Kultur Du musst die Oper ändern

Über allem der geflügelte Pegasus, Sinnbild der Dichtkunst: die Schlussszene aus „Orfeo & Majnun“.
Über allem der geflügelte Pegasus, Sinnbild der Dichtkunst: die Schlussszene aus »Orfeo & Majnun«.

Wie bleibt Oper lebendig? Mit der x-ten „Zauberflöte“ oder mit immer wieder Neuem? Wie begeistert man Menschen mit anderen kulturellen Wurzeln für diese ur-europäische Kunstgattung? Wie gewinnt man solche, die Oper für elitär und abgehoben halten? Fragen, die sich auch an jedem deutschen Stadttheater stellen. Beim Festival von Aix-en-Provence hat Bernard Foccroulle elf Jahre mit nie nachlassender Energie nach Antworten gesucht. Weil er daran glaubt, dass Oper der Welt Sinn gibt.

Gewiss doch, eine „Zauberflöte“ gibt es dann auch bei diesem Festival, das in diesem Jahr zum 70. Mal stattfindet. Eine Wiederaufnahme aus dem Jahr 2014, eine Inszenierung des Briten Simon McBurney, die mit viel Humor barocken Kulissenzauber und moderne Videoprojektionen vereint. Kein Opernmuseum jedenfalls. Sondern ebenso wie die anderen Festival-Premieren, die Strauss’sche „Ariadne“, Purcells „Dido“ und die vielversprechende Uraufführung von „Seven Stones“ des jungen Tschechen Ondrej Adámek (DIE RHEINPFALZ 7. und 12. Juli) doch eher das, was aufgeschlossene Festival-Besucher erwarten dürfen oder vielmehr sollten. Selbst wenn im Jubiläumsjahr manche Gedanken gerne zurückschweifen in die Nachkriegszeit, in der so schillernde Persönlichkeiten wie der Impresario Gabriel Dussurget und die ungemein solvente Comtesse Lily Pastré die gutbürgerliche beschauliche Universitätsstadt Aix nahe der brodelnden Millionenmetropole Marseille in das „französische Salzburg“ verwandelten: Diese Zeiten sind vorbei und waren vielleicht nicht so golden wie die Erinnerungen vortäuschen. Spätestens in den 1980ern begannen Krisenjahre, die erst mit dem Auftreten des heutigen Pariser Bastille-Opernchefs Stéphane Lissner 1998 zu Ende waren. Lissner gründete die Académie, in der zunächst vor allem junge Sängerinnen und Sänger aus ganz Europa in Workshops arbeiten und Praxiserfahrung sammeln konnten: Sabine Devieilhe und Stéphane Degout sind nur zwei von vielen, die heute ganz oben angekommen sind. Die Académie von Aix arbeitet von Portugal bis Polen mit Ausbildungsstätten in ganz Europa zusammen – in Deutschland ist die Bayerische Theaterakademie August Everding in München dabei. Und 20 Jahre nach ihrer Gründung geht es nicht nur um Gesang, sondern gewissermaßen um Oper als – welch großes Wort – Gesamtkunstwerk, um das Zusammenspiel aller kreativen Künste: Vom Quartettspiel über das Komponieren bis hin zu Workshops für Dramaturgen, Regisseure, Bühnenbildner und künftige Librettisten reicht das Spektrum. Es darf experimentiert werden auf der Suche nach den Mitteln, die die über 400 Jahre alte Gattung Oper lebendig erhalten ... Als „Magicien“, als Zauberer von Aix, bezeichnet man in verklärender Erinnerung gerne den Festivalgründer Gabriel Dussurget. Auch der 2006 auf den Pragmatiker Lissner folgende Bernard Foccroulle könnte leicht als eine über der Realität schwebende Gestalt gelten. Der Mann hat einer seiner Festival-Editionen eine Sentenz aus Rilkes „Archäischem Torso des Apoll“ vorangestellt und zitiert auch gerne aus Heideggers „Ursprung des Kunstwerks“. Das hindert ihn allerdings nicht, den Dingen, die er in Aix und anderswo auf der Welt vorfindet, realistisch ins Auge zu sehen und die Rolle der Kunst ganz allgemein und die der Oper insbesondere immer wieder neu zu definieren. Foccroulle schwebt nicht, er ist mittendrin, bei den Künstlern ebenso wie beim keineswegs nur gut betuchten Publikum, das Höchstpreise von 270 Euro zahlt, aber auch für 30 Euro Tickets kaufen kann. Zu den Premieren einschwebende und gleich wieder entschwindende Kritiker können den Festival-Direktor vielleicht beim Premierenempfang erleben, nicht aber bei einer Feier irgendwo im fast dunklen Hof des Gymnasiums, das einst Zola und Cézanne besuchten. Da steht er, glücklich lächelnd, umringt von aus Aix und dem Umland stammenden Choristen und deren Familien. Oder von Mitgliedern des Orchestre de Jeunes de la Méditerranée, in dem junge Menschen aus fast allen Mittelmeer-Anrainerstaaten miteinander musizieren – dem von Daniel Barenboim gegründeten West-Eastern Divan Orchestra ähnlich, aber weit weniger öffentlichkeitswirksam. Zuvor hatten fast 10.000 Zuschauer auf dem Prachtboulevard Cours Mirabeau eine besonderes Vorstellung erlebt: „Orfeo & Majnun“, eine Oper von drei Komponisten (Moneim Adwan, Howard Moody, Dick van der Harst) in drei Sprachen – englisch, französisch, arabisch. Profi-Sänger und Laienchöre erzählen die Geschichte zweier berühmter Paare: „Orpheus und Eurydike“ und „Leila und Majnun“ – Mythen des Orients und des Okzidents, von der Kraft der Liebe und der Kunst. Da lässt man sich gerne verzaubern – so wie es zuvor in Brüssel möglich war und in den kommenden Monaten noch sein wird in Valletta (Malta), Wien, Rotterdam und Santa Maria da Feira (Portugal), auch dort mit Protagonisten, die vor Ort auf das Ereignis hinarbeiten, bei dem Oper und Publikum sich begegnen, kennen- und (vielleicht) lieben lernen. „Du musst Dein Leben ändern“, heißt die erwähnte Rilke-Zeile. In seinen fast zwölf Jahren an der Spitze des Festivals von Aix-en-Provence hat Bernard Foccroulle dort sehr viel verändert. Den lamentablen Zustand der den Cours Mirabeau säumenden Platanen kann allerdings auch er nicht beeinflussen.

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