Mode und Literatur RHEINPFALZ Plus Artikel Die Stunde der Bibliothekarinnen: Warum das Buch in Mode ist

Wie man sich Bibliothekarinnen halt so vorstellt: „Hot Librarian“ , nennt sich der Stil.
Wie man sich Bibliothekarinnen halt so vorstellt: »Hot Librarian« , nennt sich der Stil.

Warum Models plötzlich aussehen wollen wie Fachkräfte aus dem Bibliothekswesen, Bücherregale vorzeigbar und Romane in der Hand das neue iPhone sind. Der Durchschnitts-IQ sinkt, das gute alte gedruckte Buch ist das Haben-Muss-Ding des Moments.

Slingback-Pumps zum Beispiel. Die flachen Teile mit Fersenriemen gelten eigentlich als leicht omaesk. Jetzt aber werden sie in der „Vogue“ gerade deswegen als das neue Ding aufgerufen. Brillen genauso, gerne auch mit Fensterglas, Cardigans, Bleistiftröcke. Model-Influencerinnen wie Bella Hadid sehen plötzlich aus, als möchten sie gerne nach der Standnummer der kommentierten Ausgabe von „Ulysses“ von James Joyce gefragt werden. Die Fachzeitschrift „InStyle“ empfiehlt Bordeaux-Rot, Tannengrün, Navy und Braun als erste Farbwahl von der Mode zugewandten Menschen, die im Windschatten des Angesagten surfen wollen. Mausgrau geht auch. Kein vernichtender Seitenblick für das Spießige. Wenn nicht alles täuscht, sind Bibliothekarinnen die IT-Girls der Stunde.

Die Fachkraft trägt Prada

„Hot Librarian“ oder „Librariancore“ nennt sich der Herbst-Winter-Modetrend, der belesene weibliche Fachkräfte für die Fernausleihe zu Stilikonen erhebt: das heißt, ihr Doris-Day-haftes Film-Klischee. In der Stadtbibliothek Ludwigshafen jedenfalls sind nach einem ersten Anschein Cardigans von Prada und „itsy-bitsy“-Miu-Miu-Minis beim Personal dagegen eher nicht so en vogue. Und auch Kristin Bäßler, die Pressesprecherin des Deutschen Bibliotheksverbands, trägt beim Telefoninterview – gesteht sie – einen „ganz normalen Pullover“. Also statt eines Pullunders, der trendmäßig das Mindeste wäre. Zur Entschuldigung führt sie ihren Journalistinnen-Status an. Aber, wie sie erzählt, wird die modische Überhöhung des überkommenen Bibliothekarinnen-Dresscodes schon auch in den einschlägigen Fachforen besprochen – und eher unter „Wi“ wie witzig katalogisiert.

Treffpunkt Bibliothek: Hier in Ludwigshafen.
Treffpunkt Bibliothek: Hier in Ludwigshafen.

Gleichwohl passt die Mode zum neuen Hang, der das Buch in seiner gedruckten Variante gerade zum popkulturellen Phänomen und zum Haben-Muss-Accessoire erhebt. Es scheint, dass die digitale Realität die nostalgische Sehnsucht nach dem Reellen antreibt, verkörpert wie von kaum etwas sonst – vom Gedrucktem, am besten Hardcover.

Nicht ohne Grund heißt eine gerade unter jungen Leuten weit verbreitete App BeReal, die ad hoc und ungeschminkt aufgenommene Selfies von einem einfordert, da, wo man sich gerade befindet, um sie mit engen Freunden zu teilen statt mit der ganzen Internetwelt. Tonträger sind jetzt wieder aus Vinyl. Und was das Buch betrifft, erlebt es gerade allseitige Aufmerksamkeit. Der Durchschnitts-IQ in Industrienationen sinkt, die alten Insignien des Bildungsbürgertums avancieren zum Unterscheidungsmerkmal. Wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, lassen sich Hollywoodstars wie Gwyneth Paltrow ihre Häuser öffentlichkeitswirksam von „Kuratoren für Privatbibliotheken“ einrichten. Im Sinne von: Zeig mir, was du (eventuell) liest, und ich sage dir, wer du sein willst – wie früher, als die heimische Bücherwand mit Merve-Bänden und einem Stapel der Popzeitschrift „Spex“ so etwas wie das selbstdarstellerische Äquivalent des Parship-Profils darstellte. Heute entwirft man sich unter #bookshelfwealth mit Theodor W. Adorno, was wörtlich übersetzt Bücherregal-Reichtum bedeutet.

Als Renaissance der analogen Gutenberg-Galaxis in der digitalen Welt darf auch gelesen werden, dass die Luxusmarke Chanel jetzt einen Lesezirkel betreibt, moderiert von Charlotte Casiraghi, der schreibenden Philosophinnen-Tochter von Prinzessin Caroline von Monaco. Die Schauspielerin Rosamund Pike für Dior in einem Londoner Buchladen nach Ladenschluss Hanya Yanagiharas „Das kleine Leben“ zur Lektüre empfiehlt und werbewirksam in eine Dior-Tasche stopft. Oder Konkurrent Saint Laurent in Paris einen Buchladen eröffnet hat.

Meine Jacht, mein Buch

Sogar die intellektuell unverdächtige Influencerin Kendall Jenner zeigt sich neuerdings auf Instagram mit einer Essaysammlung in der Hand – auf einer Jacht und im Bikini. Und die 22-jährige Kaia Gerber, Model-Tochter von Cindy Crawford, hat einen „Library Science“ benannten Buchclub gegründet und verkündet, ihre Mission sei es, junge Menschen zum Lesen zu animieren. Als Eltern bleibt einem nur: viel Glück zu wünschen. Oder wie der Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen, Jörg Maas, hoffen heißt, Vorbilder könnten das Lesen populär machen und „einen konkreten Einfluss“ ausüben, „Kinder und Jugendliche zum Lesen“ animieren. Solche „Trends“ könnten „spannend sein“, meint Maas und verweist auf die prominenten „Lesebotschafter*innen“, mit denen seine Stiftung wirbt. Aber während er darauf verweist, dass es rund einem Viertel der 15-Jährigen an ausreichender Lesekompetenz mangelt, wird bei Kaia Gerbers Buchclub zurzeit „Der Liebhaber“ von Marguerite Duras empfohlen und diskutiert. Oder „What I mean“ (Was ich meine) der 2021 verstorbenen US-Intellektuellen Joan Didion. Harter Stoff, zumindest für ungeübte Leserinnen und Denker – indes die Kategorie Literatur, die auch die britisch-albanische Singer-Songwriterin Dua Lipa auf ihrer Netzseite Service95 verhandelt.

„Tief bewegt“ von Büchern: Popstar Dua Lipa
»Tief bewegt« von Büchern: Popstar Dua Lipa

Auf Instagram hat Lupa („Cold Heart“) 90 Millionen Follower. Bei ihrem Service95-Auftritt ist unter anderem ein halbstündiges Interviewformat Usus. Aktuell tritt dort der amerikanisch-afghanische Arzt und Autor Khaled Hosseini („Drachenlied“) auf. Lupa sagt, sie sei „tief bewegt“ von Hosseinis im Original 2003 erschienenen Roman „Tausend strahlende Sonnen“, der vom Schicksal zweier afghanischer Frauen erzählt. Ob’s mit an ihr liegt? In Deutschland jedenfalls sinken die Buchverkäufe. In Großbritannien waren, wie die britische Zeitung „Guardian“ vor Kurzem berichtet hat, die Buchverkäufe jüngst so hoch wie nie.

Der Laufsteg der Generation Z

Vor allem die Generation Z der 1997 bis 2012 Geborenen, die mit und im Internet aufgewachsen sind, hat demnach eine Buchzuneigung entwickelt. Kann sein, auf einem Ableger der umstrittenen Plattform TikTok.

Alte und neue Welt: Plattform Booktok
Alte und neue Welt: Plattform Booktok

Unter #BookTok wurden mittlerweile über 100 Milliarden (!) Mal Videos mit Buchempfehlungen von und für junge Leute aufgerufen, Fantasy-Romane und Liebesgeschichte vor allem, die in Buchhandlungen mittlerweile an eigenen BookTok-Ständen vermarktet werden. Offenbar betreten die jungen Leute wieder richtige Läden, nachdem sie – wie jederzeit erlebbar ist – in Bibliotheken längst Stammgäste sind. Selbst bekennende Lesemuffel, hat eine im „Guardian“ zitierte Studie herausgefunden, bevölkern Büchereien als konsumfreien sogenannten „dritten Ort“. Als Lernumfeld, Treffpunkt – als Laufsteg? So würde immerhin ein Schuh draus. Oder ein Paar Slingback-Pumps.

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