Literatur RHEINPFALZ Plus Artikel Deutscher Buchpreis für Österreicher Tonio Schachinger

Urkomische Gegenwartsgeschichte: Buchpreisgewinner Tonio Schachinger.
Urkomische Gegenwartsgeschichte: Buchpreisgewinner Tonio Schachinger.

Wer diesen „urkomischen Intensivkurs in Mentalitätsgeschichte absolviert hat, ist reif für die Gegenwart“, urteilte unserer Kritiker Stefan Kister über den Roman „Echtzeitalter“ des 31-jährigen Österreichers Tonio Schachinger. Am Montagabend hat der in Delhi geborene Diplomatensohn dafür den Deutschen Buchpreis für das beste Buch des Jahres gewonnen. Er ist mit 25.000 Euro dotiert.

Schauplatz von Tonio Schachingers Roman „Echtzeitalter“, der die Gaming-Szene mit der Welt von Adalbert Stifter verbindet, ist ein elitäres Wiener Internat. Relativ leicht ist als Folie das Wiener Theresianum zu erkennen, das der studierte Germanist und Romanist Schachinger selbst besucht hat. Im Roman heißt es Marianum. Hier werden gehobene Bürgerkinder dazu erzogen, zu werden wie ihre Eltern, die Ärzte, Anwälte und Unternehmerinnen sind, sich als bessere Gesellschaft fühlen und das allzu gerne auch dokumentieren. Und wehe hier würde gegendert.

Es ist eine repressive Welt, verkörpert durch einen despotischen reaktionären Lehrer, „der Dolinar“. Till flüchtet in die Welt sogenannter Echtzeit-Computerspiele wie „Age of Empires 2“, andere Sphären abseits des elitären Familienzwists und der Pflichtlektüren. Till, in der Realität Durchschnitt, einer, der sich wegduckt, ist in der Gegenwelt der international vernetzten Gamerszene ein Ass. Was die Interpretation von Adalbert Stifters „Brigitta“ betrifft, hilft ihm das allerdings natürlich nicht weiter. So lässt sich „Echtzeitalter“ auch als ironische Frage lesen, was wohl mehr zur Entwicklung der Persönlichkeit beiträgt: eine unter dem Verdacht der Gewalt-Stimulation stehende Subkultur oder der dogmatische Terror des Wahren, Schönen, Guten.

Dazu weitet Schachinger, der 2019 mit seinem Debüt „Nicht wie ihr“ schon einmal im Finale des Buchpreiswettbewerbs war, den Blick über die Mauer, die Tills Schulkarriere überwölbt. Der Aufstieg des ehemaligen österreichischen Regierungschefs Sebastian Kurz findet darin ebenso Platz, wie das Video, in dem der damals aktuelle Vizekanzler auf Ibiza in schlabbrigem grauem T-Shirt, Wodka-Red Bull saufend, bildlich darstellt, wie korrupt Österreich wirklich ist. So werden im Computerspiel Geschichtsepochen lebendig, in „Echtzeitalter“ die jüngste Vergangenheit. Oder wie es in der Begründung der Jury heißt: „Mit feinsinniger Ironie spiegelt Schachinger die politischen und sozialen Verhältnisse der Gegenwart: Aus gebildeten Zöglingen spricht die rohe Gewalt. Die Welt der Computerspiele bietet einen Ort der Fantasie und Freiheit. Auf erzählerisch herausragende und zeitgemäße Weise verhandelt der Text die Frage nach dem gesellschaftlichen Ort der Literatur.“

Schachinger selbst sagte in seiner Dankesrede „alles, was ich weiß von diesem Leben, habe ich von meiner Frau gelernt.“ Neben ihm standen Terézia Mora („Muna oder Die Hälfte des Lebens“), Necati Öziri („Vatermal“), Anne Rabe („Die Möglichkeit von Glück“), Sylvie Schenk („Maman“) sowie Ulrike Sterblich („Drifter“) in der Endrunde des Wettbewerbs, für den rund 200 Werke aus diesem Jahr eingereicht worden sind.

Lesezeichen

Tonio Schachinger: „Echtzeitalter“; Roman; Rowohlt, Hamburg; 24 Euro.

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