Interview „Ein Mann, ein Jahr, kein Alkohol“: Autor Felix Hutt über die Freiheit der Nüchternheit
Herr Hutt, Ihr Buch beginnt damit, dass Sie auf der Geburtstagsfeier ihrer dreijährigen Tochter betrunken auf ein Weinglas fielen und in der Notaufnahme an der linken Hand genäht werden mussten. Ein Schlüsselerlebnis?
Ja. Die Glassplitter zerschnitten meine linke Innenhand und hinterließen eine Schwulst über meiner Lebenslinie. Meine Narbe erinnert mich jedes Mal an diesen Moment, als ich vor meiner Tochter betrunken die Kontrolle verloren habe.
Als Dreizehnjähriger tranken Sie das erste Bier, Ihr Vater zelebrierte den Alkoholgenuss, als junger Redakteur wurde der Rausch zum ständigen Begleiter. Ist Deutschland ein Land der Trinker, in der lax mit der Volksdroge Alkohol umgegangen wird?
Genau diesen Punkt löse ich im Buch auch wissenschaftlich auf: Ich lasse meine Blutwerte untersuchen, zitiere aktuelle Statistiken. Zwei Beispiele: Jedes Jahr sterben in Deutschland etwa 74.000 Menschen aufgrund von riskantem Alkoholkonsum oder durch die Kombination von Alkohol und Tabak – das entspricht dem Fassungsvermögen des Berliner Olympiastadions. Die Kosten für alkoholbedingte Krankheiten belaufen sich jährlich auf rund 60 Milliarden Euro. Jugendliche greifen nicht nur in bierseligen Städten wie München oder Köln viel zu früh zum Alkohol. Alkohol gilt für viele nicht als Droge, vielmehr wird Alkoholkonsum bagatellisiert, was das Ganze so gefährlich macht. Wenn ein Dreizehnjähriger anfinge, Crack zu rauchen, wäre der Aufschrei riesig und der Jugendliche würde im Entzug landen. Aber wenn Jugendliche mit dreizehn Jahren nach einigen Maß Bier betrunken vom Oktoberfest heimkommen oder sich am Kiosk Dosenbier kaufen, ohne nach dem Alter gefragt zu werden, dann regt das niemand auf. Das ist eines von vielen bedenklichen Indizien dafür, wie lax die gesellschaftliche Einstellung zum Thema „Alkohol„ ist.
Warum und wie viel haben Sie getrunken?
Ich habe vier- bis fünfmal in der Woche getrunken. Im Allgemeinen läuft mein Konsum unter der Rubrik „Alltagsalkoholismus“, so nenne ich das, und gilt als normal. Das heißt: abends in der Kneipe zwei, drei Bier, danach teilte ich mit Freunden eine Flasche Wein und wenn der Abend länger ging, bestellten wir noch ein paar Gin Tonics oder Whiskey Sours. Belastend wurde es, als ich anfing, alleine zu trinken, während ich früher nur in Gesellschaft getrunken hatte. Die Gründe waren Frust oder Traurigkeit – für mich ein Alarmsignal, mit dem Trinken aufzuhören.
Sie bezeichnen sich als Alltagsalkoholiker und Effekttrinker – im Gegensatz zu ihrem Großvater, der Alkoholiker war. Wie schmal ist der Grat?
Da widerspreche ich: Auch Alltagsalkoholiker sind Alkoholiker. Mein Körper brauchte etwa sechs Wochen, bis er vom Alkohol entgiftet war, und bis man auch psychisch wirklich weg ist, muss man schon bis zu neun Monate einplanen. Süchtig ist man nicht nur, wenn man auf der Parkbank Wein aus dem Tetra-Pak trinkt und die Hände zittern – auch Alltagstrinker sind süchtig. Die Prosecci, die vormittags im Büro getrunken werden, die Alkoholika beim Mittagessen oder die Biere abends an der Flughafenbar, das geschieht nicht nur aus Lust und Genuss, sondern auch aus Abhängigkeit. Aber man muss unterscheiden: Natürlich gibt es die Abhängigen, die keine andere Wahl haben, als in die Entzugsklinik zu gehen und komplett abstinent zu leben. Dafür gibt es prominente Beispiele wie Anthony Hopkins oder Gary Oldman, die schildern, wie sie dem Tod geweiht waren und es dank eines Entzugs schafften, trocken zu werden. Gleichzeitig werden Alkoholprobleme von Leuten aus der Mitte der Gesellschaft ignoriert, die nicht mit dem Trinken aufhören müssen, es aber dringend sollten. Unabhängig davon, ob man billigen Fusel trinkt oder an Weihnachten die Gelegenheit nutzt, um mit Champagner zwei oder drei Tage seinen Alkoholpegel hochzuhalten, abhängig ist man in beiden Fällen. Ob man beim Besuch eines Weihnachtsmarktes einige Gläser Glühwein zu viel getrunken oder im Sternelokal die Weinbegleitung genossen hat, ist egal, wenn man danach mit dem Auto in eine Polizeikontrolle gerät. Da spielt es keine Rolle, was man getrunken hat, sondern nur wieviel. Ich will damit sagen, dass es keinen „guten“ oder „bösen“ Alkohol gibt. Für unsere Gesundheit ist jeder Schluck einer zu viel. Der Übergang zwischen Alltagsalkoholismus und Alkoholkrankheit ist fließend. Bei einschneidenden Erlebnissen, wie einem Todesfall oder dem Jobverlust, kann aus einem Gelegenheitstrinker schnell ein gefährdeter Alkoholiker werden.
Vermissen Sie den Alkohol oder den Rausch?
Ich vermisse den Alkohol nicht, der schmeckte mir nie. Ich war ein Effekttrinker, ich habe den Alkohol genutzt, um einen bestimmten Pegel zu erreichen, um mich zu berauschen. Wenn man es gewohnt ist, bei euphorischen Gefühlen Alkohol zu konsumieren, fällt es schwer, ohne Alkohol euphorisch zu sein und Räusche auf andere Aspekte des Lebens zu verteilen. Es ist aber falsch, zu glauben, dass ein Rausch nur mit Alkohol möglich ist. Man kann sich an Musik berauschen, am Sport, an der Natur oder an Reisen. Ein Dirigent bei einem klassischen Konzert, ein Triathlet, der einen Iron Man absolviert oder ein Tennisspieler bei einem Match können sich in eine Ekstase versetzen, die nichts mit Alkohol zu tun hat. Man muss diese Formen von Rausch selbst für sich entdecken. Das Tolle ist: Sportliche Räusche wie das Tennisspielen sind zum Beispiel in meinem Fall viel nachhaltiger und intensiver als jeder Alkoholrausch.
Trinken sei keine Frage des Geschmacks, sondern der Männlichkeit, lautete eine Ihrer Thesen. Laufen Männer eher Gefahr, Alkoholiker zu werden?
Solche Fragestellungen sollte man, losgelöst von ideologischen Grabenkämpfen, mit Fakten beantworten. Von acht Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren, die Alkohol in riskanter Form konsumieren, sind 75 Prozent Männer. Oft handelt es sich um sehr junge Männer, auch Straftaten von Männern stehen häufig im Zusammenhang mit Alkohol. Das liegt daran, dass männliche Jugendliche Alkoholismus mit ihrer Persönlichkeit verknüpfen. Es gilt als männlich, viel vertragen zu können, Alkohol gilt als eine Form von Potenz. Wenn man in einen Club oder in eine Bar geht und Champagner-Flaschen bestellt, symbolisiert man über den Alkohol auch seine ökonomische Potenz. Viele Väter beginnen, bewusst oder unterbewusst, ihre Söhne zum Trinken zu animieren – der Vater stände blöd da, wenn er jeden Abend seinen edlen Burgunder öffnet und der Sohn ihm das Gefühl gäbe, Trinken sei ungesund. Söhne werden früh an den Alkohol herangeführt, gleichzeitig neigen Kinder dazu, Verhaltensweisen von Eltern zu kopieren. Wenn der Vater bei jedem Grillfest Bier trinkt, eifert ihm der Sohn bald nach.
Im Buch kritisieren Sie die Alkoholindustrie, die weltweit 1,2 Billionen Euro umsetzen soll. Alkoholika werden mit Spaß und Party verknüpft. Liegt der Alkoholverzicht im Trend, könnte ein Umdenken analog zum Rauchen stattfinden?
Alle Industrien, von der Lebensmittel- bis zur Autoindustrie, berichten an Aktionäre und Gesellschafter und wollen möglichst hohe Renditen erzielen. Mit Fug und Recht lässt sich über Industrien schimpfen, aber die Mechanismen bleiben. Ich könnte lange darüber referieren, wie kontraproduktiv es ist, dass Alkohol an Autobahnraststätten oder auf Skihütten verkauft wird, oder dass die Weinbrand-Fläschchen an der Supermarktkasse neben den Überraschungseiern stehen und warum Alkohol an Tankstellen rund um die Uhr verfügbar ist. Zum Thema Alkoholindustrie und den Schaden, den sie anrichtet, empfehle ich die Dokumentation „Alkohol – Der globale Rausch“ von Andreas Pichler. Am Beispiel von Nigeria wird erzählt, wie eine niederländische Großbrauerei versucht, in Europa verlorene Umsätze dort wettzumachen. Aber die Alkoholindustrie kann ich so schnell nicht verändern – mich selbst schon. Jede und jeder einzelne kann selbst entscheiden, ob und wie sie oder er Alkohol konsumiert oder nicht. Ich glaube nicht, dass ein Alkoholverzicht zur gesellschaftlichen Norm wird. Ein gewisses Umdenken hinsichtlich Fitness und Gesundheit findet eher bei globalen, gebildeten Milieus statt, ähnlich wie bei der veganen Ernährung.
Sind Sie ohne Alkohol ein glücklicher?
Der Alkoholverzicht ist kein Allheilmittel, der Tod meines Vaters war auch ohne Alkohol schmerzhaft. Aber an sechs Tagen die Woche hat die Nüchternheit nur Vorteile, mit der Einladung zur Party am Samstagabend muss man lernen, umzugehen. Nüchtern am Morgen aufzuwachen, die Klarheit, gut mit dem eigenen Leben, aber auch äußeren Faktoren wie der politischen oder digitalen Transformation zurechtzukommen, ist ein Privileg. Seit ich den Rhythmus aus nächtlichem Alkohol-Rausch und morgendlichem Kater durchbrochen habe, lebe ich glücklicher und zufriedener. Zudem geht es mir nicht nur um den Jetzt-Zustand, sondern auch um eine Perspektive. Viele Deutsche zahlen monatlich in Lebensversicherungen oder ETFs ein, um für die Rentenzeit gerüstet zu sein. Verzichten jetzt auf ein bisschen Geld, um später besser zu leben. Warum macht man das nicht auch mit seiner Gesundheit? Verzichtet öfter auf einen Rausch, lebt dafür länger. Man sollte auch mal zehn, zwanzig Jahre voraus denken, wenn man regelmäßig trinkt. Man sollte zum Jahreswechsel nicht nur an 2025, sondern auch an 2045 denken. Studien zeigen, dass bei Menschen, die regelmäßig trinken und rauchen, das Krebsrisiko um das Sechsfache ansteigt. Man kann von einem Suizid auf Raten sprechen. Das sollte man sich schon ins Bewusstsein rufen, irgendwann kommt die Abrechnung. Und ganz nebenbei: Wenn man wie ich viel in der Gastronomie getrunken hat, spart man auch einen Haufen Geld, wenn man weniger trinkt. Die Rechnungen werden günstiger, man kann sich entspannt das Rinderfilet leisten, wenn man weiß, dass nicht noch eine Flasche Wein für 40 Euro dazu kommt. Wenn man auf Alkohol verzichtet, schont man nicht nur die eigene Gesundheit, sondern auch den Geldbeutel.
Zum Autor
Felix Hutt, 1979 geboren, ist Buchautor und Investigativreporter bei RTL. Das Stilmittel des Selbstversuchs nutzt er seit Jahren für seine Reportagen, Bücher und Filme, um seine Erfahrungen für andere erlebbar zu machen. Zuvor war Hutt Reporter bei „Stern“ und „Spiegel“, für die Reportage „Die 71 Toten von Parndorf“ über die Geschichte von Flüchtlingen, die in einem versiegelten Lastwagen erstickten, erhielt er den „Europäischen Pressepreis 2017“. Der Titel eines Vorgängerbuches lautete: „Lucky Loser: Wie ich einmal versuchte, in die Tennis-Weltrangliste zu kommen – Eine Tennis-Reise um die Welt“. Hutt ist Münchner.
Lesezeichen
Felix Hutt: „Ein Mann, ein Jahr, kein Alkohol. Ein Experiment mit überraschenden Folgen“ ; Goldmann, München; 256 Seiten, 18 Euro.