Foto Fest Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Festival von Rang: 18 Häuser, 30 Künstler versammelt

Ein Haus bei Völklingen: Bild von Hans-Jürgen Burkard.
Ein Haus bei Völklingen: Bild von Hans-Jürgen Burkard.

Am Thema Fotografie kommt der Besucher der Westpfalzmetropole Kaiserslautern in diesen Tagen nicht vorbei. Allgegenwärtig ist das Medium, was schon im öffentlichen Raum am Bahnhof beginnt und im Inneren der großen Kulturinstitutionen noch lange nicht endet. Ein Streifzug, spannende Ein- und Ausblicke inklusive.

Die Euphorie war schon Tage vor dem Startschuss des ersten Internationalen Foto Fests Kaiserslautern spürbar. Unermüdlich krempelte das kleine Team um die Kuratoren Thomas Brenner und Jörg Heieck, beides selbst renommierte Fotografen, die Stadt um. Am sichtbarsten ist das seit Tagen im Stadtraum. Schon am Bahnhof empfangen den Besucher die ersten Fotowände, an Bauzäunen befestigt.

76 Projektionsflächen sind es am Ende geworden, sie finden sich verteilt quer durchs Stadtgebiet, vom Altenhof bis zur Schoenstraße und der Hochschule, vom Unionsplatz bis zum Stockhausplatz, vom Rathausvorplatz über das Pfalztheater bis vor die Pfalzgalerie. Im imposanten Großformat sind diese Arbeiten wohl die eindrücklichste Werbung für das eigentliche viertägige Festival, das noch bis Sonntag dauert. Durchaus mit Hintersinn sind dabei die Leinwände gestellt: So prangen die Ansichten des Alten Prag, die der Ludwigshafener Günther Wilhelm in der Uralttechnik der Cyanotypie fertigte, vor der historischen Villa Munzinger gleich neben dem Pfalztheater. Und ausgerechnet vor der Handwerkskammer findet sich jene bekannte Aufnahme des Stern- und Geo-Fotografen Hans-Jürgen Burkard wieder, die ein zur Hälfte mit weihnachtlichem Schnickschnack vollgepflastertes Doppelhaus zeigt.

Zweite Heimat neu entdeckt

Doch auch in den Innenräumen der beteiligten Institutionen wuchs bereits Tage vor der offiziellen Eröffnung am Donnerstagabend die Zahl der Ausstellungen stetig. So entdeckte mancher Kneipengänger seine zweite Heimat auf einmal neu, etwa im Benderhof, in dem die Arbeiten der Bremer Fotografin Magdalena Stengel zu sehen sind, oder im Glockencafé, in dem die eindrücklichen Bilder des Kaiserslauterer Altmeisters Hans Günther Hausen die Wände zieren. Und so wundert es nicht, dass ein Drittel der zwölf Vernissagen des Festivals bereits am Tag vor der offiziellen Eröffnung stattfand.

Auf insgesamt 18 Veranstaltungsorte bringt es die Erstausgabe des Festivals, deren weitere Folgen von den Kuratoren im Zweijahresrhythmus angedacht sind. 30 Fotokünstler zeigen dabei ihre Arbeiten, der Kontakt kam wesentlich über die bestens vernetzten Kuratoren Heieck und Brenner zustande, die mit ihren eigenen Bildern selbst nicht präsent sind. Obwohl beide im Hinblick auf die zwei Leitlinien des Festivals, Blick nach Osteuropa und (regionale) Identität, eindrückliche Fotos hätten beisteuern können.

Helden des Alltags

Der Blick gen Osten – ganz dem Kultursommermotto folgend – beginnt schon bei der Auswahl der Künstler. Tschechische, polnische, ukrainische und russische Fotografen sind vereinigt. Einen Schwerpunkt bildet dabei das Museum Pfalzgalerie, das in einem freigeräumten Flügel des Erdgeschosses unter anderem den tschechischen Altmeister Jindrich Streit präsentiert. Der als Henri Cartier-Bresson des Ostens gehandelte Streit zeigt auf seinen Schwarz-Weiß-Fotos Menschen in der Zeit des Kalten Krieges, von der Bäuerin bis zum Soldaten, vom Pfarrer bis zum Hobbyzauberer. Charakteristisch ist dabei der Humor, der in den Szenen immer wieder durchblitzt.

Streits Bildern zur Seite stehen die Arbeiten von Alexander Chekmenev, der unlängst durch seine Selenskyj-Porträts für das Time-Magazin international bekannt wurde. In der Pfalzgalerie zeigt er Ansichten von Menschen in Kiew, vom Krieg gezeichnet und für ihn „die eigentlichen Helden, da sie die Stadt sichern“, wie er in einer ergreifenden Rede bei der Eröffnung im Museum berichtete. „Meine Waffe ist die Kamera, und die schießt weiter als eine Kalaschnikow, tötet aber niemanden“, kommentierte er sein Engagement. Die beiden Positionen des Tschechen David Tesinsky, der den Krim-Krieg vor sieben Jahren dokumentierte, und der Dortmunderin Edith Geuppert, die unter anderem die Air Base Ramstein fotografierte, komplettieren diese museale Präsentation mit dem Roten Faden des Kriegsthemas.

Zugpferde im Kulturzentrum

Dass ausgerechnet dieser Teil des Ausstellungsmarathons erst am Eröffnungstag fertig wurde, weil die Druckqualität der Fotos zuvor nicht ausreichte, zeigt den hohen Anspruch der Festivalorganisatoren ebenso wie den zeitlichen Druck, unter dem das kleine Team arbeiten musste. Sechs Monate Vorlauf scheinen für ein Vorhaben dieser Größenordnung ebenso ambitioniert wie ein Gesamtbudget im mittleren fünfstelligen Bereich.

Dass immerhin dieses zusammenkam, ist Kulturzentrumschef Richard Müller zu verdanken. In seinem Haus findet das Festival zudem sein Zentrum mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Konzerten. Beeindruckend sind aber auch die Präsentationen in den Räumlichkeiten der Kammgarn. Neben den kontrastreichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen des Russen Fyodor Telkov (Foyer) und des inzwischen in Offenbach lebenden, gebürtigen Tschechen René Spalek (Cotton Club) sowie den farbenfrohen Menschenbildern des Neckargemünders Norbert Becke (Innenhof), stechen vor allem die Präsentationen zweier Zugpferde des Festivals ins Auge: Der gebürtige Ludwigshafener Wolfgang Zurborn zeigt in der Turbine in teils überwältigendem Großformat Straßenszenen seiner Serie „Crowds“. Und erwähnter Stern- und Geo-Fotograf Hans-Jürgen Burkard demonstriert im Schreinereitrakt des Kulturzentrums den Facettenreichtum seiner Arbeit vom Porträt über die Straßenszene bis zur Reportagefotografie – deutliche politische Aussagen oftmals inklusive, etwa wo es um gestrandete Wale, Fixer auf den Straßen Frankfurts oder Demonstrationen in Moskau geht.

Eisenbahnstraße in Ägypten

Ist alleine Burkards Ausstellungsteil einen eigenen Besuch wert, so gilt das für die meisten Präsentationen des Foto Fests, auch in den zahlreichen Off-Locations. Erwähnt sei hier stellvertretend nur das Kunstlager in der Eisenbahnstraße. In dem Ladenleerstand, der sonst von der Künstlerwerkgemeinschaft bespielt wird, kuratierte der Ägypter Hamdy Reda eine Schau mit drei Landsleuten. Und so gibt es dort neben Redas eigenen Arbeiten die des Kairoers Nabil Boutros zu entdecken: Er stellt fotografisch die durchaus provokante Frage, warum eigentlich in islamischen Ländern Männer keine Kopftücher tragen.

Reicht selbst ein Wochenende wohl kaum aus, das Festival in Gänze zu erkunden, so gibt es eine gute Nachricht für alle, die sich intensiver damit auseinandersetzen wollen, respektive noch keine Zeit dazu hatten. Die meisten Ausstellungen sind bis Mitte Oktober zu sehen, die Kunst im öffentlichen Raum steht noch bis 10. Oktober als Botschafter eines Festivals von internationalem Rang.

Infos...

... zum Foto Fest unter www.foto-fest.com.

Aus der Serie „Citizens of Kyiv“: Aufnahme von Alexander Chekmenev.
Aus der Serie »Citizens of Kyiv«: Aufnahme von Alexander Chekmenev.
Ein Kopftuch für Männer? Arbeit von Nabil Boutros.
Ein Kopftuch für Männer? Arbeit von Nabil Boutros.
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