Literatur Die Geister sprechen: Kim Hyesoons Gedichtband
„Was der Tod dir gab – / dein Gesicht läuft aus / dein Gesicht schmilzt ab // Dein Gesicht ein Nasengrab / Dein Gesicht ein Ohrengrab / Dein Gesicht dein Gesichtsgrab / Hilflos dein Gesicht, schmilzt immer wieder ab“. So beginnt Kim Hyesoons Gedicht Eiszapfenbrille. Tag Neununddreißig aus dem Zyklus Autobiografie des Todes: Neunundvierzig Gedichte, jedes steht für einen einzelnen Tag, an dem der Geist nach dem Tod umherwandert, bevor er in den Kreislauf der Reinkarnation zurückkehrt. Die koreanische Dichterin zeigt sich hier als Sprach-Schamanin, die sich Todesereignissen zuwendet – „einerseits reale, die physisch wirklich stattgefunden haben, andererseits meine eigenen inneren Todesereignisse sowie ,Tode’, die durch Machtinhaber verursacht wurden.“ Nachdem unlängst Han Kang der Nobelpreis für Literatur zugesprochen wurde, erlangt nun auch die 1955 geborene Kim Hyesoon verstärkt internationale Reputation und gibt uns mit ihrer feministisch-spirituellen Sichtweise eine weitere Gelegenheit, koreanische Gegenwartsliteratur von Weltrang zu entdecken.
Alles richtig gemacht
S. Fischer hat mit diesem Band alles richtig gemacht. Der Zeitpunkt ist gut gewählt, denn Kim ist seit ihrer in Fachkreisen vielbeachteten Rede zur Poesie auf dem Berliner Poesiefestival auch hierzulande aufgefallen. Das Buch ist thematisch kompakt, aber gehaltvoll, es besteht aus drei sich ergänzenden Teilen: dem titelgebenden umfangreichen Zyklus, dem Langgedicht „Gesicht des Rhythmus“ und einem fast 20 Seiten umfassenden Gespräch auf hohem Niveau, das die Übersetzer Uljana Wolf und Sool Park mit ihr führen konnten.
Uljana Wolfs Koreanischkenntnisse dürften überschaubar sein, aber in dieser Konstellation war ihr Mitwirken bestimmt von besonderem Wert, ist sie doch selbst eine führende Dichterin ihrer Generation und hat bei Übertragungsprojekten immer wieder gezeigt, dass sie mit verspielter Sprachkraft Lösungen finden kann, die anderen versagt bleiben. Der betriebene Aufwand bezüglich des poetologischen Gesprächs ist ein wesentlicher Teil des Buches: so gelingt es, eine dichterische Position zu modellieren. Ohne das diskursive Unterfangen würden uns Lesern Hintergründe fehlen, die Gedichte würden eher verströmen, denn sie erschließen sich nicht ohne Zutun. Sie kommen in diesem Transfer ja aus einer ganz anderen Kultur herüber, in der beispielsweise Geister von anderer Bedeutung sind als hierzulande. Südkorea ist für Kim aufgrund der Menschen, die unschuldig gestorben sind, „ein Land mit sehr großer Geisterdichte. Die Tode dieses Landes besetzten mich“.
Der Rhythmus des Widerstands
„Man könnte“, so Kim Hyesoon im Gesprächsteil, „meine Gedichte Übersetzung nennen, und zwar Übersetzung der Geistersprache als die eigene Muttersprache.“ An anderer Stelle spricht sie von ihren Gedichten als Widerstandsdiskurs in Bildern, die Kritik an der Familienideologie üben, von Wunden, die sie in unendlichen Wiederholungen heimsuchen würden: „Der Rhythmus dieses Widerstands lebt in der Stimme der weiblichen Sprecherin, die in mir gespenstig existiert.“
Kim ist keine Autorin der Recherche, ihre Texte leben nicht aus exakten Beobachtungen der Außenwelt, die sie erden könnten, sie ist eher eine Visionärin, die Gesichte durchscheinen lässt, eher an der Auflösung eines Selbst interessiert als an seiner Verfestigung. Freimütig spricht sie von ihrem Leiden an neurologischen Krankheiten. Die Subjekte ihrer sprachlichen Gebilde sind instabil, durchlässig, und sollen das auch sein. Sie reagiert nicht vielfältig auf dieses und jenes, sondern bleibt stets bei ihrem gewichtigen Sujet.
Ihre reimlosen Gedichte sprechen ein Du an, sie verwenden bevorzugt Wortwiederholungen, die die Texte rhythmisieren und lassen Raum zwischen dem, was im Text geschieht. In ihrer Bildlichkeit wirken sie mitunter surreal, obgleich die Autorin im Gesprächsteil zeigt, dass sie das nicht so sieht. Dieses poetische Verfahren kann leicht ins Poetisieren umschlagen. Dem stellt sie die Autorität ihrer Gesichte entgegen, eines Berufenseins. In Laufzauber des Todes. Tag Fünfzehn schreibt sie: „Frau du bist tot / Gießt man deinen Schatten, blüht ein Grab auf / Grab der Scham, Grab der Schuld, Grab der Schmach // Frau du bist tot / Öffnet man die Tür deines Herzens, verströmt schwarzes Getreide / Blutzellen der Erschöpfung, der Schwermut und der Furcht // Frau du bist tot / Du Puppe / Du Maultier / Du Pony mit durchstochener Nase“.
Die Zeichnungen von Fi Jae Lee runden den Band stimmig ab und zeigen als visuelles Element, wie wichtig dem Verlag die Ausstattung dieser Veröffentlichung ist.
Lesezeichen
Kim Hyesoon: „Autobiographie des Todes“, Gedichte; aus dem Koreanischen von Sool Park und Uljana Wolf. Zeichnungen von Fi Jae Lee; S. Fischer, Frankfurt am Main ; 152 Seiten, 28 Euro.