Porträt
Ein halbes Jahrhundert Galeriegeschichte: Sigrid Wack in Kaiserslautern
Ein zartes Klingeln markiert den Übergang in eine andere Welt. Das kleine Glockenspiel ertönt, wenn sich die Glastür zu den lichten, weißen Galerieräumen in der Morlauterer Straße 80 öffnet. Und das wohl schon seit über einem halben Jahrhundert. So ganz genau weiß Inhaberin Sigrid Wack das Eröffnungsdatum auch nicht mehr – Zahlen und Daten sind für sie nachrangig. Denn es geht ihr in allererster Linie um die Kunst. Und um „ihre“ Künstler. Dementsprechend ungern spricht sie über sich, der Interviewer muss sich alle Mühe geben, um Persönliches hinter der überaus bescheiden und höflich auftretenden Galeristin und ihrem strengen Kunstkonzept herauszufinden.
Neben dieser sympathischen Zurückhaltung, die nicht eben typisch ist für die immer blasiertere und aufgeblasenere internationale Kunstszene, zeichnet Sigrid Wack ihre Stringenz aus: Von Anfang an hat sie sich der Konkreten Kunst verschrieben, also jener Richtung, die sich durch geometrische Konstruktionen und klare, oft monochrome Farben auszeichnet und jede inhaltliche Bedeutung ablehnt. Diese bis heute eisern durchgehaltene Konsequenz ist nicht nur im nationalen Kunstgeschehen, sondern auch im internationalen eine Seltenheit. Mit der Lupe suchen muss man Spezialgalerien wie die von Sigrid Wack, meist öffnen sich verkaufsorientierte Häuser mehreren Kunststilen und werden nicht selten zum „Gemischtwarenladen“.
Der Hang zum Einfachen
Seit ihren Jugendtagen ist die gebürtige Kaiserslautererin (Jahrgang 1941) auf Konkrete Kunst abonniert. „Sie hat mir schon immer gefallen, es ist wohl mein Hang zur Einfachheit, ich brauche nicht viel zum Leben“, kommentiert sie rückblickend. Den Bezug zur Kunst bekommt sie schon im Elternhaus, der Vater lehrt an der Meisterschule für Handwerker Fächer wie Freihandzeichnen, Konstruktion, Schrift und Gestaltung. Während des Zweiten Weltkriegs und auch noch danach prüft er seine Eleven im Wohnzimmer, eine kräftige Suppe gibt’s meist dazu, die kleine Sigrid öffnet den Schülern die Tür und bekommt einiges mit aus deren Leben und Arbeiten. Einer der besten Zöglinge des Vaters Wack ist seinerzeit übrigens ein gewisser Leo Erb, doch dazu später mehr.
Zunächst sollte Sigrid Wack den Lehrerberuf ergreifen. Sie studiert dem Wunsch der Eltern entsprechend Französisch, Spanisch und immerhin dann doch noch Kunst in Saarbrücken, Paris und Mainz und legt beide Staatsexamina ab. „Die Schüler waren ja ganz nett“, berichtet sie über ihre Referendariatszeit, „aber die Lehrer, die Schule, das war einfach nicht mein Ding.“ Die Kunst dagegen schon eher. Und so bedeutet der Besuch der Mannheimer Galerie Lauter eine Art Initialzündung für die junge Frau. „Das könnte ich auch machen. Hat was mit Kunst zu tun, und man muss keine Leute unterrichten“, blickt Sigrid Wack heute lächelnd zurück. Beigebracht hat sie sich danach alles selbst. „Ich habe es gemacht, wie ich dachte, dass es sein muss“, bekennt die Autodidaktin auf dem Galeriesektor. Dass sie nicht allzu viel falsch gemacht haben kann, beweist der weitere Werdegang.
Der Deal ist simpel
Zunächst richtet sie ihre kleine Galerie noch in einem Raum des Obergeschosses des Familienanwesens ein. Doch schon recht bald okkupiert sie die untere Etage, die drei heutigen Galerieräume, komplett. Der Deal mit dem Vater ist simpel: Von etwaigen Verkäufen zahlt sie Miete, kommt mal weniger rein, arbeitet sie diese im Haushalt ab. Mit „wohlwollender Toleranz“, könnte man die Haltung des Vaters also umschreiben.
Die Zeit der Galeriegründung fällt in die Jahre der ersten Kunstmessen. Der „Kölner Kunstmarkt“, später „Art Cologne“, eröffnet 1967 als älteste Messe. Bereits im Jahr darauf hat die junge Galeristin aus Kaiserslautern dort ihren Stand, damals noch in der mittelalterlichen Festhalle Kölns, dem Gürzenich. 1970 kommt die heute weltbedeutendste Kunstschau in Basel dazu, mit dabei seit den ersten Tagen: Sigrid Wack. Die Bewerbung sei auch damals schon schwierig gewesen, mit Mappen, Katalogen, Fotos und Programmen. Doch die Atmosphäre sei eine ganz andere gewesen.
Skandalaktionen inklusive
„Man konnte dort lachen, hatte Spaß dabei, es war Freude, es ging nur um die Kunst, eine wunderschöne Zeit“, erinnert sich Sigrid Wack. Und erzählt von „Skandalaktionen“ von Joseph Beuys, Klaus Staeck und „Konsorten“ seinerzeit in Köln, von spontanen Auftritten etwa der Trompetenklasse Karlheinz Stockhausens, von dem rheinländischen Original Ingo „Kümmelchen“ Kümmel, der damals nicht nur als Galerist, sondern auch als Spirituosenhändler das Messegeschehen mitbestimmt und zur Erheiterung beigetragen habe und vielen anderen Skurrilitäten mehr. Welch ein Kontrast zum heutigen Messetreiben unter den Vorzeichen des entfesselten Kommerzes.
Zu „ihren“ Künstlern kommt sie auf ähnlich unkonventionelle Weise. Den erst kürzlich verstorbenen Niederländer Lon Pennock habe sie in einer Warteschlange vor einem Pariser Museum kennen gelernt, der Tscheche Milan Mölser sei ihr auf der Messe aufgefallen mit „einer ungeheuren Zahl eigener Kinder, die er im Schlepptau hatte, ein irrer Typ“. Und Leo Erb, den Grandseigneur der Linie und der Farbe Weiß, den kannte sie ja bereits seit Kindertagen. Über Jahrzehnte treu blieben diese Künstler ihrer Galeristin, schwärm(t)en von der besonderen Atmosphäre ihrer Galerie, der Ausstellungen und der Messestände.
Who-is-who der Konkreten Kunst
Auch ein schwerer Autounfall anno 2000 kann ihre Passion nicht stoppen. Zwar zieht sich Sigrid Wack von den Messen sukzessive zurück, doch ihre viel beachteten, eher musealen denn verkaufsorientierten Ausstellungen führt sie beharrlich weiter. Die Liste ihrer Künstler liest sich dabei wie ein Who-is-who der Konkreten Kunst. Neben den erwähnten Pennock und Erb mit dabei im Konzert der international renommierten „Konkreten“: der Brite Alan Reynolds, der Ungar Istvan Haasz, die Deutschen Ludwig Wilding, Dieter Villinger, Edgar Gutbub, Werner Haypeter, Horst Linn oder Wolfgang Nestler. Auch die jüngere Generation ist immer mal wieder in den drei Galerieräumen vertreten: etwa der Saarbrücker Dirk Rausch oder die Triererin Doris Kaiser.
Ein waches Auge auf die aktuelle Szene, einen profunden Überblick über internationale Entwicklungen, den Fokus auf rein künstlerische Aspekte und das alles gepaart mit einer unglaublichen Lebenserfahrung als Galeristin: Sigrid Wack ist eine Ausnahmeerscheinung der Kunstwelt. Nach vielen internationalen Kunstfreunden – so erstreckt sich ihr Kundenkreis bis in die Schweiz und nach Frankreich – hat dies nun auch ihre Heimatstadt erkannt. Und so erhielt sie dieser Tage die erste Ausgabe des städtischen Kunstpreises Kaiserslautern. Eine lange fällige Würdigung, wir gratulieren herzlich.