Berlinale
Ein Scherbenhaufen: Die Zukunft des Festivals steht auf dem Spiel
Es ist kurios: Nachdem die „Bild“-Zeitung am Mittwoch verkündete, dass die Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle auf einer außerordentlichen Aufsichtsratssitzung des Trägers des Festivals am Donnerstag abberufen werden soll, hagelte es so viel Protest von Filmschaffenden, dass in der Sitzung nun keine Entscheidung über Tuttle getroffen wurde. Vielmehr sollen „in den nächsten Tagen“ Gespräche geführt werden über die Ausrichtung des Festivals. Hat also das mediale Echo Tuttles Kopf (vorerst) gerettet?
Tricia Tuttle, eine seit Langem in London lebende US-Amerikanerin, hatte 2024 ein undankbares Amt übernommen. Der Nahostkonflikt überschattete ihre Arbeit als Berlinale-Intendantin von Anfang an. Sie hat zwar stets besonnen gehandelt, für Zwischentöne geworben und in der Filmauswahl für eine Vielfalt der Stimmen gesorgt. Aber die Pro-Palästina-Stimmen sind im internationalen Kulturbetrieb inzwischen die lautesten. Gerade im angloamerikanischen Kulturraum gibt es nur eine Position zum Kriegsgeschehen in Gaza. Das Hamas-Schlagwort „Völkermord“ wiegt dort nicht so schwer wie in Deutschland. Klare Argumente, dass in Gaza kein Völkermord begangen wird, erreichen viele Künstler nicht. Zugleich übersehen diese, dass die palästinensische Parole „From The River To The Sea“ (Vom Fluss bis zum Meer) Israel das Existenzrecht abspricht.
Bei den Berlinale-Abschlussgalas 2025 und 2026 gab es Anti-Israel-Botschaften. Vergangenen Samstag hatte der syrisch-palästinensische Filmemacher Abdallah Alkhatib Deutschland heftig angegriffen. Er hatte den Preis für das beste Debüt mit seinem Film „Chronicles From The Siege“ gewonnen, trat mit Palästina-Flagge und Tuch auf und warf der deutschen Regierung vor, sie sei Partner „des Völkermords in Gaza“.
Noch am Sonntag hatte Kulturminister Wolfram Weimer der Berlinale-Chefin, die stets versuchte, Wogen zu glätten, sein Vertrauen ausgesprochen. Doch seit danach ein Foto die Runde machte, auf dem Tuttle – offenbar nach der Filmpremiere – mit dem Team des Films „Chronicles From The Siege“ posierte, scheint er eben jenes Vertrauen in sie verloren zu haben: Denn sie steht auf dem Bild quasi hinter Palästina-Flaggen, die Filmteammitglieder hochhielten.
Als am Mittwoch bekannt wurde, dass Tuttle wohl abgesetzt werden sollte (andere Medien berichteten aus Regierungskreisen, dass die 56-Jährige von sich aus gehen wolle), rief das entrüstete Filmkünstler auf den Plan: Sie abzurufen, käme einem massiven Eingriff in die Kunstfreiheit gleich, mahnten die Deutsche Filmakademie, die Schriftstellervereinigung PEN-Berlin, aber auch eine Gruppe israelischer Filmemacher. Der dem Festival bislang sehr verbundene Regisseur Tom Tykwer (auf der diesjährigen Berlinale lief in der Retrospektive sein Film „Lola rennt“) sprach bei 3Sat kurz vor der Sitzung gar davon, er würde seine Filme nicht mehr einreichen, sollte Tuttle gehen müssen.
Nun bleibt ihr vielleicht eine Galgenfrist. Oder sie einigt sie sich mit Weimer, dem Aufsichtsratchef der Trägergesellschaft, die das Festival mit zwölf Millionen Euro Bundesmitteln finanziert. Doch wie könnte dies aussehen? Die Berlinale kann kaum, wie die Ausrichter des Eurovision Song Contest, Pro-Palästina-Proteste überblenden. Zwar ist ein Festival wahrlich der falsche Ort, um Partei im Gaza-Konflikt zu ergreifen. Jedoch hat sich die Berlinale gern als politischstes der drei A-Festivals positioniert. Andere Meinungen zuzulassen, eine Plattform für vielfältige – filmische! – Positionen in vielerlei politischen Konflikten zuzulassen, war auch Tuttles Vorgängern ein Anliegen. Doch gerade in Deutschland ist das Aushalten der undifferenzierten, lauten Pro-Palästina-Stimmen nahezu unmöglich. Der Bund will als größter Geldgeber keine Bühne für Hass auf Israel bieten.
Falls die Gespräche doch auf Tuttles Abschied hinauslaufen, wird es sehr schwer, eine Nachfolge zu finden. Wer möchte dieses heikle Amt ausfüllen? Und vor allem: Werden Filmemacher künftig die Berlinale tatsächlich meiden? Dann wäre die nun 76-jährige Festivalgeschichte vorbei. Die Berlinale ist beschädigt. Ob sie zu retten sein wird, ist fraglich.