Kultur
Die Muse: Das Forum Alte Post in Pirmasens widmet Emmy Ball-Hennings eine Ausstellung
Aus einfachen Verhältnissen kommend, arbeitete sich die Frau, immer in prekären Umständen lebend, an die Spitze der internationalen Avantgarde, war bei der Dadagründung maßgeblich beteiligt und realisierte ihren Traum, Schriftstellerin zu werden, in einer Zeit, da schreibende Frauen längst nicht die Regel waren.
Aus einfachsten Verhältnissen stammend
Der Vater ist Werftarbeiter und fuhr davor zur See. Eine Theaterausbildung, wie vom Kind gewünscht, war da utopisch. Die junge Emma Maria Cordsen, so lautete ihr Mädchenname, probierte sich in einem Laientheater aus. Dort lernte sie ihren ersten Mann kennen, von dem sie auch den Namen Hennings behielt und mit dem sie einer Wanderbühne folgte. Die 18-jährige Emmy Hennings tingelte fortan durch die Lande, der Mann verschwand. Das Kind kam zur Mutter und Emmy Hennings stürzte sich schließlich in Berlin und München in das Leben der Boheme, verkehrte mit Größen wie Erich Mühsam, arbeitete als Modell für Künstler und hatte bis zu ihrem Tod immer Probleme, mit der Kunst den Lebensunterhalt zu bestreiten.
In ihrer Geburtsstadt Flensburg wird sie zwar nicht als „Vorzeigecharakter“ gesehen. Es gibt aber eine Emmy-Ball-Hennings-Straße und auf dem Uni-Campus ein Emmy-Hennings-Haus des Studentenwerks. Zu einer Hugo-Ball-Straße hat es in Pirmasens bis heute nicht gereicht. Der Lebenswandel von Hennings entspricht auch heute nicht dem, was als Vorbild taugen könnte. Sie hatte viele Männer, so viele, dass selbst unkonventionelle Charaktere wie Erich Mühsam klagten, die Frau werfe sich einfach so weg. Sie nahm Drogen, beschaffte ihren Freunden welche, und wenn das Geld partout nicht reichte, verdiente sie sich etwas als Gelegenheitsprostituierte. Wegen eines „Beischlafdiebstahls“ landete sie im Gefängnis. Halt suchte sie im Katholizismus, konvertierte 1911 vom evangelischen Glauben zur katholischen Kirche. Ein Umstand, der den heutigen Kulturdezernenten von Pirmasens, Denis Clauer, mehr schockiert als ihr sonstiger Lebenswandel.
Mit Hugo Ball in Zürich
Ein Jahr später traf sie den aus Pirmasens stammenden Hugo Ball, emigrierte mit ihm in die Schweiz, wo die beiden wiederum in prekären Verhältnissen über die Lande tingelten – bis das Paar mit dem Cabaret Voltaire in Zürich zusammen mit anderen Kunstgrößen wie Hans Arp oder Tristan Tzara Kunstgeschichte schrieb. Ball rezitierte seine Lautgedichte auf der Bühne, spielte Klavier – und wenn die Stimmung im Saal zu kippen drohte, bügelte Hennings mit ihrem Gesang alles wieder glatt. Mit Dada hätten Hennings und Ball auf einer Erfolgsspur weiterfahren können. Ball war der Kommerz jedoch zuwider und sie verließen die Bewegung.
In Pirmasens war Hennings laut den Ausstellungsmachern Charlotte Veit, der Kuratorin der Alten Post, und Eckhard Faul, dem Geschäftsführer der Ball-Sammlung, höchstens drei Mal. Die Hennings-Biografin Bärbel Reetz glaubt sogar, dass die Frau Balls nur einmal im Jahr 1920 in Pirmasens war. Ein Aufenthalt, der Spuren bei der Künstlerin hinterließ. Zeitlebens hat sie den Kontakt zu Pirmasens nicht verloren und korrespondierte mit Balls Schwester. Vor dem Zweiten Weltkrieg schickte diese Päckchen in die Schweiz. Nach dem Krieg war es an Hennings, die notleidende Pirmasenser Familie mit Päckchen zu versorgen. Mit Balls Mutter funktionierte es nie. Josefina Ball sah in Emmy Hennings die Frau, die ihren Sohn in Abgründe geführt hatte.
Ball verehrte sie als seine „Madonna“
Die Ausstellung in Pirmasens zeigt all diese Facetten der Emmy Hennings – das Kind, das Gefängnis, die Liebschaften, Freunde und den Glauben – mit fein ausgewählten Textstellen, vielen Büchern, Erstausgaben und einigen Porträts. Diente sie doch vielen Künstlern als Modell, auch in Phasen, da die Drogen und der Alkohol ihr anzusehen waren. Bestückt wurde die Ausstellung mit Büchern, Briefen und Kunstwerken, die allesamt aus der umfangreichen Hugo-Ball-Sammlung der Stadt Pirmasens entnommen werden konnten.
Es ist eine Literaturausstellung, bei der die Zitate von Hennings und ihrer Weggefährten in tiefem Schwarz an den Wänden zum Eintauchen in ein Leben einladen, das nicht einfach war, weil eine Frau gegen die Widerstände ihrer Zeit genau das machen wollte, zu was es sie drängte. Die Kunst auf der Bühne, zwischen Buchdeckeln und auf Leinwänden suchte Emmy Hennings, um sie im Dadaismus dann trotzdem in Frage zu stellen. In Ball fand sie nicht nur den künstlerischen Weggefährten, sondern auch den Glaubensbruder. Die Mystik Balls und sein Suchen im Katholizismus teilte sie, die lange Zeit einen Hausaltar in der Wohnung hatte und von Ball als seine „Madonna“ verehrt wurde.
Die Ausstellung