Kino aktuell RHEINPFALZ Plus Artikel Die Geheimnisse des Ginkgobaums: Der in Venedig gefeierte Film „Silent Friend“

Was ist der Mensch: Enzo Brumm als Student Hannes in „Silent Friend" .
Was ist der Mensch: Enzo Brumm als Student Hannes in »Silent Friend« .

„Silent Friend“ von Ildikó Enyedi , ein Episodenfilm auch darüber, warum es sich lohnt, mit seinen Blumen zu reden

Im Kinoerfolg „Körper und Seele“ (2017) der Regisseurin Ildikó Enyedi trafen sich zwei Liebende in ihren nächtlichen Träumen in Tiergestalt. Ihr neuer Film basiert auf einem noch kühneren Einfall: In „Silent Friend“, im Herbst gefeiert auf dem Festival von Venedig, wird eine Pflanze zum Sinnbild allen menschlichen Strebens und Sehnens.

Ein alter Ginkgobaum im botanischen Garten der Universität in Marburg steht im Zentrum dreier zu verschiedenen Zeiten spielender Geschichten. Diese beleuchten Episoden aus den Leben verschiedener bemerkenswerter Persönlichkeiten: Grete (Luna Wedler), die sich Anfang des 20. Jahrhunderts als erste weibliche Biologiestudentin in Marburg gegen tradierte Frauenfeindlichkeit wehren muss, Student Hannes (Enzo Brumm), der in den 1970er Jahren verzweifelt nach Selbstsicherheit sucht – und ein schon älterer Wissenschaftler (Tony Leung Chiu-wai) aus Hongkong, der während der Corona-Pandemie ins Innere des Baumes vordringen möchte, um ganz Grundsätzliches über das Erdendasein herauszufinden.

Seine Fragen, etwa die, ob Pflanzen Gefühle haben, ob sie etwas von den Vorgängen um sie herum wahrnehmen, muten im ersten Moment seltsam an. Doch rasch wird klar, dass sie auf das Wesentliche zielen: eine Auseinandersetzung mit der Existenzberechtigung der Menschheit. Sind wir wirklich die Krone der Schöpfung?

Der Film ist ein bildgewordenes Gedicht. Die drei ineinander verwobenen Erzählungen, eingefangen in unterschiedlichen visuellen Formen, verschmelzen zu einer traumhaft schönen Elegie. Kameramann Gergely Pálos („Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“, „Über die Unendlichkeit“) ist es gelungen, das Nicht-Sichtbare spürbar zu machen: das Holz, die Blätter, das Geäst des mächtigen Baumes reflektieren unaufdringlich alle Unwägbarkeiten des Seins. Dabei wird nie versucht, sämtliche Schleier des Geheimnisses von Sein und Werden zu lüften. Man darf im Kino träumen. Und stellt schließlich verwundert fest, dass man nicht in nebulöse Hirngespinste abdriftet, sondern sich beispielsweise intensiv mit dem Verhältnis von Mensch und Natur auseinanderzusetzen beginnt.

Das Schöne daran ist, dass kein Moment des Films von vordergründigem Kunstwillen oder angestrengter Grübelei zeugt. Die Ungarin Ildikó Enyedi erzählt wunderbar leicht. Es ist, als würde einem eine Freundin auf einem Spaziergang gut gelaunt dies und jenes erzählen. Gelegentlich franst das etwas aus, mäandert ein wenig, fasziniert aber durchweg mit einer vibrierenden Lust am Leben.

Erklär-Kino wird nicht geboten. Mitfühlen ist das A und O. Dabei lernt man mit großem Vergnügen auch einiges. Es ist beispielsweise absolut faszinierend, wenn auf verständliche Art deutlich wird, wie eine Pflanze auf die Anwesenheit oder Abwesenheit von Leuten im selben Raum reagiert. Schmunzelnd versteht man ganz nebenbei, dass all jene Recht haben, die darauf pochen, mit der Geranie oder dem Alpenveilchen im Blumentopf auf der Fensterbank beim Gießen ein wenig zu plaudern.

Luna Wedler wurde für ihre Interpretation der Grete im letzten September verdientermaßen mit dem Marcello-Mastroianni-Preis als beste Nachwuchsdarstellerin des Filmfestivals von Venedig ausgezeichnet. Auch alle anderen Darstellerinnen und Darsteller fesseln. Tony Leung Chiu-wai („In the Mood for Love“, „The Grandmaster“) zum Beispiel hält den von ihm verkörperten Wissenschaftler in schöner Balance zwischen drängendem Wissensdurst und sanfter Achtsamkeit. Zu der für viele Kinobesucher vielleicht wichtigsten Figur dürfte allerdings der nur am Rande auftauchende Hausmeister des botanischen Gartens werden: Sylvester Groth („Der Aufenthalt“, „In Zeiten des abnehmenden Lichts“) spielt diesen Anton zunächst als Zweifler, der mit allem Denken und Tun rund um die Pflanzenwelt so gar nichts anfangen kann. Plötzlich aber macht es unerklärlicherweise „Klick!“ bei ihm.

Wie diesem Mann dürfte es vielen im Dunklen des Kinos ergehen. Zunächst schauen sie sicherlich etwas verwirrt auf die Leinwand, wissen nicht recht, wozu sie da gebeten sind. Doch dann, auf einmal, nehmen sie womöglich die Äste und Blätter des Ginkgobaumes mit anderen Augen und Ohren war als bisher ...

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