Mythos Alltag RHEINPFALZ Plus Artikel Egotrip Einfamilienhaus: Gibt es ein Recht nur für sich zu bauen?

In den Himmel gehoben: Glücksversprechen Einfamilienhaus.
In den Himmel gehoben: Glücksversprechen Einfamilienhaus.

Der Sehnsuchtsort der Deutschen ist das eigene Häuschen für die Familie. Ein Heilsversprechen, eine Allmachtsfantasie. Jetzt hat in Hamburg ein Grüner Bezirksamtsleiter den Neubau von Einfamilienhäusern in seinem Gebiet verboten. Großer Aufschrei. Ist das der Anfang vom Ende einer selig geliebten Wohnform?

Ein Mythos? Das Einfamilienhaus? Schon. Punktgenau beschreibt der Bedeutungs-hallende Begriff die träumerische Aura der Wohnform. Die Allmachtsfantasien, die sich darum ranken wie die Kletterhortensien im Vorgarten. Das Einfamilienhaus ist für viele das letzte Terrain des Selbst. Eine Art „Mutterleib“, wie der Psychologe Mathias Hirsch meint. Von mir aus, ein „Safe Space“, die nüchterne, zeitgenössischere Umschreibungsvariante. Eine Sicherheitskapsel also, am Besten im Neubaugebiet einer Klein- oder Vorstadt angesiedelt, mit schnellem Internet und Autobahnanschluss, Zaun zum Nachbarn. So ungefähr. Eine Art Bullerbü 2.1. Ein Sehnsuchtsort, den die Pandemie weiter überhöht hat. Noch weiter, gilt das Einfamilienhaus doch seit je als Zeichen, dass man es geschafft hat. Als Selbstverwirklichungsziel per se – auch wenn im Endeffekt ein genormtes Fertighaus dabei herauskommt.

Der Anteil dieses Typs Vorgebaut an allen genehmigten Neubauten liegt etwa in Baden-Württemberg bei fast 37 Prozent. Ein großer Rest dürfte sich Bauträgermodellen verdanken, Reihenhäusern, Doppelhaushälften, Immobilien, bei denen es eher um Rendite (durchschnittlich 20 Prozent) als um einen personalisierten Zuschnitt geht.

Feine Unterschiede

Dazu sieht man, sagen wir es so, auch Geschmacks-unsicher zusammengeerkerte „Traumhäuser“ stehen. Und ja, wenige, Exemplare im Luxussegment, die dann beim Tag der Architektur vorgestellt werden. Das heißt, wenn sie nicht zwecks diskreter Neidvermeidung bewusst doch lieber verschlossen bleiben. Die rote Leuchte der Alarmanlage von außen gut sichtbar. Es ist doch so, dass sich gerade beim Hausbau die unfeinen sozialen Unterschiede der streng etwa zwischen Erbinnen (eher Eigentümer) und Nichterben (eher Mieter) segregierten Gesellschaft krass zeigen.

Über 80 Prozent der Wohngebäude in Deutschland sind Einfamilienhäuser, aber nur 30 Prozent der Haushalte besitzt auch eins davon. Kein Wunder, wer in Frankenthal, Landau, in Bad Dürkheim bauen oder kaufen möchte, vielleicht sogar im Speckgürtel oder – wie verstiegen – in einer der bevorzugten Lagen einer Metropole wie München, Stuttgart oder Hamburg, bei dem dürfte das im Zweifelsfall sehr spitz auf Messers Schneide oder gar nicht funktionieren. Zumindest wenn man im Herkunftsroulette leer ausgegangen und auf Einkünfte aus Erwerbsarbeit angewiesen ist. Trotzdem oder gerade deswegen hat das Einfamilienhaus sich den Nimbus als „gelobtes Aufstiegsversprechen“ bewahrt, von dem der Journalist und Neu-Hausbesitzer Fréderic Schwilden vor Kurzem in einem Text in der „Welt“ schrieb.

Das eigene Einfamilienhaus heißt es ganz erfüllt von Besitzerstolz, sei eine „Erinnerung daran, dass es sich lohnt, morgens aufzustehen“. Es sei „der Mittelpunkt der Mündigkeit“ gar, Gebühren für Müll und Niederschlagswasser inklusive. Vielleicht muss man wissen, dass diese „My home is my castle“-Apologie aus einem Affektzusammenhang geschrieben wurde. Als Reaktion darauf, dass der Bezirksamtsleiter von Hamburg-Nord, der Grüne Werner Boelz, verfügt hat, in seinem Zuständigkeitsgebiet in Zukunft keine Einfamilienhäuser mehr zuzulassen. In Stadtteilen wie Fuhlsbüttel und Langenhorn – der ehemaligen Doppelhausresidenz von Bundeskanzler Helmut Schmidt – sind die Bebauungspläne dementsprechend bereits geändert worden. „Wir müssen höher bauen, um mehr Menschen unterzukriegen“, wird Boelz zitiert. Der postwendende Aufschrei, riesengroß.

Droht der Plattenbau?

Die Grünen wollten die Bevölkerung – DDR-like – in Plattenbauten treiben, hieß es daraufhin im „Spiegel“. In „Fickzellen mit Fernheizung“, wie der Dramatiker Heiner Müller die Mehrfamilienunterkünfte nannte. Und das obwohl der Hamburger Beschluss nur für ein fast ländliches Gebiet gilt, 16 Kilometer von der Elbphilharmonie entfernt, was nicht so weit weg ist von der City für eine Großstadt mit fast zwei Millionen Einwohnern.

Was der Bezirkschef meinte, waren außerdem eher keine Plattenbauten, sondern, dass sich Baugruppen zusammenschließen und Mehr-Generationen-Häuser entstehen sollten. Er meinte guten Geschosswohnungsbau, auch für Normalverdiener als Eigentümer oder Vermieter bezahlbar. In dem Dreh. Außerdem steht das alles schon so in der Hamburger Regierungs-Koalitionsvereinbarung, die Grüne und SPD 2019 verabschiedet haben. Wortwörtlich: „In neuen Bebauungsplänen werden keine Einfamilienhäuser mehr ausgewiesen.“

Was stimmt, ist, die Partei von Annalena Baerbock und Robert Habeck zählt nicht zu den Fans des Bautyps, na ja, Egomanie. Während ihn die CDU, SPD und die FDP sowieso – ob aus Opportunität oder Überzeugung – mit Instrumenten wie der Pendlerpauschale weiter forcieren, deren Kosten dann alle tragen. Die städtische Mietbevölkerung durch die Emissionsbelastung durch die Einpendler doppelt. Die Grünen jedenfalls haben gute Gründe.

56 Hektar Land, Tag für Tag

„Einfamilienhäuser“, heißt es im „Bauwende“-Beschluss ihrer Bundesdelegiertenkonferenz zum nachhaltigen Bauen aus dem November 2019, „verbrauchen besonders viele Ressourcen, da im Vergleich zum Mehrfamilienhaus der Außenhautanteil sehr groß ist, zudem verschleißen sie extrem viel Bauland. Immer neue Einfamilienhausgebiete auf der grünen Wiese treiben den Flächenverbrauch weiter an und führen vielerorts gleichzeitig zu leerfallenden und öden Ortskernen“ Alles Tatsachen, die allerdings beim Gros der vom Hausbau beseelten Wählerinnen und Wähler nicht so verfangen dürften. Mutmaßlich auch nicht bei der Grünen Klischee-Klientel, vegan und mit SUV, der im Car-Port vor einem familiären Niedrigenergiehaus in, sagen wir, Neustadt-Hambach parkt. Die Rückseite dieses schönen Wohnens indes ist, dass in Deutschland Tag für Tag eine Fläche von 56 Hektar Land verbraucht wird. Viel weniger als vor Jahrzehnten. Allerdings waren ursprünglich nur noch 30 Hektar für 2020 angepeilt. Und die EU-Kommission hat als Ziel für 2050 ausgegeben, dass – netto – gar keine zusätzliche Fläche mehr vernutzt werden soll.

Die über 80 Prozent aller Wohngebäude in Deutschland, die aus Einfamilienhäusern bestehen, generieren gerade einmal 46 Prozent der Wohneinheiten. Die durchschnittliche Wohnfläche pro Person ist in Deutschland auf 47 Quadratmeter angestiegen. Auch weil die Babyboomer der Jahrgänge 1946 bis 1964 jetzt langsam, verwitwet, von den Kindern verlassen, in ihren unverkäuflichen 200-Quadratmeter-Häusern ausharren (müssen), obwohl sie lieber in eine Zweizimmerwohnung in die Stadt ziehen würden.

Eine Studie in Nordrhein-Westfalen hat ergeben, dass für 20 Prozent derjenigen, die ein Wohnhaus suchen, nur ein Neubau in Frage kommt. Gleichzeitig steht bis 2025 jedes fünfte Einfamilienhaus in dem Bundesland leer. 84 Prozent aller deutschen Kommunen weisen munter weiter neue Einfamilienhausgebiete aus, für die dann Infrastruktur gebraucht wird. Der alte Ortskern verkommt währenddessen. Donut-Effekt nennt man die Dorf- und Kleinstadtentwicklung um eine leere Mitte herum. Rheinland-Pfalz wirkt ihr ganz offiziell entgegen. Mit Initiativen wie „Mehr Mitte bitte“.

2018 gewann das Kaiserslauterer Architekturbüro von Michael Burghaus einen entsprechenden Wettbewerb. Mit einer Idee für den Finkenhof in Godramstein im Übrigen, die das Potenzial des Ensembles für gemeinschaftliches Wohnen auslotet. Wer näher hinhört, merkt schnell, das Konzept Einfamilienhaus ist für die, die über den eigenen Gartenzaun schauen, als Zukunftsmodell eigentlich passé. Wenn auch nicht überall gleichermaßen.

Ein Haus wie die „Pest“

Bei der rheinland-pfälzischen Architektenkammer plädiert man statt zum eigenen Häuschen „tendenziell“ zum Geschosswohnungs- und Genossenschaftsbau, wie Geschäftsführerin Annette Müller sagt. Das gelte zumindest für die Städte. Und für Hamburg räumt selbst der Vorsitzende des dortigen Grundeigentümer-Verbandes, Torsten Flomm, ein, dass die Stadt sich auf freien Flächen den Bau von Einfamilienhäusern „nicht mehr leisten kann“. „Gibt es ein Recht auf ein Einfamilienhaus auf neu erschlossenem Grund“, wirft steil der gebürtige Hamburger André Poitiers in die Runde, einer der wichtigen Architekten und Stadtplaner zurzeit. Die Ambivalenz gehört zum Mythos Einfamilienhaus dazu. Dem einen Heilsversprechen, für die anderen eine misslungene, dysfunktionale Architekturform. Geradezu krankhaft: Vom „Krebs der Verhüselung“ sprach so schon in den 1960er-Jahren Armin Meili, ein Schweizer Architekt und Politiker. Von wegen Ideal: Einfamilienhäuschen, meinte er damals mit Blick auf ihre zerstörerische Zersiedlungsmacht seien schlichtweg die „Pest“.

Echte Einfamilienhäuser brauchen mehr Raum...
Echte Einfamilienhäuser brauchen mehr Raum...
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