München
Die Geschichte der Einbauküche in der Pinakothek der Moderne
Die Frau hat praktisch gedacht, das sieht man sofort. Denn alles ist mit ein, zwei Schritten zu greifen. Dass ihr kein Mann in die Quere kam, hing auch mit den Einschränkungen zusammen. Wie bitte soll man auf sechseinhalb Quadratmetern brillieren? Und für Architekten noch schlimmer: mit sehr wenig Geld. Die Österreicherin Margarete Schütte-Lihotzky schien das erst recht anzustacheln. 1926 hat sie die „Frankfurter Küche“ entworfen. Ein Erfolgsmodell, das gleich für 10.000 Wohnungen in Serie ging.
Damit nahm das Phänomen Einbauküche seinen Anfang – und damit beginnt auch eine erhellende neue Dauerausstellung der Neuen Sammlung in der Pinakothek der Moderne in München. In kaum einem anderen Bereich des täglichen Lebens ist das Design so sehr dazu verdonnert, zweckmäßig zu sein. Sofern man in einer Küche nicht nur fürs Lifestyle-Magazin posieren, sondern kochen, backen und neuerdings auch wieder einwecken oder eine Gärung in Gang bringen will.
Industrielle Rationalisierung in der heimischen Küche
Doch zurück nach Frankfurt, wo in den 1920er-Jahren wie in vielen Städten akute Wohnungsnot herrschte und wo Margarete Schütte-Lihotzky ihr Terrain fand. Die sozial engagierte Architektin hatte von 1915 an als erste und einzige Frau an der Wiener Kunstgewerbeschule studiert und sich lange schon mit sozialem Bauen und Haushaltsführung beschäftigt. Für Ernst May vom Frankfurter Hochbauamt war sie die Richtige, um das Arbeiten in Tausenden neuer Küchen so effizient wie nur möglich zu gestalten. Inspirieren ließ sie sich von den Rationalisierungsbestrebungen der Industrie, aber auch von Schiffskombüsen und Küchen der Eisenbahnspeisewagen.
Das geht schon damit los, dass die Deckenleuchte durch eine Schiene genau dort zum Einsatz kommen kann, wo gerade Licht gebraucht wird. Es gibt einen ausklappbaren Tisch und ausziehbare Arbeitsflächen, und durch einen höhenverstellbaren Drehstuhl kann man bequem im Sitzen Kartoffeln schälen. In den Schränken mit Schiebetüren ist genug Platz für Geschirr, Besteck und Töpfe. Alles kann perfekt verstaut werden und ist schnell wieder zur Hand. Die 18 Schütten für Mehl, Zucker oder Linsen sind heute noch ein Blickfang, aber für erkundungsfreudige kleine Kinder erreichbar. Es gab durchaus Kritik, doch für den Anfang war das Frankfurter Modell ein großer Wurf. Energiesparen inklusive: Neben dem Herd gibt es eine gedämmte Schublade, in der eine Mahlzeit halbe Ewigkeiten warm bleibt oder nachgaren kann.
Dieser Urtyp der Einbauküche ist immer wieder variiert worden und geht in den späten 1940er- und 50er-Jahren auf funktionale Höhenflüge. Prominentestes Beispiel dürfte die Küche für den Hochhauskomplex Unité d’habitation in Marseille sein, eine der wichtigsten Wohnsiedlungen im Europa der Nachkriegszeit – verbunden mit dem Allesgestalter Le Corbusier. Die Inneneinrichtungen für dessen Wohnmaschinen hat allerdings Charlotte Perriand entwickelt und die unterkühlte Strenge des Meisters ins Freundlich-Komfortable überführt. Mit André Wogenscky war sie in Marseille für über 300 Apartments zuständig. Die Küche wurde modular zusammengestellt, mit Einbauschränken, fortschrittlichem Elektroherd samt Backofen, Dunstabzugshaube sowie einer Spüle mit integriertem Müllschlucker.
Der Kühlschrank wurde so installiert, dass er täglich über eine Versorgungsstraße mit Eis gespeist werden konnte. Arbeitsflächen und Wände waren mit Aluminiumblech verkleidet, um die Reinigung zu erleichtern. Dazu kam eine inzwischen wieder angesagte Theke, die die Küche zum Wohnbereich hin öffnete. Die Frau sollte nicht mehr wie eine kochende „Sklavin isoliert sein“. Dass der Mann in den Töpfen rührt, stand bekanntlich noch lange nicht zur Debatte.
Für den Dänen Arne Jacobsen wurde die Küche schließlich zentraler Treffpunkt im Einfamilienhaus. Er plante für die Internationale Bauausstellung 1957 in Berlin eine Kombination aus Küche und Esszimmer. Was ins Auge sticht: Der Wasserhahn und die Lampe überm Tisch sind in ihrem Minimalismus so ansprechend elegant, dass man ihnen ihre fast 70 Jahre nicht ansieht.
Etwa zur selben Zeit wurde in der DDR mit seriellen Küchenmodulen operiert. Die Eschebach K21 des VEB Küchenmöbel Radeberg hat Farbe in den Ost-Alltag gebracht – in der Neuen Sammlung auffälliges Mintgrün und Orange. Sie war durch Pressspanplatten und Resopal-Laminat ziemlich billig, hatte immerhin eine nette Zugabe wie die versenkbare Brotschneidemaschine und wurde in der Sowjetunion zum absoluten Verkaufsschlager.
Küche als Werkbank
Neben der Eschebach K21 wirkt Stefan Wewerkas Küchenbaum aus den 80ern wie das Hightech-Equipment aus der Zahnarztpraxis. Aber Ironie muss schon auch sein, und für einen Snack reicht’s ja. Besser arbeiten kann man freilich an der Werkbank von Herbert H. Schultes. Der langjährige Siemens-Chefdesigner hat damit 1984 bei Bulthaup die Kochinsel aufgegriffen. Ein bisschen nüchtern wirkt sie, ist aber ungemein praktisch und wahrscheinlich die größte Innovation seit der „Frankfurter Küche“.
Weitergetrieben wird das durch einen Küchenblock, den das Gestalter- und Schreiner-Kollektiv J-Gast in der Corona-Zeit ausgetüftelt hat: Alles findet Platz in einem materialsparenden Rahmensystem. Um zu verhindern, dass jemand die Idee abkupfert, wurde der Prototyp mit Tarnfolie versehen. Wie beim Erlkönig in der Autoproduktion. Ob der Look Männer in die Küche zieht? Untersucht wurde das nicht, aber wenn ja, sollte diese Version dringend in Serie gehen.
Die Ausstellung
„Kitchen Culture“ dauerhaft in der Pinakothek der Moderne in München: dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr.