Werk: »Visitor« vor Cornelis de Heems »Stilleben vor Gemüse und Früchten vor einer Gartenbalustrade«.

Den Zustand, den das „Vergessene Baby“ auslöst, nennt man „uncanny“, unheimlich. Der japanische Robotiker Masahiro Mori hat ihn 1970 so bezeichnet. Je realistischer etwas wirkt, desto näher geht es uns. Verrät die Illusion dann doch einen Rest von Künstlichkeit, schlägt Empathie um in Unbehagen. Perfekt, wie Elmgreen & Dragset die Momente zwischen Irritation und Scham beherrschen.

Unbedingt gehört auch das leise lächelnde Kopfschütteln über sich selbst dazu, das einen ausdauernd befällt. Dann, wenn der Vogel in den gipsernen Kinderhänden plötzlich unmerklich zuckt wie damals - eine weit verbreitete Kindheitserfahrung. Rettung wie damals unmöglich, dieses Mal aber: weil Kunst. Beklemmend, das verlassene Großraumbüro, das sich im Untergeschoss ausbreitet wie Science-Fiction aus der Gegenwart.

Gegenwartsstillleben mit Hopper Ur-Enkelin.
Gegenwartsstillleben mit Hopper Ur-Enkelin.

Eine Arbeitszelle steht dort neben der anderen, abgetrennt mit dünnen Wänden. Ein Aufbewahrungsort für Arbeit(ende). Schlagzeilen laufen auf Monitoren unbeachtet vor sich hin. Wer näher rangeht, entdeckt private Hinterlassenschaften. Adiletten unter dem Tisch, irgendwo steht eine Marx-Bürste, die von einem Taschenrechner kontrastiert wird, jemand hat einen Bildband über temporäre Häuser vergessen, über den eine Schnecke kriecht. Herzgreifend schließlich die samt Karte zurückgebliebenen Abschiedsblumen zum Ruhestand: „Good Bye & Good Luck“, Subtext: auf Nimmerwiedersehen. „Garten Eden“ lautet der verheißungsvolle Titel für die trostlose Unterwelt mit ihren traurigen Aufstiegsversprechen, derart etwa, wie sie das zur riesigen, gesichtslos-noblen Restaurant-Lounge umgebaute Metzler-Foyer darüber jetzt verkörpert.

Kunst mit Fernglas

Ein einziger Gast sitzt an einem der eingedeckten Tische wie eine Enkelin von Edward Hopper. Eine Frau im Businesskostüm, erst beim befangenen Nähertreten als Kunstwerk zu erkennen, blickt auf ihr Smartphone, wo ein Typ selbstmitleidig quakende Facetime-Monologe über seine Künstlerexistenz und eine gescheiterte Liebesbeziehung hält. Der Raum scheint zwischen Wirklichkeit und Bühne zu schwanken, mit uns als Teil der Szenerie. Nicht selten, dass Elmgreen & Dragset solche stimmigen Einsamkeitsbilder der Gegenwart gelingen.

Oben ein ortlos nobles Lounge-Restaurant, unten ein verlassener Maschinenraum der Angestelltenwelt: das Städel, jetzt.
Oben ein ortlos nobles Lounge-Restaurant, unten ein verlassener Maschinenraum der Angestelltenwelt: das Städel, jetzt.

Das Museum mutiert mit ihrer Kunst zu einem Ort, an dem sich soziale Unsicherheit breitmacht. Und plötzlich betrachten Betrachter Betrachter, wie bei der weiß lackierten Bronzefigur, die im Sightseeing-Dress über der Brüstung im Obergeschoss lehnt und durch ein Fernglas auf Chagalls Gemälde „Commedia dell’arte“ (!) gegenüber schaut. Vorbildhaft demgegenüber, wie der durchgeistigte, wieder weiß lackierten Bronzejüngling als kennerischer „Besucher“ inszeniert ist – absolut instagrammable.

Das Kinn mit der einen Hand gestützt, die Arme zum „L“ verschränkt: Selbstgewiss schaut er auf Cornelis de Heems „Stillleben mit Gemüse und Früchten vor einer Gartenbalustrade“ aus dem Jahr 1658, das der Schau ihren Titel gebende Gemälde.

Denken in Boxershorts

Wie Elmgreen & Dragset sagen, wollen sie damit auch auf das Phänomen verweisen, dass viele heutzutage ihr Essen fotografieren – für Social Media. Das Genre Stillleben also tatsächlich tot? „Wir stellen nur dumme Fragen“, meinten die Künstler einmal gegenüber einem Kritiker. Zum Beispiel auch, ob die Waschmaschine, auf der ein Bronze-Junge in Boxershort und Auguste Rodins Denkerpose sitzt, tatsächlich als Sockel durchgeht. Und wenn nicht, was die Erhabenheit eines Kunstwerks dann eigentlich ausmacht?

Museumssightseeing: Figur „Der Untersucher“.
Museumssightseeing: Figur »Der Untersucher«.

Das Schönste, das Gemeinste an dieser Ausstellung ist so, dass sie keine Pointe liefert, die alles auflöst. Der Ausgang der Geschichten: offen. Die Kunst von Elmgreen & Dragset verbreitet sich wie ein Virus. Hier fühlt man – und schämt sich gleich danach, weil man auf etwas Reales reagiert hat, das gar nicht real ist. Vielleicht schaut man sich nachher Franz von Stucks grünspanigen Jesus noch einmal mit anderen Augen an. Plötzlich diese Ungewissheit. Eine Imbissbude vor dem Museum, komisch. Sogar die Absperrbänder für die Warteschlangen draußen vor dem Städel erscheinen einem an diesem Werktagvormittag irgendwie fragwürdig. Nötig oder Kunst? Fake oder echt? Skepsis als Haltung, gar nicht mal schlecht.

Die Ausstellung

Elmgreen & Dragset: Stillleben mit Gemüse; bis 17. Januar 2027. staedelmuseum.de

Gegenwartsstillleben mit Hopper Ur-Enkelin.
Gegenwartsstillleben mit Hopper Ur-Enkelin.
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