Kinofilm der Woche
Ein fast zärtlicher Skandalfilm: „Truly Naked“
Auf der diesjährigen Berlinale kochte die Gerüchteküche: Das Schlagwort „Skandal“ machte die Runde. Dem Interesse des Festivalpublikums an der Uraufführung von „Truly Naked“ in der Festspiel-Sektion „Perspectives 2026“ hat das sicher nicht geschadet. Doch aufgeputschte Sensationsgier wird dem ersten abendfüllenden Spielfilm der niederländisch-britisch-US-amerikanischen Autorin und Regisseurin Muriel d’Ansembourg absolut nicht gerecht. Sie setzt zwar gelegentlich auf provozierende Szenen. Aber die dienen nie der Befriedigung spekulativer Gelüste. Sie zeigen vielmehr deutlich einige der Schattenseiten der Pornoindustrie. Für sensible Menschen sind einige Szenen vermutlich nur schwer auszuhalten. Allerdings stärkt die Deutlichkeit der Darstellung die subtile Kritik des Films an der auf Maximalprofit erpichten Vermarktung sexueller Aktivitäten.
Sexmit Spaß? Nein gar nicht
In dieses Geschäft ist der minderjährige Alec (Caolán O'Gorman) aktiv involviert. Der recht schüchtern wirkende Knabe führt die Kamera für die Filme seines Vaters Dylan (Andrew Howard). Das läuft schon länger und war wohl lange Zeit recht lukrativ. Inzwischen sind die Nutzer von Dylans in erster Linie auf ihn selbst ausgerichteten Videos allerdings weniger geworden. Der Profit hat sich verringert. Die Arbeit ist dementsprechend anstrengend. Dabei hat Sex mit Spaß nichts zu tun. Der Halbwüchsige nimmt’s, wie es ist, denkt nicht weiter darüber nach. Dann aber kommt er seiner Mitschülerin Nina (Safiya Benaddi) näher. Sie hat einen explizit feministischen Blick auf die bürgerliche Gesellschaft. Dadurch lernt der junge Mann nicht nur das ihm bisher fremdes Alphabet der intimen Körpersprache, sondern erkennt auch Möglichkeiten und Chancen einer differenzierten Sicht auf die Welt.
Die Filmerzählung setzt geschickt auf eine emotionale Verbindung des Publikums mit der Hauptfigur. Immer dicht dran, lernt man mit Alex mit, weitet sich der eigene Blick wie der des Teenagers mit Fortschreiten der Handlung immer mehr.
Zwischen Abgebrühtheit und stiller Scheu
Der aus Nordirland stammende Caolán O'Gorman fesselt dank einer überzeugenden Präsenz in seiner ersten Hauptrolle sofort. Man glaubt ihm das anfangs dominierende Schwanken zwischen scheinbarer Abgebrühtheit und stiller Scheu ohne Wenn und Aber. Ihm gehören alle Sympathien. Drum macht man sich den Lernprozess des von ihm verkörperten Alec auch umstandslos zu eigen. Nicht minder überzeugend: die Engländerin Safiya Benaddi im Part der Nina. Trotz der Härte der Story gelingt es den beiden, im Zusammenspiel einige romantische Funken zu zünden.
Der körperlichen und seelischen Ausbeutung insbesondere vieler Frauen in der Porno-Industrie wird eine eindeutige Absage erteilt. Doch das passiert klugerweise nicht vordergründig. Deutlich wird auch, dass es Protagonistinnen gibt, die selbstbewusst und selbstbestimmt vor der Kamera agieren. Es zeigt sich, dass Kritik nicht lautstark herausposaunt werden muss. Wer Augen und Ohren und einen offenen Geist hat, nimmt sie auch so wahr. Die Geschichte von der Schwierigkeit, nicht nur äußerlich erwachsen zu werden, sondern auch innerlich zu reifen, punktet vor allem mit einer schönen Leichtigkeit. Gelegentlich wird es sogar komisch. Etwa dann, wenn ausgerechnet Alec und Nina in der Schule einen Vortrag über Online-Pornosucht halten sollen. Die entscheidende Wirkung allerdings geht davon aus, wie hier die Kraft der Zärtlichkeit, der kleinen Gesten, des sanften Streichelns und Küssens, gefeiert wird. Die niederländische Kamerafrau Myrthe Mosterman hat das überwiegend mit der Handkamera eingefangen. Damit kommt sie den Handelnden oft sehr nah. Aber entblößt wird niemand.