Pfalzgeschichte(n) RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Gärtner aus Landau: Schöpfer des Gartenreichs von Hannover-Herrenhausen

Ohne Johann Christoph Wendland aus Landau wäre Niedersachsen um ein Kulturerbe ärmer: Luftbild der Herrenhäuser Gärten von Hanno
Ohne Johann Christoph Wendland aus Landau wäre Niedersachsen um ein Kulturerbe ärmer: Luftbild der Herrenhäuser Gärten von Hannover im Herbst.

Für Touristen, die nach Hannover kommen, ist der Besuch der Herrenhäuser Gärten ein absolutes Muss. Kaum aber jemand weiß, dass eine Pfälzer Familie wesentlich zum Ruhm dieser Parkanlage beigetragen hat. Der Name Johann Christoph Wendland ist in der Fachwelt ein Begriff. Geboren und aufgewachsen ist dieser Großmeister der Gartenkunst im pfälzischen Landau.

Ende des 17. Jahrhunderts wandert ein „Kunstgärtner aus Frankfort am Mayn“ mit Namen Johann Wendland in die französische Festungsstadt Landau ein. Warum er nicht in der Großstadt geblieben ist, wo schon sein Vater Gärtner war, sondern seinen Lebensunterhalt in der kleinen Festung bestritten hat, wissen wir nicht. Das Einkommen dort scheint aber doch so lukrativ gewesen zu sein, dass auch der Sohn Gärtner wurde. Johann schaffte es sogar bis zum „Hofgärtner“ beim Fürsten von Löwenstein-Wertheim, der in Landau ein umfangreiches Gut besaß. Er muss ein in der Stadt angesehener Mann gewesen sein. Mehrfach wird er als Verwalter von Stipendien genannt, mit denen das lutherische Konsistorium bedürftige Schüler der Lateinschule unterstützte.

Am 18. Juli 1755 kommt sein Sohn Johann Christoph auf die Welt. Der Junge besucht die Lateinschule, für die ja sein Vater aktiv war. Näheres wissen wir über diese Zeit nicht. „Er genoß in seiner Geburtsstadt den nötigen Elementarunterricht“, heißt es später lapidar in seinem Nachruf. Sicher hilft er im väterlichen Betrieb mit und erwirbt dort erste praktische Kenntnisse in der Botanik. Dazu gehörte selbstverständlich damals auch eine gewisse Kenntnis der Pflanzennamen.

Zur Fortbildung schickt ihn der Vater in den „Fürstlichen Lustgarten zu Carlsruhe“, der damals schon großes Ansehen genoss. Die vier Jahre in Baden unter der Leitung des damals bekannten Hofgärtners Saul in den Jahren 1772 bis 1776 waren das Sprungbrett zu Ausbildungsstationen im Hofgarten und in der Orangerie in Kassel-Wilhelmshöhe. Zwei Jahre später beginnt Johann Christoph Wendland seine Tätigkeit in den königlichen Gärten von Herrenhausen bei Hannover.

Anfänger für die Ananas

Diese Gärten waren seit dem Ende des 17. Jahrhunderts von einem königlichen Gutshof zu einer der bedeutenden Parkanlagen der Barockzeit geworden. Noch 1741 bezeichnete der berühmte Höfling Friedrichs des Großen, Baron von Pöllnitz, die Gärten „als die schönsten in Europa“. Dies war sicher etwas übertrieben, denn während der Personalunion zwischen Hannover und Großbritannien (1714-1837) wurde die Anlage nicht mehr so intensiv gepflegt.

Einerseits ging es im Garten zu Wendlands Zeiten schon recht egalitär zu. Jedermann war der Eintritt erlaubt, und nicht nur, wie in anderen Residenzen, den adligen Herrschaften. Andererseits sprach die Parkordnung von 1777 Klartext gegenüber den „gemeinen Leuten“, also den normalen Bürgern: Nach den Schwänen zu werfen oder solche auf ihren Brüteteichen zu beunruhigen, die Nachtigallen weder zu stören noch zu fangen, war bei Leibesstrafe verboten. Alles einsichtig! Aber Abstand zum Volk musste schon sein, wenn es unter den Verboten hieß: „sich der Bänke bey der großen Fontaine nur alsdann zu bedienen, wenn solche für Standes Personen oder für vornehmen Fremde nicht nöthig fallen“. In diesen wechselhaften schwierigen Zeiten kam Wendland also nach Hannover. Seine Zeugnisse müssen gut gewesen sein. Ein Jahr nach seinem Dienstbeginn 1778 nimmt der hannoversche Staatsminister Christian Ludwig von Hake, nach dem die Hackeschen Höfe in Berlin benannt sind, sein neues Amt als Leiter des Hofbau- und Gartendepartement auf und überträgt dem Anfänger Wendland schon kurz darauf die Wartung der Glashäuser und der Ananaskulturen.

Im 18. Jahrhundert neu in den herrschaftlichen Gewächshäusern Europas: die Ananaspflanze.
Im 18. Jahrhundert neu in den herrschaftlichen Gewächshäusern Europas: die Ananaspflanze.

Mann mit Fingerspitzengefühl

1493 von Kolumbus entdeckt, verbreitete sich dieses „geschmacksergötzende Wunder der Natur“ sehr schnell und wurde zum Höhepunkt der Festbankette an den Tafeln der Könige und des reichen Adels. Um 1700 trug die erste in Europa kultivierte Pflanze Frucht und ab da bemühte man sich in den großen herrschaftlichen Gärten um die Aufzucht. Abgesehen von einer hohen Lufttemperatur benötigt die Ananas auch eine Bodentemperatur von 18 Grad und braucht selbst dann noch ein Jahr, um von der Blüte zur Frucht zu werden. Die eigens dafür geschaffenen Gewächshäuser, die erst mit Pferdemist aufgefüllt, später mit Rohrsystemen versehen wurden, um die Wärme zu halten, ermöglichten schließlich erste erfolgreiche Züchtungen. In Hannover wurden die Pflanzen ab 1757 herangezogen. Wendland schuf also nichts Neues, aber sowohl Gewächshäuser als auch die Ananaspflanzen waren teuer und erforderten Fachwissen und Fingerspitzengefühl.

Nicht viel weniger empfindlich waren die Aprikosen, für deren Zucht er zuständig war. Dass er sich auch für Weinreben, die auch in nördlichen Gefilden gedeihen sollten, interessierte, mag mit seiner Landauer Vergangenheit zu tun haben. Wendland bewährte sich offensichtlich auf seinem Posten, denn nach vier Jahre, im Jahre 1784, wurde er „Erster Plantagengärtner“, und er hatte nun allein die Aufsicht über die Königlichen Gewächshäuser auf dem Berggarten. Dieser Garten wird übrigens noch heute von einem Zaun mit aufgesteckten gusseisernen Ananasfrüchten eingegrenzt.

Heidepflanzen: Wendlands Forschungsobjekt .
Heidepflanzen: Wendlands Forschungsobjekt .

Heidekraut für den König

Wendland war vielseitig begabt. Seine praktischen Erfolge beschrieb er in zahlreichen Publikationen. Die Liste ist lang und beeindruckend. Es versteht sich fast von selbst, dass er das meiste in Latein schrieb: „Hortus Herrenhusanus“, „Verzeichnis der Glas- und Treibhauspflanzen des Königlichen Berggartens zu Herrenhausen“, „Botanische Beobachtungen nebst einigen neuen Gattungen und Arten“. „Ericarum icones et descriptiones / Abbildung und Beschreibung der Heiden“ ist sein Hauptwerk, das er seinem Landesherrn „Sr. Majestät, Georg dem Dritten, König von Großbrittanien“ widmete. 25 Jahre lang, von 1798 bis 1823, hatte er daran gearbeitet. „Besondere Umstände, nebst den Kriegsunruhen“ – es war die Zeit der Napoleonischen Kriege und der Befreiungskriege – machte er für die lange Bearbeitungszeit verantwortlich. Es waren auch die Jahre, in denen die Unterhaltung so kostspieliger Gärten naturgemäß nicht mehr die erste Priorität bei den herrschaftlichen Ausgaben hatte.

Netzwerk bis Moskau

Auch für sein letztes großes Werk, die „Collectio plantarum tam exoticarum quam indigenarum“, „Sammlung ausländischer und einheimischer Pflanzen“ in lateinischer und deutscher Sprache brauchte er nicht zuletzt wegen der politischen Verhältnisse mehr als zehn Jahre. Mögen auch manche Erkenntnisse Wendlands inzwischen überholt sein, was bleibt, sind die überaus sorgfältigen Abbildungen der Pflanzen, zum großen Teil koloriert, die er alle selbst angefertigt und in Kupfer gestochen hat. Neben den genannten Großwerken erschienen aus seiner Feder noch zahlreiche Artikel in Fachzeitschriften. Wendland wurde zu einem der angesehensten botanischen Fachgelehrten seiner Zeit, und so ist zu verstehen, dass er Mitglied und Ehrenmitglied vieler in- und ausländischer gelehrter Gesellschaften und Akademien wurde. Über die lokalen und regionalen wissenschaftlichen Vereinigungen reichten seine Kontakte bis hin zur „Physisch-Medizinischen Gesellschaft“ in Moskau oder der „Pharmazeutischen Gesellschaft zu Petersburg“. Heute würden wir diese Verbindungen als Netzwerke bezeichnen.

Der Enkel züchtet Palmen

Persönliche Schicksalsschläge und Krankheiten, insbesondere die Erblindung eines Auges, machten ihm die letzten Lebensjahre schwer. Am 27. Juli 1828, also vor 195 Jahren, starb Wendland in Herrenhausen. Sein Lebenswerk wusste er in guten Händen. Sein Sohn Heinrich Ludolph, geboren 1792, studierte von 1811 bis 1814 zunächst Botanik in Wien und war anschließend von 1815 bis 1816 in den berühmten königlichen Kew Gardens in London tätig, bevor er in der Zeit von 1816 bis 1819 an der Universität Göttingen Biologie studierte. Kurz vor dem Tode seines Vaters wurde er 1827 Gartenmeister der Herrenhäuser Gärten. Von 1842 bis 1847 wurde das heute noch existierende Welfenmausoleum, in dem Mitglieder der hannoverschen Königsfamilie ihre letzte Ruhe gefunden haben, gebaut. In diesen Jahren gestaltete Wendland den umliegenden Berggarten zu seinem heutigen Aussehen. 1850 übernahm er die leitende Stelle des „Königlichen Hofgarteninspektors“, die er bis zu seinem Tode am 15. Juli 1869 innehatte.

Exotische Pflanzen wie die Pomeranze gedeihen noch heute im Berggarten von Hannover.
Exotische Pflanzen wie die Pomeranze gedeihen noch heute im Berggarten von Hannover.

Mit seinem Sohn Hermann, 1825 geboren, endet die Familientradition. Wie sein Vater bereitet sich Hermann auf seinen zukünftigen Beruf vor. Nach der Gärtnerlehre in Herrenhausen folgen Studien in Berlin, Wien und England. So kann er gut ausgebildet 1869 die Nachfolge seines Vaters als Hofgartendirektor antreten. Bei einer einjährigen Reise nach Zentralamerika 1857/1858 hatte er sich zu einem Palmenspezialist entwickelt und züchtet danach eine der weltweit größten Palmensammlungen in dem seinerzeit größten Palmenhaus Europas, das er 1879 hat errichten lassen. Nach ihm ist die Palmengattung „Wendlandiella“ benannt. Mit dieser Bezeichnung kann nur ein Fachmann oder Palmenliebhaber etwas anfangen. Ein Begriff für viele ist aber sicher das Usambara-Veilchen, das Wendland bekannt gemacht hat, und das noch in den 1960er Jahren in fast keinem deutschen Haushalt fehlte.

Ein Wendland brachte das Usambaraveilchen.
Ein Wendland brachte das Usambaraveilchen.

In der Pfalz erinnert nichts mehr an die Familie, aber 1948 wurde am Bibliothekspavillon vor dem Berggarten in den Herrenhäuser Gärten eine Bronzetafel mit den Namen der drei Männer angebracht. Und wenn schon die Werke von Johann Christoph Wendland zum „Kulturerbe Niedersachsens“ zählen, dann kann man auch in der Pfalz, wo soviel von Garten und Gartenbau die Rede ist, mit Recht an so bedeutende Vertreter ihrer Zunft erinnern.

Drei Gärtnergenerationen: Eine Bronzetafel erinnert im Herrenhauser Berggarten an die Wendlands.
Drei Gärtnergenerationen: Eine Bronzetafel erinnert im Herrenhauser Berggarten an die Wendlands.
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