Pfalzgeschichte(N) RHEINPFALZ Plus Artikel Ein (fast) vergessener Pionier des Natur- und Landschaftsschutzes: Theodor Künkele

Der Bienwald: Hier verlebt die junge Försterfamilie Künkele vor dem Ersten Weltkrieg ihre schönsten Jahre.
Der Bienwald: Hier verlebt die junge Försterfamilie Künkele vor dem Ersten Weltkrieg ihre schönsten Jahre.

Der Vater ist Gerbermeister in Annweiler. Der Sohn macht sich um das Forstwesen seiner pfälzischen Heimat verdient. Er steigt weit auf im bayerischen Forstdienst in München. Vor allem aber setzt sich Theodor Künkele schon früh ein für den Schutz von Landschaft, Tier- und Pflanzenwelt. Ein Lebenslauf zwischen Wald und Politik.

Vieles von dem, was Theodor Künkele geschrieben hat, erscheint uns angesichts von Klimawandel und beschleunigtem Artensterben hochaktuell. Nach seinem Tod 1970 wird er ein wenig vergessen. Dabei verdient es alle Aufmerksamkeit.

Aus dem beschaulichen Annweiler, wo Theodor Künkele am 31. Juli 1876 geboren wird, führt ihn der Weg nach dem Besuch des Landauer Gymnasiums über die forstliche Hochschule in Aschaffenburg 1897 zum Studium der Forstwissenschaften an die Münchener Universität. Der Pfälzer ist fasziniert vom kulturellen Glanz der bayerischen Metropole, die in der Prinzregentenzeit besonders hell leuchtet. Zu Künkeles schönsten Erinnerungen an diese Zeit gehörten neben dem Besuch von Kunstsammlungen, Theatern und Konzerten auch mehrere forstbotanische Exkursionen.

Die ausgedehnteste führt nach Südtirol und zum Gardasee. In Verona teilt sich die Gruppe damals: Die betuchteren Kommilitonen nutzten die Gelegenheit zu einer Fahrt nach Venedig, während die anderen, darunter Künkele, in Bozen mit einem großartigen Alpenglühen der Dolomiten entschädigt werden. Mit den Gepflogenheiten des Corpsstudententums kann Künkele sich jedoch nicht anfreunden; der allabendliche Trinkzwang stößt den jungen Mann ebenso ab wie die studentische Art der Austragung von Ehrenhändeln, die ihm „sinnlos und lächerlich“ erscheint.

Nach Abschluss des Studiums tritt der 23-Jährige am 1. Oktober 1899 den Wehrdienst an. Er entscheidet sich gegen den Eintritt in eines der Landauer Regimenter, weil er das damals deutsche Elsass und seine Hauptstadt Straßburg besser kennenlernen will. Die Rechnung geht nicht auf. Die militärische Ausbildung in einem preußischen Infanterieregiment empfindet der Pfälzer als sehr hart, für die angestrebte Erkundung von Land und Leuten bleibt keine Zeit.

Familienidyll im Bienwald

Nach der Entlassung aus dem Militär beginnt der Vorbereitungsdienst im heimatlichen Annweiler; es folgen Stationen im Holzhauerdörfchen Waldleiningen, im nordpfälzischen Winnweiler und schließlich in der Bezirkshauptstadt Speyer. Im Herbst 1903 schließt Künkele bei der „Großen Staatsprüfung“ in München als bester von 51 Kandidaten ab.

Dem väterlichen Rat folgend, seine Braut im Bekanntenkreis der Eltern zu suchen, vermählt sich Künkele 1907 mit Emmy, der Tochter des Landauer Kaufmanns und stellvertretenden Bürgermeisters Friedrich Heilsberg. Von 1909 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges wirkt er als Forstamtmann im Bienwald. Im idyllisch gelegenen Forsthaus Langenberg verbringt die junge Familie ihre schönsten Jahre, wie er rückblickend feststellt.

Das Hauptgebäude stammt noch aus der bischöflichen Zeit, als der Bienwald Honig und Wachs für die Geistlichkeit lieferte. Ein tiefer Brunnen im Hof liefert das Trinkwasser; im Gemäuer der etwas abseits stehenden Waschküche lebt eine Ringelnatter als Hausgenossin. Neben einem Vorstehhund hält die Familie zur Freude der fünf Kinder zeitweise ein Reh.

Das Forsthaus-Idyll endete mit dem Ausbruch des Weltkrieges im Sommer 1914. Im Kriegsjahr 1916 wird er in Abwesenheit zum Amtsvorstand in Elmstein befördert. Seine Hoffnung, vom Kriegsdienst beurlaubt zu werden, erfüllt sich nicht. Erst im November 1918 tritt er die Stelle an. Nach nur zehn Monaten wird er abermals befördert: zum Oberregierungsforstrat in Speyer.

Als Sachbearbeiter für Waldbau und Betriebsregelung erkennt Künkele rasch, dass die damals geltenden, fast ein halbes Jahrhundert alten allgemeinen Richtlinien für den Waldbau im Buntsandsteingebiet einer grundlegenden Neubearbeitung bedürfen. Das fertige Werk umfasst schließlich etwa 100 Druckseiten und geht 1925 allen bayerischen Forstämtern, sämtlichen deutschen Hochschulen mit forstlichen Abteilungen und allen deutschen Forstministerialstellen zu. Es bildet für Jahrzehnte die Grundlage des Waldbaus im Pfälzerwald.

Maßgeblichen Anteil hat Künkele auch 1921 an der Neugründung des „Pfälzischen Vereins für Naturkunde und Naturschutz Pollichia“. Der „Naturwissenschaftliche Verein Pollichia“ hat zwar seit 1840 ununterbrochen bestanden, zuletzt aber auf den engeren Bereich um Bad Dürkheim und Neustadt beschränkt. Künkele und der Speyerer Museumsdirektor Friedrich Sprater regen die neue Aktivität an, um das Heimatbewusstsein der Pfälzer zu stärken und so den von den französischer Besatzern unterstützten separatistischen Tendenzen entgegenzuwirken. Von 1921 bis 1923 leitet Künkele den neuen Verein, tritt damit gewissermaßen in die Fußstapfen seines Großvaters Theodor Gümbel, der zu den Gründern der „Pollichia“ gehörte und in den 1850er Jahren deren Vorsitzender war.

Gegen Frankreichs Forstregie

Am 24. Januar 1923 wird Künkele wegen Widerstandes gegen die französische Besatzungsmacht jedoch verhaftet und aus der Pfalz ausgewiesen. Wegen eines Rückstandes der deutschen Reparationsleistungen waren Franzosen und Belgier Anfang des Jahres ins Ruhrgebiet einmarschiert und hatten neben den Bergwerken und Zöllen auch die Staatswaldungen als „produktive Pfänder“ beschlagnahmt. Die Zusammenarbeit mit der französischen „Forstregie“ hatte Künkele schlichtweg verweigert.

Der Ausgewiesene meldet sich in München und wird dort sofort als Vertreter der Ministerialforstabteilung in den neugegründeten „Pfalzausschuss“ der bayerischen Ministerien abgeordnet. Von München aus ist freilich nicht zu verhindern, dass die Besatzungsmacht große Mengen von Holz in Waldbeständen bester Sortimente beschlagnahmt und verkauft. In den pfälzischen Staatswaldungen beginnen umfangreiche Fällungen, ohne dass die bayerische Staatsforstverwaltung als rechtmäßige Eigentümerin auch nur informiert worden wäre. Unter dem Druck seiner Verbündeten muss Frankreich nach einer im August 1924 in London abgehaltenen Konferenz seine Politik ändern.

In diese Zeit fallen Künkeles erste Initiativen im Bereich des Naturschutzes. Insbesondere seine Bemühungen um den forstlichen Vogelschutz sind erfolgreich; der junge württembergische Forstmann Henze, den Künkele zum Leiter der staatlichen Vogelschutzwarte in Garmisch berufen hat, erweist sich als erstklassige Besetzung; die von ihm verfasste Schrift „Vogelschutz in der Forstwirtschaft“ bleibt lange das Standardwerk zum Thema.

Schon früh hat Künkele auch die Bedeutung der Presse für Außenwirkung und Förderung des Forstwesens erkannt, und so begrüßt er es, dass 1924 auch das forstliche Pressewesen seinem Referat zugewiesen wird. In der Folge redigiert er die verschiedenen Teile des umfangreichen Werkes „Forstverwaltung Bayerns“, dessen Erscheinen sich über mehrere Jahrzehnte hinzieht.

Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten hat Künkele zunächst begrüßt, am 1. April 1933 tritt er in die NSDAP ein. Rückblickend begründet er diesen Schritt so: „Auch ich hatte mich 1933 offen zum ,Umbruch’ bekannt in der (damals von vielen opferwilligen Beamten vertretenen) Meinung, man habe die Pflicht, durch persönlichen Einfluss die ,Bewegung’ in guten Bahnen zu halten. Als wir endlich nicht nur die Gestalten um Hitler, sondern auch ihn selbst durchschauen konnten, war es zum Rücktritt zu spät. (…) Somit blieb mir wie allen anderen anfangs Gutgläubigen, dauernd Gutwilligen nur das Eine übrig, nämlich dass wir die Möglichkeiten unserer Stellung im Beruf und als eingeschriebene Parteigenossen dazu benutzten, Unrecht und Unglück zwar im Stillen, aber nach Kräften zu verhüten oder zu lindern.“

Gegen Gauleiter-Willkür

Dazu gibt es manche Gelegenheit. So setzt Künkele gegen die ausdrückliche Weisung aus dem Reichforstamt wiederholt die Zulassung ehemaliger Klosterschüler für den höheren Forstdienst durch; für die kirchenfeindlichen Nationalsozialisten eigentlich ein Ausschlusskriterium. Ähnlich gelagert ist der Fall des Anwärters für den Staatsforst-Verwaltungsdienst Peter Schulz. Aus einer einfachen Bergmannsfamilie stammend, hat dieser das Abitur für das Forststudium in nur zwei Jahren nachgeholt und kann als bestens qualifiziert gelten. Der saarpfälzische Gauleiter Bürckel erhebt jedoch Einspruch gegen die Zulassung: Schulz’ Brüder sind als aktive Gegner des Nationalsozialismus bekannt. Künkele wendet sich direkt an den bayerischen Ministerpräsidenten Siebert, der schließlich zugelassene Saarländer bewährt sich hervorragend, und fällt später im Zweiten Weltkrieg.

Zu einer Zeit, als der Gedanke des Schutzes gefährdeter, aber erhaltungswürdiger Naturdenkmale oder ganzer Landschaften noch kaum ins öffentliche Bewusstsein gedrungen ist, wirbt Künkele bereits für Vogel- und Pflanzenschutz. Seit den 1920er Jahren arbeitet er im „Bund Naturschutz in Bayern“ mit, dessen Leitung er 1934 übernimmt. Neben einer bedeutenden Erhöhung der Mitgliederzahl erreicht er die Schaffung mehrerer Naturschutzgebiete sowie die Unterschutzstellung zahlreicher Naturdenkmale.

Daneben liegt Künkele auch die Erhaltung von Kulturgütern am Herzen. Ein besonderes Anliegen ist ihm die Wiederherstellung der Burgruine Trifels. Schon in den 1920er-Jahren versucht er, ohne Folgen, den Maler Max Slevogt für sein Vorhaben zu gewinnen. Die Pläne greift er wieder auf, als im Winter 1935 ein Antrag der Regierung der Pfalz auf einen Kostenzuschuss für die Sicherung der baufällig gewordenen Burg auf seinem Schreibtisch landet. Da der bayerische Ministerpräsident Ludwig Siebert ebenfalls Pfälzer ist, rechnet Künkele mit dessen Unterstützung und trägt ihm seine Auffassung vor, dass die ehrwürdige Ruine mehr als jedes andere historische Bauwerk eine besonders fürsorgliche Betreuung verdiene. Tatsächlich greift Siebert die Idee auf. Als der Ministerpräsident dann 1938 Annweiler und den Trifels besucht und sich von Architekt Rudolf Esterer den Fortgang der Bauarbeiten zum „Reichsehrenmal“ erläutern lässt, empfindet sich Künkele als eigentlicher Initiator dieses denkmalpflegerischen Großprojektes.

Die Jahre des Zweiten Weltkrieges sind für Künkele und seine Frau eine Zeit schwerer Sorge vor allem um die vier in der Wehrmacht kämpfenden Söhne. Zwei kehren nicht mehr zurück. Die Münchener Wohnung wird bei einem Luftangriff völlig zerstört. Bei einem befreundeten Forstmeister in Garmisch findet die Familie über das Kriegsende hinaus Unterschlupf.

Die entbehrungsreichen Nachkriegsjahre enden mit der Übersiedlung von Garmisch nach Landau im Januar 1949. Kaum ist der nun 73-Jährige in die Pfalz zurückgekehrt, schlägt man ihm vor, für die bevorstehende 1949er Jahres-Wander-Ausstellung des Südwestdeutschen Gartenbauverbandes, die Süwega, einen forstlichen Teil aufzubauen. Eine große Herausforderung, zumal bis zur Ausstellungseröffnung nur noch drei Monate Zeit bleiben. Glücklicherweise verfügt Künkele über einschlägige Erfahrungen, hat er doch schon 1911 für die Pfälzische Forstausstellung in Landau und später für die große bayerische Forstausstellung in Nürnberg Teilbereiche gestaltet. So gelingt es ihm trotz aller Beschränkungen, eine Ausstellung zu erarbeiten, die die gesamte Vielfalt des Forstwesens abbildet.

Wald und Garten in Landau

Themenfelder wie der Landauer Stadtwald, der Bodenrückgang in den Gemeindewaldungen, die Wiederaufforstung, der Borkenkäfer oder der Vogelschutz im Wald sind ebenso vertreten wie die Verknüpfung des Forstwesens mit Ackerbau, Weinbau und Gartenbau, das Waldklima, die Tiere des Waldes und, nicht zuletzt, die Bedeutung des Waldes für den Menschen. Insgesamt, so bilanziert er in seinen Erinnerungen, war die Tätigkeit für die Süwega ein schöner und befriedigender Beginn seines „Ruhestandes“ in der heimatlichen Pfalz.

Dem „Bund Naturschutz in Bayern“ bleibt Künkele auch von der Pfalz aus verbunden. Im August 1950 nimmt er eine Einladung nach München zum Deutschen Naturschutztag an, wo man ihn als Pionier des Naturschutzgedankens würdigt. Auf der Jahrestagung der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald 1954 verleiht ihm Bundespräsident Theodor Heuss, mit dem er über seine Mutter entfernt verwandt ist, die Ehrennadel der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald in Gold.

Fast drei Jahrzehnte nach seiner Vertreibung aus der Pfalz übernimmt Künkele 1952 abermals das Amt des Ersten Vorsitzenden des „Pfälzischen Vereins für Naturkunde und Naturschutz Pollichia“, das er bereits von 1921 bis 1923 ausgeübt hat. In erstaunlich kurzer Zeit gelingt es ihm, die Pollichia in der Zahl der Mitglieder und in ihrer Bedeutung für die Region auf die frühere Höhe zurückzuführen, so dass er den Vorsitz bereits 1954 in jüngere Hände übergeben kann. Schriftleiter des Jahrbuches mit seinen naturwissenschaftlichen Forschungsarbeiten aus der Pfalz bleibt er bis 1957.

Im Septemberheft 1922 der Zeitschrift „Pfälzer Museum – Pfälzer Heimatkunde“ hat Künkele „das Fehlen eines natürlichen Sammel- und Ausstrahlungspunktes in der heutigen Pfalz“ beklagt. Damit gehört er zu den Initiatoren der 1925 erfolgten Gründung der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, die für die Pfalz und ihr Geistesleben die Funktion einer Akademie der Wissenschaften erfüllt, am meisten auf dem von ihr besonders gepflegten Gebiet der Heimatgeschichte. Da die Gründung in Künkeles Münchener Zeit fällt, kann er zunächst nur „korrespondierendes Mitglied“ werden. Nach seiner Rückkehr in die Pfalz wählt man ihn zum ordentlichen Mitglied, 1955 zum Mitglied des Leitungsausschusses und im Jahr darauf zum Ehrenmitglied. Das ihm 1956 angetragene Amt des Präsidenten der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften lehnt der mittlerweile Achtzigjährige aus Altersgründen ab. Als er am 4. April 1970 im 94. Lebensjahr stirbt, endet das außergewöhnlich erfüllte und arbeitsreiche Leben eines profilierten Naturwissenschaftlers, Naturschützers und Forstmannes, der sich über Jahrzehnte hinweg um seine Heimat verdient gemacht hat.

Forstmann und Förderer der Wissenschaften: Theodor Künkele.
Forstmann und Förderer der Wissenschaften: Theodor Künkele.
Annweiler um 1900.
Annweiler um 1900.
Annweiler und die Queich zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Annweiler und die Queich zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Sahlstich des Trifels vor seinem Wiederaufbau in den 1930er-Jahren.
Sahlstich des Trifels vor seinem Wiederaufbau in den 1930er-Jahren.
Eng verbunden ist der Name Künkele auch mit der Geschichte der Pollichia.
Eng verbunden ist der Name Künkele auch mit der Geschichte der Pollichia.
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