Pfälzer Kunst
Die Kunst des Findens: Die Schau von Klaus Fresenius in Speyer
Apropos Kunst-Erfinder: Die Betonung liegt auf Finder. Klaus Fresenius, nebenbei Vorsitzender des Speyerer Kunstvereins, nahbar, Typus bester Kumpel und gefühlsstarker Charakter, sieht in den Dingen mehr als sie zu sein scheinen. In einem von ihm farbbesudelten Zewa-Wisch-&-Weg-Papier eine Landschaft eben, eine „Großmutter“, die Draufsicht auf ein „Gebirge“. In einem Stück Holz, das er, Blick nach unten, beim Wandern am Wegrand entdeckt, aufhebt und mit seinen Händen umschmeichelt, das, was in ihm steckt. Ein „Flaschengeist“, ein „Löffel-Idol“, eine Giacometti-schlanke Figur, die sich verbeugt. Oder die Kippfigur „Kleine Badende“, die Frau oder Fisch sein könnte, der aus dem Wasser springt.
Mann mit reichem Innenleben
Rund 300 Fundstücke hat der Wahrnehmungsenthusiast im Laufe der Jahrzehnte, in denen er an seinem Œuvre feilt, möglichst minimalinvasiv so zum Kunstwerk erhoben. Nennen wir sie Objets trouvés aus dem Pfälzerwald. Der Mann hat offenbar ein reiches Innenleben, das sich nachts, wenn er arbeitet, wenn „die Antennen frei sind“, entfaltet. Denn auch die Menschen und Paare, die er aquarelliert, mit Tusche pinselzeichnend malt und auf Keramikkacheln verewigt, sagt er, finde er sozusagen vor.
„Ich bin inwendig voller Figuren“, zitiert Fresenius Dürer. Seine sind in Auflösung begriffen und bestehen gleichermaßen aus frei schwingendem Bahnen. Sie entstehen aus Farbschlieren mit Trockenrändern, Spritzern, kristallisieren sich aus Gitterstrukturen heraus, Farbverläufen oder gestischen malerischen Posen und kalligrafischem Action-Painting. Ihr Ausgangspunkt ist immer, wie der China-Reisende und als Stipendiat dort gewesene Fresenius erzählt, die sie als humane Wesen charakterisierende Kreisform. Ihr Aufrechtstehen.
Der linkshändige Expressionist
Der Linkshänder Fresenius beginnt also links oben mit dem Kopf. Dann folgen Eruptionen. Riesige Formate auf Bühnenkarton geworfen. Manchmal schafft er Dutzende Werke auf einmal, rauschhaft, Musik läuft, 131 Aquarelle in einer Nacht zum Beispiel, „manche nix, manche gut, manche sehr gut“, wie er sagt. Auf den Bildern jedenfalls, viel Bewegung zwischen Gegenstandsannäherung und Beinahe-Abstraktion. Dann wieder sammelt er sich für Tage, manchmal Wochen, kritzelt in seinen Skizzenblock, schreibt lyrisches Zeugs, widmet sich Kaltnadelradierungen, die im mehrfachen Wortsinn nackt dastehende Menschen zeigen, und tuscht kontrolliert unregelmäßige Netzstrukturen und Spiralen, die ineinandergreifen, aufs Papier. Beinahe konkrete Arbeiten, ein weiterer Werkkomplex des unterschiedlich hell gestimmten Mehrfachbegabten. Fresenius ist viele.
Als Musiker Gründer der Combo Blues & Bloedel, ein berserkender Frontman, Mit-Jazzer bei hochkarätig besetzten Speyerer Sessions. „Ten Years After“, der Titel seiner die vergangenen zehn Jahre reflektierenden Schau heißt so auch in Anspielung auf die britische Blues-Rock-Band.
Pinsel aus der Zeit als Charles noch Prinz war
Deren Mitgründer Alvin Lee ist, wie Fresenius öfter auch, von überschießendem Temperament. Seine Künstler-Biografie liest sich, trotz des Mäanderns, wie ein Bildungsroman. 1952 geboren in Speyer und geblieben. Gelernter Tiefdruckretuscheur. Manche Pinsel, mit dem er dem heutigen König Charles III. das Gesicht konturierte, zwecks Publikation in „Frau mit Herz“, benutzt Fresenius heute noch.
Er hat sich auch zum Krankenpflegelfer ausbilden lassen, seine intensive Begegnung mit der Kreatürlichkeit des Menschen. Gute Schule auch für den nachholenden Erwerb der hauswirtschaftlich-sozialpflegerischen mittleren Reife bei den Niederbronner Schwestern. Diese dann Voraussetzung für das Studium der freien Malerei und Grafik an der Karlsruher Akademie. Et cetera. Seine erste Absichtserklärung, Künstler zu werden, erzählt Fresenius, datiere in die Zeit, als er vier war – ein Onkel hat’s ihm erzählt. Erste Ausstellung mit 20. Und jetzt mit 70 das. Es sieht so aus, als sei alles auf das hinausgelaufen, was er macht: Findekunst. Kann auch sein, sie hat ihn gefunden.
Info
„Klaus Fresenius: Ten Years After – Grafik, Skulptur, Malerei“ , bis 16. Oktober in der Städtischen Galerie, Speyer. Donnerstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr. Am 25.9.. 17 Uhr, führt Fresenius durch die Ausstellung.