Literatur RHEINPFALZ Plus Artikel Die Jury ist beeindruckt: Der Pfälzer Tijan Silan beim Bachmannpreis

Vor der Lesung: der Kaiserslauterer Tijan Sila in Klagenfurt.
Vor der Lesung: der Kaiserslauterer Tijan Sila in Klagenfurt.

Ein zentraler Satz: „Alles kann man reparieren.“ Er stimmt gar nicht. Noch nicht einmal für die Radios, die der Vater im ehemaligen Kinderzimmer seines Sohnes hortet, Tendenz zum Messiewesen, seine Welt aus den Fugen. Erst recht gilt das für Kriegstraumata.

Der erwachsene Sohn, gleichzeitig der Ich-Erzähler von Tijan Silas beklemmender, eindringlich genau austarierter Geschichte, ist zu Besuch und auf fast alles gefasst. Auf das nicht. „Am Tag, an dem meine Mutter verrückt wurde“, heißt die Erzählung, die Sila, ein Schriftsteller und Lehrer aus Kaiserslautern, gestern beim berühmten Wettbewerb um den Bachmannpreis vorgelesen hat. Es war live auf 3Sat und ist immer noch im Internet auf der Bachmannpreis-Netzseite zu sehen.

Während der Lesung: Tijan Sila.
Während der Lesung: Tijan Sila.

Stehend, ruhig, im weißen T-Shirt, las Sila, sein Name ist ein Pseudonym. Gleich im ersten Satz wird der Tag der Entgrenzung, obwohl sie schleichend verlaufen ist, im Text genau angegeben: „am 12. August 2007“. Diagnose Schizophrenie. Die Jury ist von der Story einhellig begeistert. Die Familie aus der Geschichte kennt schon, wer Tijan Silas jüngstes Buch gelesen hat.

In „Radio Sarajevo“ ist sie beschrieben. Der Roman erzählt aus der Perspektive eines Jungen wahrhaftig herzgreifend und autobiografisch grundiert von der verstörenden Gegenwart in und der Flucht aus der belagerten Stadt. Und wie seine in ihrer eigenen, stolzen, leicht abgehobenen Dimension lebenden Eltern in Deutschland beginnen, Hand in Hand zugrunde zu gehen.

Der Bachmanntext zoomt heran, ohne es zu benennen, wie der Krieg in denen, die ihn erlebt haben, weiterwütet. So lange, bis die Mutter ihren Sohn für eine von dunklen Mächten gesteuerte Marionette hält. Der Vater ist längst in vergangene Gewissheiten geflüchtet, die keine mehr sind. Währenddessen sitzt der Sohn, erfüllt von Fluchtreflexen, auf seinem Kinderbett und beschwört sein Mantra aus Sarajevo, um nicht selbst verrückt zu werden: „Bleib da.“

Nur kurz leuchtet in ihm der Gedanke auf, den Wahnsinn der Eltern zu teilen, um sie weiter lieben zu können. Alles ist mit sparsam gesetzten Bildern und in einem Ton erzählt, den der Deutsch-Schweizer Philipp Tingler in der Jury-Diskussion hernach „unsentimental lakonisch“ nennt.

Tijan Sila erntet beim Wettlesen viel Zuspruch.
Tijan Sila erntet beim Wettlesen viel Zuspruch.

Die Literaturchefin der „Welt“, Mara Delius, spricht von einer „einzigartigen Form der Erzählökonomie“, der Berner Literaturprofessor Thomas Strässle von einem „außerordentlich guten Text“. Den Juryvorsitzenden Klaus Kastberger erinnert er „an die besten Texte, die es zu dem Thema gibt“. Auch die Schriftstellerin und Ludwigshafener Bloch-Preisträgerin, Mithu Sanyal, ist „extrem beeindruckt“. Ob er noch etwas sagen wolle, fragt Moderator Peter Fässlacher Tijan Sila zum Schluss noch? Wollte er nicht. Kann sein, wir haben mit ihm, gestern, am ersten der Tage der deutschsprachigen Literatur, schon den Bachmann-Preisträger gesehen.

Termine

Die Tage der deutschsprachigen Literatur laufen bis Sonntag. Die Lesungen und Diskussionen sind live auf 3Sat und unter www.bachmannpreis.org zu sehen, Freitag von 10 bis 15.30 Uhr und am Samstag von 10 bis 14.30 Uhr. Preisverleihung ist am Sonntag, 11 Uhr. #tddl und #abgeklopft auf Instagram.

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