Kultur Der Sieg über die Sonne

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Florian Illies ist erst 47 Jahre alt, hat aber schon etliche Karrierestationen absolviert: Edelfeder bei der „Frankfurter Allgemeinen“, Gründer der Kunstzeitschrift „Monopol“, Herausgeber der „Zeit“, Bestsellerautor von „Generation Golf“ und „1913“, zuletzt Leiter des Berliner Aktionshauses Grisebach. Bald Rowohlt-Verleger. Jetzt hat er seinen Bestseller „1913“ über das europäische Epochenjahr fortgeschrieben. Untertitel: „Was ich unbedingt noch erzählen wollte“.

In „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“, dem Ausgangswerk, leuchtete Florian Illies das Jahr 1913 nicht mit dem großen Scheinwerfer des Historikers aus, sondern mit kleinen, erhellenden Schlaglichtern und impressionistischen Farbtupfern. In seiner Collage feierte, liebte, malte und dichtete das Europa der Belle Epoque, als gäbe es kein Morgen: Der Untergang des Abendlandes war spürbar nah, aber kühne Erfinder, Revolutionäre und Avantgardisten arbeiteten rastlos am Fortschritt. So klöppelte und puzzelte Illies, gut gelaunt im Ton, lesefreundlich in der Erzählform, sein Porträt des Jahres zusammen, in dem die Moderne laufen lernte. „1913“ wurde ein Riesenerfolg. Jetzt, sechs Jahre später, hat Illies nachgelegt: „Dieses Jahr 1913 lässt mich einfach nicht los. Und je tiefer ich hineingetaucht bin, desto schönere Schätze fand ich auf dem Meeresgrund.“ Nun ja, das ist Klappentextpoesie. Die Originalität und Erkenntnisqualität der geborgenen (oder von Zuträgern geborgten) Fundstücke ist beim zweiten Aufguss jedenfalls nicht mehr ganz so hoch wie beim ersten. Es gibt einige Wiederholungen, und so macht sich, auch weil Illies sich diesmal noch mehr auf ein „Buch der Liebe“ kaprizieren wollte, ein gewisser Überdruss breit: So viele Affären, Amouren und Liebschaften zwischen großen Künstlern, ihren Modellen und Musen. Puccini, Caruso und D’Annunzio liebten natürlich italienisch leidenschaftlich, aber auch andere Völker können mithalten. Proust kauft seinem Chauffeur ein Flugzeug und bringt mit seinen Korrekturwünschen Verleger und Drucker zur Verzweiflung. Eine schöne Polin spannt dem Ballettimpresario Diaghilew den schwulen Startänzer Nijinsky aus. Kafka macht Felice im Konjunktiv den Hof, Hesses Ehe ist nicht mehr zu retten. Rilke, mit seinem hypochondrischen Seelenjammer immer schon ein running gag, hat wieder mal Schnupfen und leidet sogar in Bad Rippoldsau groß. Es gibt auch einige starke Frauen, tollkühne Fliegerinnen, exzentrische Gräfinnen, Mata Hari und Emmy Hennings, aber die MeToo-Debatte hat weder 1913 noch im Blick des Autors größere Spuren hinterlassen. Illies bietet wieder eine Fülle herrlicher Anekdoten, verblüffender Querverbindungen und geistreicher Bemerkungen. Nützliche Erfindungen (Staubsauger, Geigerzähler, Reißverschluss, Lügendetektor) werden 1913 gemacht. Die erste Tankstelle wird eröffnet, das spurlose Verschwinden Rudolf Diesels ist der „erste Diesel-Skandal“. Der Islam gehört zu Deutschland: Die meistverkaufte deutsche Zigarettenmarke heißt „Moslem“. Der Potsdamer Feuerschlucker Otto Witte wird für fünf Tage König von Albanien, Sexgurus und Wunderheiler wie Rasputin und Karl Wilhelm Diefenbach machen die Frauenwelt nervös. Gorki erholt sich auf Capri von revolutionären Strapazen, Rosa Luxemburg botanisiert, Jack London wird Ökofarmer und vorübergehend nüchtern. Gerhard Hauptmann erfindet für sich den Begriff „passive Produktivität“, die Jugendbewegung feiert auf dem Hohen Meißner ihr „wilhelminisches Woodstock“, und sehr zur Verwunderung des Zirkusdirektors Hagenbeck verlieben sich deutsche Frauen immer öfter in die Afrikaner aus seiner Völkerschau. Auf dem Kunstmarkt werden die Futuristen durch die „Simultaneisten“ überholt; der letzte „Ego-Futurist“ schneidet sich die Kehle durch. Die Kubisten lassen in der Auflösung der Formen auch ihre Ehefrauen verschwinden, Kandinsky vollendet die Abstraktion. Die Russen, wie immer Avantgarde-Avantgard, feiern mit Malewitsch sogar schon den „Sieg über die Sonne“. Während Erich Mühsam das Jahr 1913 als „Bankrott aller Staatskunst“ und Gipfel von „Knechtsinn, Brutalität und Dummheit“ bilanziert, jubelt Stefan Zweig: „Nie war Europa stärker, reicher, schöner, nie glaubte es inniger an eine noch bessere Zukunft.“ Illies stellt die Widersprüche und Gleichzeitigkeiten des Ungleichzeitigen maliziös, fast unkommentiert nebeneinander. Das ist Stärke und Schwäche seines Buchs: „1913“ ist souverän erzählte Gegenwart („Wir schalten zu Coco Chanel nach Paris“), ein Lesebuch spektakulärer Kriminalfälle, Affären und Deja-vus. Aber wer tiefere Zusammenhänge oder gar historische Analysen sucht, ist bei dieser anekdotenseligen Häppchen-Collage fehl am Platz. Lesezeichen Florian Illies: „1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte“; S. Fischer, Frankfurt; 305 Seiten; 20 Euro.

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