Erinnerungskultur RHEINPFALZ Plus Artikel Eine Schau in Frankfurt zeigt, wo sich geflüchtete Juden vor dem Holocaust versteckten

Die Rettung: Zwei Brüder haben die Josefseiche in Wisnowa (Polen) ausgehöhlt und als Unterschlupf ausgebaut.
Die Rettung: Zwei Brüder haben die Josefseiche in Wisnowa (Polen) ausgehöhlt und als Unterschlupf ausgebaut.

Der Eingang zum Keller war ein herausnehmbares Puzzleteil des Fischgrätparketts. Solche Verstecke hat Natalia Romik erforscht. Eine berührende Ausstellung zeigt dazu jetzt das Jüdische Museum Frankfurt.

Es sind schreckliche Schicksalsorte, wie der Abwasserkanal von Lwiw in der heutigen Ukraine, die einem in dieser bedrückenden, berührenden, bei aller Düsternis ganz leise hoffnungsschimmernden Ausstellung begegnen. Ein stickiges Kellerloch mit Sandboden, eine Grabkammer, dunkle Höhlen mit labyrinthischen Gängen. Man betritt das Jüdische Museum in Frankfurt von Polizisten bewacht, durch eine Sicherheitsschleuse. Die Schau über die „Architekturen des Überlebens“ im Untergeschoss liegt im halbdunklen Licht. Es geht, halb dokumentarisch, teils künstlerisch, um Verstecke in Polen und der Ukraine, in denen Juden versuchten, dem Holocaust zu entkommen. Die Josefseiche im Schlosspark von Wisnowa, Karpatenvorland, die auch eine Rolle spielt, wirkt dabei fast schon magisch.

Seit 650 Jahren wächst sie himmelwärts, ein mächtiger, schrundiger, poetischer Baum, um den ein Mythos rankt. Die Geschichte von David und Paul Denholz aus Fryztak ist wahrer Legendenstoff. Das Brüderpaar hat der Eiche sein Leben zu verdanken, 1942, nachdem die beiden aus dem Konzentrationslager Plaszow in die umliegenden Wälder geflüchtet waren. Nie gefeit vor Verrat. Immer bedroht von deutschen Soldaten, polnischen „Schmalzowniks“, die für Geld hinter Juden herjagten. Aber erst Jahrzehnte später ist Natalia Romik, der sich die Frankfurter Schau verdankt, den Denholz-Brüdern mit einer Endoskopkamera auf die Spur gekommen.

Die Wendeltreppe in der Eiche

2019 stand sie auf der Hebebühne eines LKW und schaute durch ein Loch dabei zu, wie die Kamera den Hohlraum der Eiche ausleuchtete. Ein Teil ihrer Arbeit. Die über die Bauweise jüdischer Shetl promovierte Politikwissenschaftlerin erforscht seit Jahren jüdische Fluchtorte, alles im Team mit Botanikern, Historikern, jüdischen Theologen. Jetzt sah sie, dass die Wisnowarer Josefseiche fast komplett zum bewohnbaren Schornstein ausgebaut worden war. Eine provisorische Wendeltreppe aus Brettern und Metallbügeln war eingezogen. Oben war ein Ausguck. Kurze Zeit später konnte Romik mit den in New York lebenden Töchtern von Paul und David Denholz sprechen und die Geschichte ihrer Väter rekonstruieren, die sie in der Ausstellung erzählt.

Fünf Millionen polnische Juden wurden von den Nazis umgebracht. 50.000 Menschen haben es wie die Denholz-Brüder, die als einzige aus ihrer Familie davongekommen und in die USA ausgewandert sind, in Schränken, Geheimgängen, Kellern und Verliesen geschafft zu überdauern. Andere wie Izaak Posner und Moshe Arionak wurden verraten, entdeckt und ermordet. Die beiden, der eine Direktor des jüdischen Friedhofs in der Warschauer Okopowa-Straße, der andere Steinmetz, hatten eine Grabkammer in Feld 41 mit drei Stücken Straßenbahnschienen als Dachbalken, auf der eine Decke aus Grabsteinen lag, ausgebaut. An der Wand führte eine Ziegelsteintreppe zum Ausgang. Die Grabsteine waren nur mit großer Kraft zu bewegen. Gras überwucherte das Versteck. Half alles nichts.

Nur zwei Jugendliche, David „Jurek“ Plonski und Abraham Carmi, konnten der Verfolgung entkommen, als ihre Fluchtunterkunft verraten worden war. „Kinder wissen, wie man am Leben bleibt“, zitiert der Ausstellungskatalog Carmi jetzt, „Kinder sind wie Ratten, weil Kinder sich nicht damit aufhalten, irgendwelche Sachen mitzunehmen.“ Neun Verstecke oder Architekturen des Überlebens zeigt Natalia Romiks zweigeteilte, nahegehende Präsentation.

Glänzende Erinnerungskultur

In einem Raum liegen Dokumente aus, die ihre Recherchen untermauern. Fotos, Dokumente, Fundsachen, Videos laufen, in denen Helfer, Zeitzeugen und Nachgeborene zu Wort kommen. Im zweiten Raum sind einseitig mit einer Schicht Silber überzogene Skulpturen ausgestellt, so der Abdruck eines Teils der Wisnowaer Eiche. Oder der Türstock einer Tür, die zu einem Keller im Kloster der Marienschwestern von der unbefleckten Empfängnis führte. Vorgeblich die Rückwand eines Regals. Dazu glänzt die Oberfläche der Abnahme, die von einer in die Wand geritzten Inschrift genommen wurde, „Haschomer“ (hebräisch für Wächter) steht da. Sie stammt aus der Verteba-Höhle in der Ukraine, in der sich die Menschen zurückzogen, die unentdeckt bleiben mussten. Auch unweit, in der Ozerna-Höhle, die bekannt ist für archäologische Funde aus der Cucuteni-Tripolje-Kultur (4200 bis 2450 v. Chr.), fanden sich im Nachhinein Utensilien der Zeit von 1943. Sogar ein Mühlstein zum Mahlen von Getreide war zurückgeblieben. Einige der sich dort versteckenden Juden hielten es 511 Tage in der Höhle aus. Die spiegelnden Flächen auf den Skulpturen, sagt Forscherin Natalia Romik, sollen den „paradoxen Charakter der Architekturen hervorheben“.

Im dokumentarischen Bereich ist derweil Iryna Dobrokhodska auf einem Video zu sehen. Sie lebt in der Wohnung eines Privathauses, unter der sich ein mühsam ausgehobener Raum mit Sandboden befand, in dem bis zu 18 Menschen ausharrten. Der Eingang, ein sorgsam aus dem Fischgrät-Parket geschnittenes Puzzleteil. Alles unterstützt von dem Volksdeutschen Besitzer Walenty Beck, einem der Helden die auch zur Geschichte der verfolgten Juden gehören. Manche von ihnen hielten sich 20 Monate im Untergrund. Bis zwei Wehrmachtssoldaten in das Haus einquartiert wurden, konnten sie sich manchmal frei bewegen. Der jetzigen Bewohnerin Dobrokhodska indes kommt es manchmal so vor, als seien die unfreiwilligen Mitbewohner von damals immer noch anwesend.

Sie hat das Versteck unverändert so gelassen. Auf dem Video lehnt das Eingangspuzzle an der Wand, als sie erzählt, dass die Versteckten durch ein kleines Loch in der Wand auf die Wiese mit den Ringelblumen schauen konnten. Sie hält eine Blume in der Hand. Die Verhältnisse in anderen Verstecken will man sich dagegen gar nicht erst vorstellen.

Die Verzweiflung im Bunker der jüdischen Kampforganisation ZOB im Ghetto in Bedzin, aus dem heraus ein Brief nach Palästina verschickt wurde, in dem stand: „Wenn ihr diesen Brief erhaltet, wird keiner von uns mehr am Leben sein.“ Oder den Gestank und den Höllenlärm in der städtischen Kanalisation im ukrainischen Lwiw. Durch Putins Angriffskrieg erhält die vorher in der Nationalen Kunstgalerie Zacheta in Warschau und in der Trafo Art in Stettin gezeigte Schau eine zusätzliche Aktualität. Die Menschen hatten es durch einen selbstgegrabenen Tunnel geschafft, im Kanal zu verschwinden, bevor die Deutschen das Lwiwer Ghetto räumten. Dort erwartete sie: lähmende Dunkelheit, beißender Geruch und furchterregendes Tosen.

Flucht in neuem Licht

„Um uns herum rutschten immer wieder Menschen aus und fielen ins Wasser, und niemand konnte sie retten. Die Wasserströme rissen sie fort, einen nach dem anderen“, erinnert sich Krystyna Chiger, die das Schreckliche erlebt hat. 2012 drehte die polnische Filmemacherin Agnieszka Holland einen Film zu dem Fall, der die grauenvolle Gewalt, die von dieser Unterwelt ausging, sichtbar macht. „In Darkness“ (im Dunkeln) war für den Oscar als bester ausländischer Film nominiert.

Für Natalia Romik und ihre Helfer ist es, wie sie sagt, schon ein Gewinn, wenn die in die Unsichtbarkeit geflüchteten Menschen in einem neuen Licht erscheinen. „Architekturen des Überlebens“, lässt Romik sich im Katalog zitieren, „sind eine Form der Gemeinschaft, des Durchhaltevermögens und des Erfindungsreichtums als Reaktionen auf die Schrecken des Holocausts“. Unter anderem deshalb ist auch die Josefseiche in Wisnowa ausgezeichnet worden: als Europäischer Baum des Jahres.

Erinnerungskunst: Skulptur eines Fragments der Höhle Verteba (Ukraine), Jüdisches Museum Frankfurt.
Erinnerungskunst: Skulptur eines Fragments der Höhle Verteba (Ukraine), Jüdisches Museum Frankfurt.
Mehr zum Thema
x